# taz.de -- Zeugnisse des Ausschlusses
       
       > Das Arsenal zeigt ab heute online ein Sonderprogramm des Forums der
       > Berlinale. In der Reihe „Fiktionsbescheinigung“ laufen frühe und aktuelle
       > rassismuskritische Filme
       
 (IMG) Bild: Szene aus „In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in Teheran“ von Narges Kalhor (2019)
       
       Von Fabian Tietke
       
       Drei Köpfe unter Handtüchern über Töpfe gebeugt. Über dem Küchentisch hängt
       Ratlosigkeit, gemeinsam grübeln die drei Protagonisten nach dem Inhalieren,
       wie die junge Regisseurin aus dem Iran es dem Dozenten an der deutschen
       Filmhochschule recht machen soll. „Es gibt so viele Themen … Iran, Irak …“
       
       Narges Kalhors an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen
       entstandener „In the Name of Scheherazade oder der erste Biergarten in
       Teheran“ bricht erfreulich schnell mit dem Topos des „Was tun?“ von
       Filmhochschulfilmen und entrollt eine Farce deutscher Orientfantasien, die
       sie mit biografischen Einsprengseln bricht. Kalhor spielt ihre
       Protagonistin selbst, wobei sich Fiktion und Realität der Biografien
       kreuzen.
       
       Ergänzt wird diese Collage durch märchenhafte Animationssequenzen,
       Spielszenen und wiederholte Diskussionen mit dem Dozenten im Off-Ton über
       das Gesehene. „In the Name of Scheherazade“ stellt beharrlich kleine Fehler
       und Missverständnisse aus, macht den Film als (Zwischen-)Ergebnis eines
       Prozesses sichtbar.
       
       Kalhors Film ist Teil eines Sonderprogramms des Forums der Berlinale. Unter
       dem Titel „Fiktionsbescheinigung“ haben die fünf Kurator_innen Enoka
       Ayemba, Karina Griffith, Jacqueline Nsiah, Biene Pilavci und Can Sungu 16
       Filme zusammengestellt, mit denen sie die Frage aufwerfen: „Wer findet
       Einlass in die deutsche Kulturgeschichte, ins Kino und den Filmkanon, und
       wer bleibt draußen?“
       
       Die meisten der Filme sind parallel zur Berlinale im [1][Streamingangebot
       des Arsenals] zu sehen und werden im August noch einmal im Freiluftkino des
       Sinema transtopia zu sehen sein. Die Kuratoren erläutern den Titel selbst:
       „‚Fiktionsbescheinigung‘ ist ein Begriff aus dem Amtsdeutsch. Wenn Menschen
       aus Nicht-EU-Ländern einen Antrag auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis
       stellen, dann erhalten sie für die Zeit, in der der Antrag geprüft wird,
       eine solche Bescheinigung.“ Die Fiktionsbescheinigung ist das
       verschriftlichte Zeugnis eines Ausschlusses, der eventuell irgendwann in
       der Zukunft unter Umständen aufgehoben wird, wenn es denn der
       Mehrheitsgesellschaft genehm ist.
       
       Die Filmreihe stellt verstreute Ansätze zu rassismuskritischem Filmemachen
       bis Ende der 1990er Jahre einer Auswahl aktueller Filme gegenüber. Bei der
       Auswahl der älteren Filme folgt das Programm in Teilen früheren Reihen, in
       denen sich eine Handvoll zentraler Filme und Filmemacherinnen
       herauskristallisiert hat. Das trifft etwa auf die beiden Filme von Sema
       Poyraz aus dem Programm zu. „Gölge“ ist Poyraz’ Abschlussfilm zu ihrem
       Studium an der Film- und Fernsehakademie Berlin, den sie zusammen mit
       Sofoklis Adamidis realisierte.
       
       Der Film zeigt das Leben einer Schülerin in Kreuzberg. Die Tochter
       türkischer Eltern flüchtet sich aus den beengten Verhältnissen immer wieder
       in Traumwelten. Wenn es in der Balance aus Gesellschaftsbild und Poesie ein
       deutsches Gegenstück zu Mehdi Charefs „Tee im Harem des Archimedes“ gibt,
       dann ist es dieser Film. Dennoch ist „Gölge“ einer jener Filme, die es
       trotz vieler Wiederentdeckungen noch immer nicht in den Kanon deutscher
       Filme der 1980er Jahre geschafft haben.
       
       Im Rahmen der Reihe zeigen sich erschreckende Verbindungslinien des
       Rassismus. 1991 dreht Rahim Shirmahd „18 Minuten Zivilcourage“, einen Film
       über den Mord an einem iranischen Geflüchteten in Tübingen. Kiomar Javadi
       wird nach einem behaupteten Ladendiebstahl von Mitarbeitern der
       Supermarktkette Pfannkuch, die später von Spar übernommen wurde,
       umgebracht.
       
       Die Mitarbeiter würgten Javadi 18 Minuten lang, ihre dabeistehenden
       Kollegen verhinderten das Eingreifen einiger weniger und stießen mit ihrer
       Tat anschließend bei der deutschen Justiz auf ebenso viel Verständnis wie
       bei einem erheblichen Teil der Tübinger Bevölkerung. Die Gespräche mit
       Passanten lassen einem das Blut gefrieren. Der Film rekonstruiert das Leben
       Javadis und bettet es in das Leben Geflüchteter in der BRD der 1980er
       Jahre. Aktuell gibt es in Tübingen Bestrebungen, eine Straße nach Javadi zu
       benennen.
       
       Wie aktuell, wie rar die Gegendarstellung ist, die der heute in Moabit
       lebende Shirmahd Anfang der 1990er Jahre unternommen hat, wird im
       Zusammenspiel mit Mala Reinhardts „Der zweite Anschlag“ deutlich. Reinhardt
       spricht 2018 mit Angehörigen von Opfern rassistischer Anschläge: Rostock,
       Mölln und des [2][NSU-Mords an Süleyman Taşköprü in Hamburg].
       
       Der Titel des Films entstammt dem Gespräch mit Ibrahim Arslan, der 1992 den
       rassistischen Brandanschlag in Mölln überlebt hat: „Der erste Anschlag ist
       der nicht vermeidbare Anschlag. Das ist der Anschlag, der in dieser Nacht
       passiert ist. Und dann gibt es den zweiten Anschlag, das ist der Anschlag
       der Gesellschaft, der Medien, der Politiker, der Justiz. Und dieser
       Anschlag ist bei weitem der schlimmere.“
       
       Die parteiischen Interventionen von Shirmahd und Reinhardt rufen nicht nur
       die konkreten Taten in Erinnerung, sie dokumentieren auch den
       gesellschaftlichen Umgang mit diesen Taten über die Jahre hinweg. Vor allem
       in Letzterem treffen sie sich mit „Bruderland ist abgebrannt“ von Angelika
       Nguyen, der sich dem Leben vietnamesischer Vertragsarbeiter_innen nach dem
       Fall der Mauer, nach den Mordversuchen von Rostock-Lichtenhagen und
       inmitten des allgegenwärtigen Rassismus der Baseballschlägerjahre und der
       Regierung Kohl widmet.
       
       Andere Filme wie Wanjiru Kinyanjuis „Black in the Western World“ verweisen
       auf die Probleme, denen sich Spurensuchen jenseits des Kanons schnell
       gegenübersehen: Der Film liegt nur als analoge Filmkopie vor, ist deshalb
       nicht Teil des Streamingangebots. Umso wichtiger bleiben Versuche wie die
       Reihe „Fiktionsbescheinigung“, diese Filme der Unsichtbarkeit zu entreißen
       und ihre aktuellen Entsprechungen gar nicht erst dem Vergessen anheimfallen
       zu lassen.
       
       „Fiktionsbescheinigung“, bis 30. Juni, [3][www.arsenal-3-berlin.de]
       
       9 Jun 2021
       
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