# taz.de -- Wahlkampf in Nigeria: Jetzt geht es wieder um alles
       
       > Zwei alte Männer kämpfen um die Vorherrschaft in einem jungen Land. Von
       > der Wahl in Nigeria könnte die Stabilität Westafrikas abhängen.
       
 (IMG) Bild: Kandidiert für die Wiederwahl: Amtsinhaber Muhammadu Buhari
       
       Lagos taz | Der Verkehr in Afrikas größter Stadt ist immer unberechenbar.
       Doch wenn Nigerias Regierungspartei APC (All Progressives Congress) zum
       Wahlkampfauftakt in der 18-Millionen-Einwohner-Metropole Lagos lädt, wird
       die Fahrt zum Flughafen zur großen Geduldsprobe. Zu Tausenden werden
       Unterstützer von Präsident Muhammadu Buhari in Minibussen angekarrt. Viele
       tragen maßgeschneiderte Hemden in den Parteifarben Blau, Grün und Weiß.
       Aufgedruckt ist das Konterfei von Babajide Sanwo-Olu, Spitzenkandidat für
       die Gouverneurswahl in Lagos.
       
       Taxifahrer Samson flucht. „Es ist mitten in der Woche. Warum arbeiten die
       nicht?“ Sein Auto bewegt sich keinen Zentimeter. Später berichten
       Zeitungen, dass sich Gangster unter die Parteianhänger gemischt und Schüsse
       gefeuert haben, mindestens zwei Menschen seien gestorben.
       
       In Nigeria hat der Wahlkampf begonnen. So wie in Lagos ist er zwar nicht
       überall spürbar, die Kandidaten fangen erst an, durch das riesige Land zu
       touren. Ein Einwohner aus dem Bundesstaat Niger im Norden des Landes
       erzählt, dass bisher nicht wie sonst Geld zirkuliert, um Stimmen zu kaufen.
       
       Die nichtstaatliche Wahlbeobachterorganisation Africa Yiaga sagt jedoch,
       dass das Verteilen von Geschenken zunimmt, je näher der Wahltag rückt.
       [1][Gewählt werden] am 16. Februar Präsident und Parlament, zwei Wochen
       später Gouverneure und Landesparlamente. 84 Millionen Wähler sind laut
       Wahlkommission registriert, 14,3 Millionen mehr als vor vier Jahren.
       
       ## Der erste friedliche Machtwechsel
       
       Die Wahlen 2015 hatten eine Sensation ergeben: Präsident Goodluck Jonathan
       von der People’s Democratic Party (PDP), die Nigeria seit dem Ende der
       Militärherrschaft 1999 regiert hatte, gratulierte drei Tage nach dem
       Urnengang Herausforderer Buhari und gestand seine Niederlage ein. Es kam
       zum ersten friedlichen Machtwechsel in einem Land, das sonst eher
       Staatsstreiche kennt. Das ist für ganz Afrika wichtig. Nigerias
       Volkswirtschaft ist die größte des Kontinents, von seiner Stabilität
       [2][hängt die von ganz Westafrika ab].
       
       Jetzt geht es wieder um alles. Die PDP, die vor vier Jahren die Macht
       verlor, will sich mit Kandidat Atiku Abubakar, 72, zurück an die
       Staatsspitze kämpfen. Der Geschäftsmann war von 1999 bis 2007
       Vizepräsident. Amtsinhaber Buhari, 76, kandidiert für die Wiederwahl.
       Andere Kandidaten werden keine Rolle spielen. Da beide Spitzenkandidaten
       aus dem muslimischen Norden stammen, liegt dort auch der Fokus der Wahl.
       
       Verlässliche Meinungsumfragen gibt es nicht. Doch aktuell deutet nichts auf
       einen eindeutigen APC-Sieg wie 2015 hin. Buhari hat sich als schwacher
       Präsident erwiesen. Zuletzt war er mehrfach wochenlang in London zur
       medizinischen Behandlung – von Prostatakrebs ist die Rede. In den
       vergangenen Monaten wechselten Dutzende Politiker, wie etwa Senatspräsident
       Bukola Saraki, vom APC zur PDP. Vor vier Jahren war es umgekehrt gewesen.
       
       Während seine Anhänger Buhari weiterhin als „einfach“ und als Mann aus dem
       Volk beschreiben, kritisiert vor allem die städtische Bevölkerung, dass der
       alte Präsident seine Wahlziele Sicherheit, Korruptionsbekämpfung und
       Wirtschaftswachstum nicht erreicht hat. Im Nordosten Nigerias verübt die
       Terrorgruppe Boko Haram weiter Anschläge. Nach UN-Angaben sind 1,9
       Millionen Menschen auf der Flucht.
       
       ## Schwierige Jobperspektiven landesweit
       
       Verschärft hat sich in Zentralnigeria der Konflikt zwischen Farmern und
       Viehhirten mit Tausenden Toten. Neuerdings kommt es im Nordwesten fast
       täglich zu Banditenüberfällen. Im nordwestlichen Bundesstaat Zamfara sagt
       der 23-jährige Mohammed Hamisu, dessen Dorf erst vor einer Woche überfallen
       worden ist: „Wir können nicht in Ruhe wählen gehen. Die Angst ist viel zu
       groß.“
       
       Ein Grund für zunehmende Unsicherheit: Die schlechte Wirtschaftslage, die
       mit hoher Inflation und niedrigem Wirtschaftswachstum die Menschen in Armut
       verharren lässt. Kurz vor der Wahl soll die Anhebung des Mindestlohns von
       18.000 Naira – dem Preis für einen 50-Kilo-Sack Reis – auf 30.000 (von 43
       auf 71 Euro) ein Zugeständnis sein. Aber im ganzen Land werden schwierige
       Jobperspektiven beklagt.
       
       Genau damit zieht Geschäftsmann Abubakar nun in den Wahlkampf. Er
       verspricht, Jugendarbeitslosigkeit zu bekämpfen und mit dem #TheAtikuPlan
       50 Millionen kleine und mittlere Unternehmen zu unterstützen. Seine Gegner
       werfen ihm jedoch Korruption im großen Stil vor und berufen sich auf einen
       Bericht des US-Senats.
       
       ## Prozess wegen Korruption
       
       Darin heißt es, dass Atiku Abubakar und eine seiner Frauen zwischen 2000
       und 2008 mehr als 40 Millionen US-Dollar aus Nigeria in die USA gebracht
       haben sollen. Er soll jahrelang kein Visum für die USA erhalten haben.
       Schon gibt es Prognosen, dass die Opposition vor den Wahlen wieder
       kollabieren wird.
       
       Wer mit dem Auto durch Nigeria reist, kann es an jeder Straßensperre
       beobachten. Polizisten, Zöllner, Straßenwächter stecken mal mehr, häufig
       weniger verstohlen einen Geldschein ein und winken das Fahrzeug durch.
       
       Am Montag begann in Nigerias Hauptstadt Abuja ein Korruptionsprozess gegen
       den Präsidenten des obersten Gerichts, Walter Samuel Nkanu Onnoghen: Er
       soll undeklarierte Auslandskonten besitzen. Buhari hatte ihn am Samstag
       seines Amtes enthoben. Sonst würde er über Wahlanfechtungen entscheiden.
       
       15 Jan 2019
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katrin Gänsler
       
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