# taz.de -- „Popcorn ist bei uns verboten“
> Berlinale Sie sorgt für die allererste Kinobegeisterung bei den Kleinen.
> Maryanne Redpath leitet bei den Filmfestspielen die Sektion Generation
> und weiß, dass die jungen Zuschauer auch mit Sachen klarkommen, mit denen
> manche Erwachsenen schon ihre Schwierigkeiten haben
(IMG) Bild: Für den Kinonachwuchs da: Maryanne Redpath im Epizentrum des Berlinale-Geschehens am Potsdamer Platz
InteRview Plutonia Plarre
taz: Frau Redpath, Sie sind Leiterin der Sektion Generation, dem Kinder-
und Jugendprogramm der Berlinale. Ab welcher Altersgruppe geht es bei Ihnen
los?
Maryanne Redpath: Wir haben ein Programm für Kinder ab vier Jahren. Für die
ganz Kleinen. Oft ist es ihr allererstes Kinoerlebnis.
Wie muss man sich das vorstellen?
Im Haus der Kulturen der Welt sitzen dann bei der Vorführung fast 1.000
Vier- und Fünfjährige. Sie kommen mit der Gruppe. Man spürt die Aufregung.
Es ist eine ganz tolle Atmosphäre. Die jungen Zuschauer kommen danach total
begeistert aus dem Kino.
Wie lange dauert so eine Aufführung?
Bei den ganz Kleinen sind das höchstens 50 Minuten. Das ist ein magischer
Moment in ihrem Leben. Deswegen sorgen wir dafür, dass es ein tolles
Kinoerlebnis wird. Kleine Kinder glauben, dass das, was sie da auf der
Leinwand sehen, die Realität sei. Sie können da noch nicht differenzieren.
Deswegen bin ich auch sehr vorsichtig, was wir ihnen zeigen.
Die Sektion Generation unterteilt sich in die Altersgruppe 4 bis 14, Kplus
genannt, und 14plus. Wie werden die Filme mit den Kids aufbereitet?
Wie bei der Berlinale üblich, bieten auch wir ein ganzes Paket an: Die
Filmemacher sind da und auch viele der Schauspieler. Nach dem Film können
Fragen gestellt werden, es findet eine Auseinandersetzung statt. Es wird
nicht einfach nur ein Film mit einer Tüte Popcorn angeboten. Meine
Erfahrung ist: Sie nehmen das voll auf. Popcorn ist bei uns übrigens
verboten. (lacht)
Sind junge Zuschauer im Kino laut?
Je nach Film ist das sehr unterschiedlich. In einem stillen Film sind sie
meistens sehr still. In einem Film voller Action gehen sie auch mit. Sie
sind mit ihrem Feedback sehr direkt. Unsere Erwartung ist nicht, dass sie
alle Filme mögen.
Generation zeigt dieses Mal 67 Filme aus 35 Ländern. Wie erfolgt die
Auswahl?
Das ist ein langer Prozess. Mein Kernteam besteht aus zwölf Leuten. Mit
einem Gremium treffen wir aus den Filmen, die bei uns eingereicht werden,
eine Auswahl. Dieses Jahr waren es 2.200 Filme. Und wir recherchieren
natürlich auch direkt bei Filmemachern, Produktionen und Weltvertrieben und
besuchen internationale Filmfestvials. Wir schauen wahnsinnig viel an.
Tagein, tagaus. Der Blick wird dadurch geschärft.
Sie sind eine alte Häsin. Seit 1993 arbeiten Sie für das
Berlinale-Kinderfestival. Seit 2008 leiten Sie die Sektion Generation …
… ich zähle die Jahre nicht mehr mit. (lacht)
Tritt da nicht Routine ein, um nicht zu sagen, Langeweile und Ermüdung?
Ehrlich gesagt, bin ich froh, wenn etwas zur Routine wird. Aber die
Entwicklung geht ja immer weiter. Vor zwölf Jahren kam der
14plus-Wettbewerb dazu – dann hießen wir Generation. Im digitalen
Zeitalter wird ganz anders gearbeitet als früher. Wenn das nicht so wäre,
wäre es langweilig. Ich brauche diese Kreativität, diese Erneuerung. Das
ist schon immer so gewesen in meinem Leben.
Sie sind gebürtige Neuseeländerin und haben früher selbst einmal Filme
gemacht.
Stimmt. Ende der 70er Jahre bin ich von Auckland nach Australien gegangen.
Dort habe ich mehrere Jahre als Performancekünstlerin gearbeitet. Ich habe
experimentelle Filme gemacht. Die Auseinandersetzung mit Postmodernismus,
das war eine tolle Zeit in Sydney. Zusammen mit meinem damaligen Partner
und meinem dreijährigen Sohn habe ich irgendwann das Land verlassen, ich
war damals 28.
Sind Sie direkt nach Deutschland?
Nein. Wir haben erst einmal eine lange Reise durch Südostasien gemacht. Wir
waren neugierig, was es noch so gibt im Rest der Welt. Und wir wollten
gucken, woher die Ahnen kommen. Am Ende sind wir in Großbritannien
gelandet. Dort haben wir uns irgendwann gefragt, wo es im Moment politisch,
geografisch oder auch künstlerisch interessant ist. Das war 1985. Wir
hatten Westberlin im Auge und Madrid. Eine Münze hat dann für Berlin
entschieden. Wie es dann weiterging, ist eine lange Story.
Dann bitte eine Kurzversion.
1989, als die Mauer fiel, hab ich noch ein paar experimentelle Filme in
Berlin gedreht. In dem Jahr habe ich auch noch ein Baby, meine Tochter,
bekommen Das war für mich dann der Cut mit der performativen Kunstarbeit.
Und dann kam die Berlinale.
Ist es für Ihren Job von Bedeutung, dass Sie selbst Kinder haben?
Für mich persönlich schon. Meine Tochter hat die Arbeit von klein auf
begleitet. Aber man muss keine Kinder haben, um diese Arbeit machen zu
können. Man muss sich für junge Menschen interessieren und begeistern.
Was macht einen guten Film aus?
Es gibt ein unmittelbares Gefühl, das sich einstellt, wenn man einen guten
Film gesehen hat. Aber das ist nur ein Aspekt. Es gibt Filme, die wirken
tagelang nach, und auch solche, über die man erst mal keine Meinung hat.
Die Filme, über die man erst schlafen muss, sind auch sehr interessant. Da
findet dann eine regelrechte Reise zwischen Kopf, Herz und Bauch statt. So
ist das auch bei der Auswahl der Filme: Manche findet man gut oder
unterhaltsam, andere schwierig. Wieder andere sind eine Herausforderung,
weil sie anders sind als alles, was man bisher gesehen hat. Das alles
findet sich auch im diesjährigen Programm.
Haben Sie einen Favoriten?
Nein. Das kann man sich als Kuratorin nicht erlauben. Aber ich kann Ihnen
versichern: Das Programm ist extrem vielfältig und anspruchsvoll. Zum
Beispiel zieht sich das Schlafen und Träumen wie ein roter Faden durch das
Programm – ob albtraumhafte Szenarien oder Traum als Zuflucht.
Es gibt einen schwedischen Film: „6A“. Der Titel macht neugierig.
Dieser Film läuft im Wettbewerb von 14plus. Ein wirklich außergewöhnlicher
Film, der alle Rahmen sprengt. Zuerst denkt man, es sei ein Dokumentarfilm
…
Wovon handelt er?
Der Film zeigt einen Elternabend. Alles ist inszeniert, wirkt aber wie aus
dem Leben gegriffen oder mit versteckter Kamera aufgenommen. Gegen drei
Mädchen steht ein Mobbingvorwurf im Raum. Die Mädchen kommen zunächst kaum
zu Wort. Dafür reden die Eltern und die Lehrerin umso heftiger. Keiner
spricht Klartext. Am Ende ist nichts gelöst. Das ist ein Lehrstück über
schulische Systeme und Kommunikation.
Müssen Kinder und Jugendliche eigentlich genauso um Festivalkarten kämpfen
wie das normale Publikum?
Wegen des großen Interesses an unseren Vorstellungen haben wir bereits vor
dem regulären Kartenverkauf eine Gruppenkarten-Hotline geschaltet. Bei
einer Gruppenbestellung ab fünf Personen kostet das Ticket 2,50 Euro. Die
Resonanz ist immer sehr groß, Beim letzten Festival hatten allein wir bei
Generation 65.000 Zuschauer.
Was wäre für Sie der Worst Case bei einer Aufführung?
Schlimm ist, wenn etwas mit der Technik schiefgeht. Zum Beispiel, wenn ein
Film ohne Ton anläuft.
Ausländische Kinderfilme werden von Einsprechern während der Vorstellung
live übersetzt. Wie funktioniert das?
Das ist bei den meisten der Kplus-Filme so. Sie werden mit englischen
Untertiteln gezeigt und in Deutsch von Sprechern und Sprecherinnnen
eingesprochen. Die sitzen hinten im Saal und sprechen alle Stimmen. Das
geschieht aber nicht synchron, sondern versetzt. Damit wird auch die Kunst
des Untertitellesens geübt. Daneben gibt es in Kplus auch immer wieder
Filme, die nicht eingesprochen werden, sondern deutsche Untertitel haben.
In Deutschland ist das ja eher unüblich. Die meisten Filme hier sind ja
synchronisiert.
Das ändert sich gerade langsam.
Aber sehr langsam. Uns geht es dezidiert darum, Kinder und Jugendliche an
das Lesen der Untertitel heranzuführen. Öfters kommen Erwachsene zu mir und
behaupten, die Kinder seien damit überfordert. Tatsächlich kommen die
jungen Zuschauer damit ganz gut klar. Das Problem liegt oft bei den
Erwachsenen, die ihre eigenen Schwierigkeiten auf die Kinder projizieren.
Können Sie sich vorstellen, noch mal zum Filmemachen zurückzukehren?
Ich glaube, das Kapitel ist beendet. Das Künstlerische und Kreative in mir
geht in dieser Arbeit voll auf. In der Zeit, als ich mit Film
experimentiert habe, dachte ich, ich kann alles machen. Durch die Arbeit
hier bei der Berlinale habe ich aber schnell gelernt, dass es hier eine
Industrie gibt. Man muss ja auch eine Familie ernähren mit der Arbeit, die
man macht.
Filmemachen ist also eine brotlose Kunst?
Ich habe großen Respekt für junge Menschen, die das machen wollen. Aber man
muss wahnsinnig hartnäckig sein und sehr fest in seinem Glauben, dass es
das Richtige für einen ist. Die Industrie ist so groß! So viele Filme in
dieser Welt werden gemacht, die nie gezeigt werden. Das ist natürlich
enttäuschend, wird aber glücklicherweise niemals die Kreativen abhalten,
Filme drehen zu wollen.
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13 Feb 2016
## AUTOREN
(DIR) Plutonia Plarre
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