# taz.de -- Zeit für die Wirklichkeit: Lernen von den Kids
       
       > Fridays for Future zeigen, dass die Kinder heute die Realisten sind und
       > die Erwachsenen die Illusionisten. Werdet endlich erwachsen, Erwachsene! 
       
       von [1][Harald Welzer] 
       
       Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, hat Ingeborg Bachmann gesagt. Unser
       Kulturmodell verdankt sich der Aufklärung, mithin der Entmythologisierung
       der Welt, zugunsten von naturwissenschaftlicher Erkenntnis und empirischer
       Tatsachenfeststellung. Unsere Gegenwartsgesellschaft behauptet demgemäß
       sogar, eine »Wissensgesellschaft« zu sein, also auf der Grundlage von
       Wissen zu handeln und zu planen. Naja. 
       
       Würde man tatsächlich wissensbasiert handeln, hätte man längst erfolgreich
       Treibhausgasemissionen reduziert – das Wissen über die Ursachen des
       Klimawandels ist seit Jahrzehnten vorhanden. Würde man wissensbasiert
       handeln, hätte man schon längst auf eine Landwirtschaft umgestellt, die
       Natur- und Lebensräume nicht großflächig ruiniert, und auch schon vor
       Jahrzehnten die rasante Flächenversiegelung gestoppt. 
       
       Würde man wissensbasiert handeln, gäbe es gewiss weder Größenzuwachs bei
       Autos noch Kreuzfahrtschiffe, subventionierte Luftfahrt oder Andreas
       Scheuer als Verkehrsminister. Genauso wenig würde man energie- und
       strahlungsintensive Infrastrukturen wie 5G installieren und die
       Verletzlichkeit der Gesellschaft radikal erhöhen, sondern zusehen, dass man
       widerstandsfähige Versorgungsinfrastrukturen schafft, die krisenresistent
       sind und autark funktionieren. 
       
       Macht man aber alles nicht, sondern das exakte Gegenteil: Jedes Jahr ein
       neues Rekordjahr im Ressourcenverbrauch, in den CO2-Emissionen, in den
       Absatzzahlen von SUVs, im Expansivtourismus. Warum aber dann eigentlich die
       Aufregung über die Dauerproduktion sogenannter alternativer Fakten durch
       die Trump-Administration oder den Stuss der AfD in Sachen CO2, Klimawandel
       usw.? Sind wir, die Guten, denn eigentlich wahrheitsliebender, wenn wir
       Jahr für Jahr – bei steigenden Emissionsmengen – mitteilen, dass ein
       Einbremsen der Erderhitzung bei 1,5 Grad Steigerung »immer noch« möglich
       ist (dazu müsste ja nur die komplette Weltwirtschaft kurz umgestellt
       werden). Oder entspricht es irgendeiner »Wahrheit« zu sagen,
       Rechtsextremismus sei kein ostdeutsches Problem, wenn in Ostdeutschland die
       AfD zur dominierenden politischen Kraft zu werden droht, und zwar nicht
       trotz, sondern wegen Höcke? 
       
       ## Selbstdienlichen Geschichten
       
       Man könnte jetzt eine Menge solcher alternativer Fakten aufzählen, die auch
       in unserem ökoliberalversifften Spektrum ungefragt weitergereicht werden,
       aber bitte: Welchen Realitätsgehalt hat denn die Mitteilung, dass man eine
       globalisierte Wirtschaft rechtzeitig auf einen Pfadwechsel hin zur
       Nachhaltigkeit bringen könne, wenn das seit 1972, dem Erscheinungsjahr der
       Grenzen des Wachstums, nicht geschehen ist? Wie lange mag man sich
       gegenseitig noch erzählen, dass die Digitalisierung bei der
       Energieeinsparung hilft und gesellschaftliche Teilhabe erhöht? Oder dass
       »europäische Werte« noch irgendeinen Nennwert haben, wenn die
       Flüchtlingspolitik so ist, wie sie ist? Liefern wir solche selbstdienlichen
       Geschichten immer wieder ab, um nicht anerkennen zu müssen, dass das
       Verfallsdatum unseres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells längst
       überzogen ist? 
       
       Der Konstanzer Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke hat schon vor
       Jahren darauf hingewiesen, dass Gesellschaften unseres Typs für die
       permanente Erzeugung von Wachstum nicht mehr nur räumlich expandieren,
       sondern auch in die Zeit, und somit Kredite aufnehmen, die sie nie
       zurückzahlen werden. Also buchstäblich Zukunft vor der Zeit verbrauchen und
       gewissermaßen über das Verfallsdatum von Substanz und Wissen hinaus –
       einfach weitermachen. 
       
       Aber der Epochenbruch 1989 hat ja genau gezeigt, was geschieht, wenn
       Gesellschaftssysteme über ihr funktionales Verfallsdatum hinaus business as
       usual machen und sich nicht modernisieren. Irgendwann, zwei, drei
       Jahrzehnte nach Überdehnung der materiellen, kulturellen und sozialen
       Grundlage bricht der bis dahin mühsam zusammengehaltene Schuppen einfach
       zusammen, not with a bang, sondern wie ein Ballon, dem alle Luft entwichen
       ist. Oder stürzt ab, um ein anderes Bild zu gebrauchen, wie die
       Zeichentrickfiguren, die in wilder Flucht längst über die Klippe
       hinausgelaufen sind und erst nach vielen Metern auf gerader Linie in der
       Luft merken, dass sie keinen Boden mehr unter den Füßen haben. 
       
       ## Der Illusion den Vorzug geben
       
       All das ist nicht erst seit gestern zu bemerken, aber in stillschweigendem
       Einverständnis scheinen sich fast alle darauf geeinigt zu haben, dass es
       besser ist, der Wirklichkeit eher nicht ins Auge zu sehen und der Illusion
       den Vorzug zu geben. Ist das anders als in der DDR, wo man die
       Überlegenheit des Sozialismus jeden Tag gefeiert hat, obwohl das System
       schon komplett erodiert war? Kommen wir, anders gesagt, in eine wünsch- und
       gestaltbare Zukunft, wenn wir uns jeweils mit der halben Wahrheit begnügen
       – mehr Emissionen, mehr sterbende Arten, mehr Flüchtlinge, mehr Rechte,
       mehr Autoritarismus, soweit reicht die Wahrheit schon. Nur die zweite
       Hälfte fehlt: Das Leben wird sehr anders sein, wenn wir uns zumuten, das
       alles ernst zu nehmen. 
       
       Müssen wir nicht endlich unsere Lebenslügen ähnlich unter den Verdacht
       selbstdienlicher Fake News stellen wie die der Wachstumsgläubigen und
       Klimaleugner, und der Komplettverschrateten von ganz rechts? Genau das ist
       ja die Wahrheit, die die Fridays for Future der Politik zumuten, wenn sie
       sagen, es müsse endlich das Notwendige getan werden (und nicht alles
       andere). Damit sind wir ja in der historisch durchaus bemerkenswerten
       Situation, dass heute die Kinder und Jugendlichen die Realisten sind und
       wissensbasiert handeln und die Erwachsenen die Illusionisten, die jeden
       Bezug zur ihrer Wirklichkeit verloren haben. Und was folgt daraus? 
       
       Die Aufforderung lautet, nun endlich auch erwachsen zu werden, also sich
       selbst zu glauben, was man zu wissen vorgibt und dann das Notwendige zu
       tun. Keine Gründe zur Beruhigung finden. Aufhören, das Setzen von Zielen
       mit Taten zu verwechseln, aufhören damit, erstmal die Abschaffung des
       Kapitalismus, die Befreiung des globalen Südens, die Beseitigung von
       Fluchtursachen und ähnlich magische Dinge zu fordern, bevor man sofort,
       umstandslos, jetzt Dinge anders zu machen beginnt. Sich selbst und die
       Politik unter Druck setzen, protestieren, zivilen Ungehorsam ausprobieren.
       Lernen von den Kids.
       
        1 Oct 2019
       
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