# taz.de -- Mythos Stalin: Erbschaft dieser Zeit
       
       > Viele westliche Intellektuelle feierten Stalin 1937 als Lichtfigur und
       > Retter der Vernunft - von Lion Feuchtwanger über Dashiell Hammett bis zu
       > Ernst Bloch. Warum?
       
 (IMG) Bild: Kriegsveteran mit Stalin-Foto: Der sowjetischen Führer hatte viele Bewunderer
       
       In den Moskauer Prozessen von 1936 bis 1938 ließ Stalin fast alle
       Revolutionäre, die sich 1917 als Bolschewiki an die Macht geputscht hatten,
       auslöschen. Sie wurden nicht nur ermordet, sie mussten zuvor in
       Schauprozessen, gefoltert und erpresst, gestehen, dass sie mit England,
       Hitler und Trotzki im Bunde standen, um die Sowjetunion zu vernichten. Die
       Prozesse und die Geständnisse der Angeklagten erschienen vielen im Westen
       als Rätsel.
       
       Konnte es denn wirklich sein, dass sich die gesamte Elite der KPdSU, von
       Sinowjew über Karl Radek bis zu Nikolai Bucharin, gemeinsam mit der Führung
       der Roten Armee gegen Stalin verschworen hatten, unterstützt von
       ausländischen Mächten? Warum regierte Stalin trotzdem mit schrankenloser
       Macht? Die erfundene Opposition, die in den Moskauer Prozessen vernichtet
       wurde, erinnerte, so Isaak Deutscher später, an "den Niagarafall, der für
       den Antrieb eines Kinderschiffchens" verwendet worden war. Doch viele
       wollten 1937 das Offenkundige nicht sehen.
       
       Der entgrenzte sowjetische Terror tobte seit der Ende der Zwanzigerjahre
       beginnenden Vernichtung der Kulaken und fraß sich metastasenartig durch die
       Gesellschaft. Er kostete Millionen Menschen das Leben. Moralisch existiert
       kein Unterschied zwischen dem Terror der Hitlerregimes in den
       Vierzigerjahren und dem des Stalinismus. Gleichwohl verklärten Autoren wie
       Ernst Bloch und Lion Feuchtwanger die UdSSR zum Reich der Vernunft.
       
       Lion Feuchtwanger, der von den Nazis ins Exil getriebene jüdische Literat,
       fuhr 1937 nach Moskau. Der Humanist, dessen Bücher "Jud Süß" und "Die
       Geschwister Oppermann" auch in Großbritannien und den USA reüssierten,
       schrieb in seinem Reisebericht: "Die Verehrung Stalins ist nichts
       Künstliches. Das Volk ist Stalin dankbar für Brot und Fleisch und Ordnung
       und Bildung." Zum Prozess gegen Radek und Pjatakow notierte er: "Wenn
       dieser Prozess arrangiert war, dann weiß ich nicht, was Wahrheit ist."
       
       Dass es außer den Geständnissen in den Prozessen keine Beweise gab, empfand
       Feuchtwanger nicht als gravierend. Das Beweismaterial sei, erfuhr er von
       Offiziellen, vorher geprüft worden - von wem, wollte er offenbar nicht
       wissen-, im Übrigen hätten Indizien, Dokumente und Zeugenaussagen das Volk
       nur verwirrt. Pjatakow gestand in dem Prozess, im Dezember 1935 nach Oslo
       zu Trotzki geflogen zu sein, um gegen Stalin zu konspirieren. Dass damals
       dort kein einziges ausländisches Flugzeug gelandet war, liest man bei
       Feuchtwanger nicht. Ebenso wenig, dass ein Angeklagter zugab, 1932 mit der
       Gestapo ein Komplott gegen Stalin geschmiedet zu haben, und diese üble Tat
       also erstaunlicherweise beging, bevor die Gestapo existierte.
       
       Den Prozess schilderte Feuchtwanger als eine Art Oberseminar, eine
       "Diskussion gebildeter Männer, die sich bemühten festzustellen, welches die
       Wahrheit war. Ja, es machte den Eindruck, als hätten Angeklagte, Richter
       und Staatsanwälte das gleiche sportliche Interesse, die Geschehnisse
       lückenlos aufzuklären. Sie waren wie Ingenieure, die eine neuartige,
       komplizierte Maschine auszuprobieren hatten. Einige haben die Maschine
       verdorben. Doch was alle zusammenhält, ist das Interesse an der Maschine,
       die Liebe zu ihr." Angesichts der Beschimpfungen der Angeklagten als "Horde
       von Banditen" und "Möpse und Kläffer" war dies eine groteske Verzerrung.
       
       Die Schauprozesse hatten unter den deutschen Exilanten wie ein Enzym
       gewirkt, das prosowjetische Autoren wie Ernst Bloch und Bertolt Brecht und
       Skeptiker scharf voneinander schied. Feuchtwanger, der kein Wort Russisch
       verstand, versuchte die Kritiker (und auch eigene Zweifel) so zu
       besänftigen: "Stalin, dieser gescheite, überlegene Mann, kann unmöglich die
       ungeheure Dummheit begangen haben, eine so plumpe Komödie aufzuführen, nur
       für ein Rachefest." Anders gesagt: Es konnte nicht sein, weil es nicht sein
       durfte. Feuchtwangers Loblied endete so: "Es tut wohl, nach all der
       Halbheit des Westens ein solches Werk zu sehen, zu dem man von Herzen Ja,
       Ja, Ja sagen kann."
       
       In der an Irrtümern und intellektuellen Debakeln so reichen Geschichte des
       20. Jahrhunderts kommt dem Reisebericht Feuchtwangers, "Moskau 1937", noch
       immer ein prominenter Platz zu. Denn dieser Text ist keineswegs plumper
       Agitprop, sondern ein abwägender Text, der auch Zweifel zu Wort kommen
       lässt. Gerade deshalb war er ein wirksames Mittel der Stalinisten, um ihre
       Gegner zu deprimieren und den stalinkritischen Reisebericht des
       französischen Linken André Gide "Zurück aus der UdSSR" zu kontern. "Moskau
       1937" war eben keine Auftragsarbeit eines Parteiliteraten, sondern das
       Zeugnis eines unbestechlichen Linksliberalen, dessen Romane das Verhältnis
       von Geist und Macht ins Zentrum rückten.
       
       Stellen wir uns kurz vor, ein integrer, Stalin entkommener russischer
       Literat hätte ein Loblied auf Hitler geschrieben und Freislers
       Volksgerichtshof gedankenvoll gepriesen. Welchen Schaden hätte dessen Ruf
       genommen? Warum also dieser monströse Irrtum?
       
       Feuchtwanger wurde in Moskau nach allen Regeln der Kunst hofiert, eine
       Audienz bei Stalin inklusive. Sein Roman "Die Geschwister Oppermann" wurde
       von Mosfilm aufwendig verfilmt. Bei Festbanketten traf er begeisterte
       Leser, die ihm ihre "grenzenlose Bewunderung" entgegenbrachten. Das wirkte,
       gerade bei einem ins Exil getriebenen Autor, der von seinem Publikum
       abgeschnitten war. Hat sich Feuchtwanger schlicht bestechen lassen - nicht
       in Rubeln, aber dafür in einer Währung, die bei Künstlern zählt:
       Aufmerksamkeit und Bedeutung? Wahrscheinlich hat Eitelkeit eine Rolle
       gespielt - das Motiv war sie nicht. Feuchtwangers Blindheit war nur zum
       geringeren Teil ein moralischer Defekt. Es war eine intellektuelle
       Fehlleistung, ein optische Täuschung, die mehr als eine Ursache hatte.
       
       Feuchtwanger stand keineswegs allein. Der Romancier Heinrich Mann,
       politisch ein Liberaler, der sich in Paris um ein Bündnis gegen Hitler
       bemühte, hielt die Moskauer Prozesse für "ein klassisches Ringen um die
       Wahrheit". Und Stalin für einen wahrheitsliebenden Intellektuellen. Ernst
       Bloch, ebenfalls kein KP-Mitglied, ging noch weiter. 1938 schrieb er über
       Bucharin und Rykow: "Sie haben sich mit dem faschistischen Teufel
       verbündet. Sie sind politische Verbrecher und Schädlinge großen Ausmaßes
       geworden. Ihre Verbrechen sind objektiv die schwersten." Bis in die
       Terminologie "Schädlinge" imitierte Bloch die Phrasen der Stalinisten und
       schönte Lenin und Stalin zu "Lichtgestalten der Liebe, des Vertrauens, der
       revolutionären Verehrung". In den USA unterstützten 1938 prominente
       Autoren, darunter Dashiell Hammett, "die Urteile gegen die
       trotzkistisch-bucharinistischen Verrräter".
       
       Begreifbar ist diese gespenstische Sichtverengung nur, wenn man sich den
       Aufstieg des Nationalsozialismus vor Augen führt. André Gides gedämpft
       skeptischen Text über die Sowjetunion hatte das NS-Organ Völkischer
       Beobachter nachgedruckt, um ihn als antibolschewistische Propaganda zu
       benutzen. Dies brachte die alles durchdringende Machtlogik auf den Punkt:
       Wer Stalin kritisierte, nutzte den Nazis. Diese Mechanik war ein Grund,
       warum linksbürgerliche Nichtkommunisten wie Feuchtwanger Gide für einen
       Verräter hielten und Stalin für einen Helden.
       
       Dass westliche Intellektuelle, die von Hitlers Aufstieg schockiert waren,
       Scheu hatten, Zitierfähiges für Goebbels zu liefern, ist mehr als
       verständlich. Zudem hielten viele Stalin für das einzige Bollwerk gegen
       Hitler: eine Einschätzung, die 1937 plausibel war. Der Westen verhielt sich
       abwartend gegenüber Hitler und ließ zu, dass Spanien den Faschisten in die
       Hände fiel.
       
       Die Bedrohung durch Hitler war real, die politische Großwetterlage
       beklemmend, ein Krieg der Nazis gegen die Sowjetunion nur eine Frage der
       Zeit. Doch dies erklärt nicht die Rechtfertigung der Schauprozesse, auch
       nicht die Oden an Stalin, die zum Beispiel der britische
       Literaturnobelpreisträger George Bernard Shaw vor Hitlers Machtübernahme
       verfasst hatte.
       
       Wer gegen Stalin ist, ist für Hitler - dies war keine Tatsache, sondern
       eine Konstruktion, eine dezisionistische Interpretation und ein
       Dramatisierungseffekt. Dass es möglich war, sich der selbst gestellten
       Falle "Hitler oder Stalin" zu entziehen, zeigte der Anarchokommunist Victor
       Serge, der in der Sowjetunion verfolgt worden war, ehe er nach Frankreich
       abgeschoben wurde. 1936 schrieb er: "Wir bekämpfen den Faschismus. Wie aber
       können wir ihm mit so viel Konzentrationslagern im Rücken den Weg
       verstellen?"
       
       Feuchtwanger und Bloch aber blieben unbeirrbar bei der Fahne. Die Not,
       Hitler im Nacken zu spüren, spielte eine große Rolle, Naivität und
       Machtliebe auch. Für Bloch war die KP eine Art geistige Heimat, die Sinn
       und Bedeutung garantierte. Er zog diese Existenz der Alternative vor, zum
       unbehausten, aufs eigene Selbst zurückgeworfenen Renegaten zu werden.
       
       Begreifbar ist diese Realitätsverleugnung nur, wenn man sieht, was die
       Linksbürger an dem Diktator schätzten. Stalin erschien Bloch & Co. als
       Diktator der Vernunft, nicht nur als ein leidiges Übergangsphänomen,
       sondern als notwendig. Feuchtwanger und Heinrich Mann bewunderten Stalin
       als eine Art guten König, der den Volkswillen verkörperte und tat, was
       getan werden musste. Die Verehrung Stalins war eine Abfärbung des
       autoritären Parteikommunismus. Zudem wurde sie in den Dreißigerjahren vom
       "Traum von einem deutschen Stalin" (Michael Rohrwasser) angetrieben. Denn
       "Stalin" war auch eine Wunschprojektion, Ausdruck der Sehnsucht der
       Intellektuellen nach einem strengen Führer, der das Volk, von dem die
       deutsche Linke nach 1933 begreiflicherweise maßlos enttäuscht war, mit
       Gewalt im Zaum hielt.
       
       Die Schuld von Bloch &Co war weniger moralischer Art. Sie haben vielmehr
       als Intellektuelle versagt und das Konkrete, Offensichtliche so lange
       umgedeutet, bis es zum Abstrakten, zur These passte. Bloch hat sich nie
       selbstkritisch mit seinem Stalinlob befasst. Es ist etwas offen,
       unbearbeitet geblieben.
       
       22 Nov 2007
       
       ## AUTOREN
       
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