# taz.de -- Wahlsieg Konservativer in Australien: Suizid-Welle im Flüchtlingslager
       
       > Die konservative Koalitionsregierung in Australien wurde überraschend
       > wiedergewählt. In einem Lager nahmen sich mehrere Geflüchtete nun das
       > Leben.
       
 (IMG) Bild: Flüchtlinge in einem australischen Internierungslager auf der Insel Manus bei einem Protest 2017
       
       Canberra taz | „Die Situation auf der Insel Manus ist außer Kontrolle“,
       warnte der iranische Autor und Journalist Behrouz Boochani am Mittwoch
       [1][über den Kurznachrichtendienst Twitter]. Sechs Flüchtlinge hätten
       bereits versucht, sich im von Australien betriebenen Internierungslager in
       Papua-Neuguinea das Leben zu nehmen. „Manus wird zum Friedhof“, so
       Boochani, der seit mehreren Jahren in der Anlage lebt.
       
       Insgesamt fast 1.000 Flüchtlinge werden auf der Insel Manus sowie im
       kleinen Pazifikstaat Nauru auf Geheiß der australischen Regierung
       festgehalten – einige seit über fünf Jahren. Die [2][unerwartete Wiederwahl
       der konservativen Regierungskoalition] unter Premierminister Scott Morrison
       am Samstag habe vielen Internierten die Hoffnung geraubt, innerhalb kurzer
       Zeit entlassen zu werden.
       
       Die Flüchtlinge hatten offenbar auf einen Sieg der oppositionellen
       Labor-Partei gehofft, und auf eine Lockerung der von einem ehemaligen
       Lagerarzt als „Folter“ kritisierten [3][Politik der Zwangsinternierung].
       „Unser Leben hing davon ab“, so Boochani. Die Flüchtlinge hätten damit
       gerechnet, eine Labor-Regierung würde ein von Neuseeland gemachtes Angebot
       akzeptieren, 150 der Festgehaltenen aufzunehmen. Die konservative Regierung
       unter Premierminister Scott Morrison weigert sich, die Flüchtlinge nach
       Neuseeland reisen zu lassen.
       
       Wie der Polizeikommandant von Manus, David Yapu, gegenüber dem
       Fernsehsender CNN sagte, hätten zwei auf der Insel Festgehaltene versucht,
       sich das Leben zu nehmen. Zwei weitere Suizidversuche seien aus der
       Hauptstadt Port Moresby gemeldet worden.
       
       ## Sprecher der Festgehaltenen
       
       Laut Boochani, der sich in den letzten Jahren als Sprecher der
       Festgehaltenen einen Namen gemacht und [4][ein preisgekröntes Buch über die
       Situation auf Manus geschrieben] hatte, führt die Diskrepanz bei den
       Opferzahlen darauf zurück, dass „die Polizei nicht über alle Fälle hier
       Bescheid weiß“. Ian Rintoul, Sprecher der australischen
       Flüchtlingsorganisation Refugee Action Coalition, bestätigte die Meldungen.
       „Es gibt eine Welle von Selbstmordversuchen seit dem Wahlausgang vom
       Samstag.“ Die australische Regierung äußerte sich bis Mittwochabend nicht
       offiziell zu den Meldungen.
       
       Beobachter gehen davon aus, dass ein jüngst gegen den Willen der
       australischen Regierung eingeführtes Gesetz wieder rückgängig gemacht
       werden soll. Danach soll es im Ermessen von Ärzten liegen, ob kranke oder
       verletzte Flüchtlinge aus den Lagern zur Behandlung nach Australien
       evakuiert werden sollen. Bisher lag der Entscheid bei den Behörden. In
       einigen Fällen starben Schwerkranke oder -verletzte, weil ihnen der Flug
       nach Australien verweigert worden war oder die Bewilligung nicht
       rechtzeitig eingetroffen war.
       
       Mehr als 4.000 Männer, Frauen und Kinder sind seit 2012 in den Lagern
       festgehalten worden, nachdem die damalige australische Labor-Regierung
       beschlossen hatte, kein sogenannter Bootsflüchtling dürfe jemals einen Fuß
       auf australischen Boden setzen. Es handelte sich dabei meist um aus
       Afghanistan, Irak und Iran stammende Menschen, die versucht hatten, von
       Indonesien oder Sri Lanka aus auf Fischerbooten nach Australien zu
       gelangen, um dort Schutz zu suchen.
       
       Die Lebensbedingungen in den Lagern wurden unter Scott Morrison deutlich
       verschärft, als dieser Einwanderungsminister in der konservativen Regierung
       wurde. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International (AI) sprach
       nach einer Inspektion der Pazifikinsel Nauru von einem „Regime
       systematischer Vernachlässigung und Grausamkeit“. Nicht mal in
       Kriegsgebieten in Syrien und Irak habe AI derart inhumane Zustände
       angetroffen, unter welchen Flüchtlinge leben müssen, die den Schutz
       Australiens gesucht hatten.
       
       ## Ein Bild der Brutalität
       
       Von Wärtern und Angestellten im Asylinternierungslager Nauru verfasste
       „Vorfall-Berichte“ zeichnen ein Bild der Brutalität, Hoffnungslosigkeit und
       Verzweiflung: Fälle von Selbstmordversuchen, Selbstverstümmelungen,
       körperlichen Angriffen auf die festgehaltenen Asylsuchenden seien an der
       Tagesordnung, so auch ehemalige Mitarbeiter. Besonders häufig sind Berichte
       über angedrohte und erfolgte sexuelle Belästigungen von Frauen und Kindern.
       So sollen Wärter Kinder geschlagen oder sexuell attackiert haben.
       
       Die Mehrheit der australischen Bevölkerung steht hinter der „Politik der
       Grausamkeit“, wie Kritiker sie nennen. Die Regierung stellt sich auf den
       Standpunkt, die Praxis der Abschreckung von Nachahmern sei erfolgreich. Sie
       habe die Boote gestoppt, es würden keine Menschen mehr auf dem Weg nach
       Australien ertrinken. Wie viele der oftmals kaum seetüchtigen Schiffe in
       den Gewässern im Norden des Kontinents von der australischen Marine zur
       Umkehr gezwungen werden und wie viele Menschen auf dem Rückweg ertrinken,
       ist jedoch unklar. Die Regierung hat alle entsprechenden Informationen zur
       Geheimsache erklärt.
       
       22 May 2019
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://twitter.com/behrouzboochani?lang=de
 (DIR) [2] /Australiens-Wahlsieger-Scott-Morrison/!5596378
 (DIR) [3] /Besetztes-Lager-in-Papua-Neuguinea/!5465904
 (DIR) [4] /Fluechtling-gewinnt-Literaturpreis/!5567437
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Urs Wälterlin
       
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