# taz.de -- Männer im Alter: Geborgte Gegenwart
> Endlich das unentfremdete Leben oder körperlicher Verfall und
> Altersarmut? Das Alter bleibt unwägbar und verlässlich ist nur das
> Schweigen der Männer darüber.
(IMG) Bild: Der Bauch des Autors, bei Licht betrachtet.
Um den Verfall des Männerkörpers abzuwenden - und so erst richtig sichtbar
zu machen -, existiert noch keine systematisch entwickelte Industrie.
Männer neigen dazu, die Angelegenheit zu beschweigen. Doch wer mal richtig
zugehört hat - vielleicht sich selbst -, was ein Mann erzählt, dem die
Haare ausgehen, der eine Glatze bekommt, erhält eine Vorstellung von den
Tiefen der Verzweiflung, in denen man hier versinken kann. Der Verlust des
Kopfhaars beschädigt die Substanz der Person.
Zugleich ist dieser anhaltende Selbstbezug hochpeinlich, ein Anlass
intensiver Scham. Das nackte Posieren vor dem Spiegel bei der
Morgentoilette; der durchdringende Kummer, wenn der Bauch im Gürtel ein
weiteres Loch erobert hat; die Niederlagen im Kampf um die
Konfektionsgrößen: deshalb am besten gleich Maßanzüge - und den Männern
steht, wie gesagt, nur in schwachen Ansätzen eine Industrie bei, die sich
dieser Besorgnisse offensiv annimmt.
Der Schuldirektor, der Ressortchef, der Abteilungsleiter, der Familienvater
- sie sollten alle als erwachsene Männer draußen in der Welt
selbstvergessen tätig sein, statt sich in diesem juvenilen Selbstbezug zu
quälen. Weil er so peinlich, ein Gegenstand intensiver Scham ist, wird hier
vermutlich niemals ein Diskurs entstehen, der es an Subtilität und
Differenzierung mit dem der Frauen über ihre verfallende Jugend aufnehmen
kann. Das Schweigen bleibt die bevorzugte Kommunikationsform der Männer.
Dann befindet man sich plötzlich jenseits der sechzig, und das Alter ist
keine Drohung mehr, hinter jenem Horizont, das Alter ist in der Nähe, es
ist schon da. Der Körper kann nicht mehr daraufhin beobachtet werden, wie
er seine Jugendlichkeit bewahrt respektive verliert - wobei der juvenile
Körper unveränderlich den fixen Grund bildet -, vielmehr hat der Verfall
eine neue Gestalt gebildet, an der keine Beobachtung mehr vorbeiführt.
Im Übrigen gehen die Geschichten auseinander. Die Studienrätin, die sich
schon mit 56 aus gesundheitlichen Gründen hat pensionieren lassen; der
tägliche Auftritt vor den immer jünger und immer unverständlicher werdenden
Schülern inspirierte sie zu keinerlei frischer Anstrengung mehr. Wohl aber
der Garten, den sie mit großer Sorgfalt ausgestaltet - Gartenbücher im
Hinblick auf ihre Verwertbarkeit durchzuarbeiten, damit taucht sie noch
einmal in ihre Jugend ein, in das Studium, wo man auf diese aufgeregte Art
Lehrbücher apperzipiert. In der Zeit der Berufsarbeit nie mehr.
Der Garten, dem die Museumskuratorin, seit sie pensioniert ist, so viel
Arbeit und Aufmerksamkeit widmet, kann es an Schönheit, Vielfalt, Reichtum
mit dem der Studienrätin aufnehmen. Doch bleibt er, wie alle erkennen, die
zuschauen, Ersatz, was immer die Kuratorin schwärmt, welche Saat im
Frühling aufgegangen, welche Stauden so prächtig ausgelegt haben - in
Wahrheit ist die Kuratorin mit all ihren Geisteskräften bei der
Ausstellung, die ihr der Museumsverein noch einmal zu organisieren
aufgetragen hat. Die Arbeit bleibt ihr zentraler Lebensinhalt; während die
Studienrätin dankbar an sich selber das Burn-out-Syndrom diagnostiziert
hat, von dem man jetzt so viel in der Zeitung liest. Während die Kuratorin
gern bis 67 gearbeitet hätte und über die Auseinandersetzungen spottete,
die die Verschiebung des Rentenalters provozierten. In den Sielen, wie man
sagt, möchte sie sterben; plötzlicher Herztod bei Recherchen in Wien, die
Ausstellung über Sigmund Freud und Aby Warburg, die wieder so ein
strahlender Erfolg wird, wie sie weiß.
Der Studienrat, der Museumskurator, wir haben wieder nur die Mittelklassen
vor Augen, wenn es um die Arbeit geht, aus der einen das Alter
unwiderruflich vertreibt, qualifizierte Arbeit, die einst als
Selbstverwirklichung erstrebt wurde. Doch dann schaue ich mir die
Supermarktkassiererin an, die, wie sie seit einem halben Jahr mit leise
falschem Stolz erklärt, im Sommer in Rente geht, jawoll, sie zieht sich in
das Häuschen auf dem Lande zurück, wo es weiß Gott genug zu tun gibt für
sie und ihren Alten, und alle, die hören können, vernehmen deutlich, dass
er der gemütlichen Dame schwerfällt, der Verzicht auf die Arbeit im
Supermarkt. Unvergesslich der Bankangestellte, der offen und schmerzlich
erklärte, er gehe in Rente, weil die neuen Geldautomaten ihn in seinem
Glaskasten überflüssig machen; kein Kunde braucht mehr die persönliche
Ansprache, auf die er sich seit so vielen Arbeitsjahren so gut versteht
(und die viele junge Kunden aufdringlich fanden; ihnen passt der anonyme
Geldautomat besser ins Konzept).
Die Arbeit, auf die man sich im Lauf der Jahre so gut versteht, sie ändert
unter der Hand ihre Gestalt. Der Ressortchef, der einfach keine Lust
verspürt, sich auf das Neueste im Netz einzulassen, die Blogger, schon das
Wort erfüllt ihn mit Wut. Der Radioautor, der es sich einfach nicht
angewöhnen kann, seine Sendungen ausschließlich aus O-Tönen
zusammenzusetzen, als wären sie ein Film. Der Psychotherapeut, der die
allerneuesten Konzepte, die ihm seine Klienten antragen, nicht mehr
schweigend unterlaufen kann, sondern sich zu Gegenreden provoziert fühlt -
zu schweigen davon, dass sein Gehör nachlässt und er viele Worte falsch
versteht. Hier lauern furchtbare Schrecken. Mein alter Vater arbeitete bis
zu seinem 75. Lebensjahr immer mal wieder in seinem Beruf als
Wirtschaftsprüfer - aber eines Tages verfiel vor seinen Augen die
Firmenbilanz, die er hätte kontrollieren sollen, wie die sprichwörtlichen
trockenen Pilze, und es war vorbei mit der Arbeit.
An dieser Stelle hat gern die Kulturkritik ihren Auftritt, die gute alte
Zeit. Damals, klagt der Psychotherapeut, konnten die Klienten ihr
Seelenleben noch spontan zur Sprache bringen und waren nicht durch in der
Zeitung angelesenes Pseudowissen überfremdet. Damals, klagt der Radioautor,
war klar, dass ein gutes Hörstück im Hinblick auf Komposition geschrieben
sein muss und nicht so zusammengebastelt. Damals, klagt der Ressortchef,
war das Zeitungmachen noch eine Profession, die man geduldig zu erlernen
hatte; während die jungen Leute heutzutage alles aus dem Stand machen
wollen. Damals, klagt der Bankangestellte, pflegte die Sparkasse noch den
Kontakt zu ihren Kunden; auch Geldgeschäfte waren etwas Persönliches. Ich
bin sicher, dass sich die freundliche Matrone aus dem Supermarkt hier
einreihen kann mit ihrer höchsteigenen Klage über die neumodische Zeit. Ich
selber habe als Kunde dem Aufstieg und Niedergang des Supermarkts
beigewohnt - das Wort "Niedergang" macht die Angelegenheit zu einer der
Kulturkritik, neutrale Beobachter sprächen von Wandel und Transformation.
Warum soll das Bankgewerbe, die Psychotherapie, das Radio-Feature, der
Supermarkt um - sagen wir: 1990 die perfekte Form besessen haben, die jetzt
unwiderruflich verfällt?
Der Standpunkt liegt diesseits - respektive jenseits - der sechzig, wenn es
zur Pensionierung, Verrentung, zum Ausstieg aus dem aktiven Dienst kommt.
Die Kultur, die Gesellschaft, die Zeit, die Welt, die sich unverkennbar im
Niedergang und Verfall befindet, das ist die Kultur, die Gesellschaft, die
Zeit, die Welt, an der du nur noch gebremst mitwirken kannst. Und das ist
unverzeihlich - daher die Kulturkritik. Gerade alternde und alte Menschen
können sich in dramatische Hasstiraden auf die unrettbare Gegenwart
hineinsteigern. Sie bleiben folgenlos; denn es führt kein Weg zurück, kein
verrenteter Kassierer wird von seiner Bank unter Demutsgesten zurück an den
Schalter gerufen, weil der anonyme Geldautomat das Geschäft ruiniere.
Die Kulturkritik der Alten, damit sprechen sie ihren Fluch über die
Gegenwart aus, die nicht mehr die ihre ist. Verständlicherweise richtet
sich die Kulturkritik mit Gusto gegen die Jugend. Sie missachte das Alter;
sie verschmähe die Bildung, siehe Pisa; sie ruiniere sich durch Drogen,
durch Alkohol, durch Computerspiele. Die jungen Menschen sind außerstande,
sich zu vermehren - die Zeitungen reden immer wieder von der niedrigen
Geburtenrate: die Deutschen sterben aus. Den Rentner erfüllt das mit
höhnischer Befriedigung. Niemand erwartet von ihm einen Beitrag. Der
steinalte Millionär J. Howard Marshall, der sich mit jener
Marilyn-Monroe-Kopie namens Anna Nicole Smith verband, er machte sich
lächerlich, der lüsterne Greis, und stiftete Unheil mit seinen Wohltaten.
Das sieht der Rentner gern.
Freilich kann sich der Mann von 45 Jahren einbilden, die Hauptsache stehe
noch bevor, der endgültige Erfolg, die schlagende Erkenntnis, das
überwältigende Liebesglück. Dann werde das fortlaufende Grübeln und
Zweifeln, die ununterbrochene Selbstkritik verstummen. Der Sechzigjährige
weiß, dass diese Hauptsache, die immer aussteht, ein Phantom ist. Nie wird
die Supermarktkassiererin überraschend zur Filialleiterin berufen; nie
trägt man dem Philosophiedozenten den Lehrstuhl in Heidelberg an; nie
erscheint die geliebte Person, deren Dasein auf immer beglückt. Die
Kulturkritik, dass früher alles besser war und solche Wunder geschahen,
soll gegen die Enttäuschung durch die Normalität immunisieren.
Wer diesseits - respektive jenseits - der sechzig ist, hat sie hinter sich.
An der Lebensweise, die jetzt beginnt, haben sich in den letzten hundert
Jahren unvorstellbare Veränderungen vollzogen; jedenfalls in unseren
Gegenden. Die Lebenserwartung steigt; immer mehr Menschen werden immer
älter und verbringen selten ihre Zeit damit, im Abendschein auf der
Rasenbank am Elterngrab der verlorenen Zeit nachzusinnen.
Und dann gibt es die Luxusblüten dieses Altershedonismus zu bewundern. Die
Kreuzfahrt im Mittelmeer, von der das alte Anwaltsehepaar in den Indischen
Ozean wechselt und dann in die Karibik, auf Dampfern, die New Yorker
Wolkenkratzern ähneln, bloß liegen sie quer. Das Asternpalais in Potsdam,
in Rottach-Egern oder in Bad Wildungen, das die Bequemlichkeiten des
Altersheims mit den Vorzügen des Luxushotels verbindet; ab 1.300
monatlich. Mag sein, dass der Mann von 62 Jahren, den man kürzlich mit acht
Kilo Marihuana auf einer Autobahn Mecklenburgs erwischte, auf die Schnelle
das Vermögen einsammeln wollte, das ihm dort Zugang verschafft; warum soll
diese Art von Kriminalität den Jungen vorbehalten sein?
Eine besonders sumpfige Sumpfblüte - sagt die Kulturkritik - stellte diese
Anzeigen- und TV-Kampagne dar, in der alte Damen splitternackt für
Kosmetikprodukte Reklame machten. Elke, 63, beispielsweise, ehemals
Außenhandelskauffrau der DDR, die mit Textilimporten für die verzweifelten
Exquisit-Geschäfte befasst war, wo die modisch ausgehungerte Bürgerin des
Realsozialismus Kleidung kaufen konnte, die nach Westen aussah. Man braucht
vor dem Alter keine Angst zu haben, sagten Elke und die anderen nackten
Damen der Kampagne; mehr noch: Alter im Sinn von Abstieg und Verzicht gebe
es nicht. Du kannst mit 63 Aktmodell werden, was dir mit 36 ganz unmöglich
war.
Und am Mittwochabend in Clärchens Ballhaus in Berlin-Mitte, wo Siggi, 66,
mit dem flotten Bärtchen und dem eierschalenfarbenen Dreiteiler schon
wartet, um dich zur Swingmusik der Dreißiger zu schwenken, als wärst du
sechzehn (in welchem Alter du niemals Swing getanzt hättest). Oder du gehst
ehrenamtlich in die JVA und befreundest dich mit Jana D., die dich anfangs
ablehnt, weil du ihr zu alt und zu bourgeois bist. Aber du gewinnst ihr
Vertrauen dank deiner Ruhe und Gelassenheit; sie klagt dir ihr Leid über
den fürchterlichen Gefängnisalltag, schaut deine Urlaubsfotos an, spielt
mit dir Rommé. Und um das Maß voll zu machen, verwandelt eine angesehene
Illustrierte diese Stoffe auch noch in Storys samt Fotoporträts der
Heldinnen und Helden. Diese Storys sind sauber recherchiert und haben
gewiss draußen in der Wirklichkeit stattgefunden. Damit sie ihre Bedeutung
rausrücken, muss man sie aber, wie der Terminus technicus lautet, den der
amerikanische Soziologe Erving Goffman dafür erfunden hat,
"hochmodulieren", auf das Niveau des Symbolischen heben, zu einer Aussage
über das Insgesamt unserer Gesellschaft ausgestalten. Das Alter gibt es
nicht, lautet diese Aussage. Oder, noch besser: Im Alter erreicht man, was
man in der Jugend gewünscht, was einem der weitere Lauf der Begebenheiten
aber versagt hat, man unternimmt abenteuerliche Reisen, man posiert
angstlos als Aktmodel, man tut Gutes, indem man selbstlos Knastbrüder mit
seiner Aufmerksamkeit beschenkt. Das Alter ist keine Zeit des Abschieds und
Verzichts, im Gegenteil, es ist die Zeit der Erfüllung. Hier findet endlich
das unentfremdete Leben statt.
Versteht sich, dass wir hier nur eine der kursierenden Mythologien vor
Augen haben. Die andere malt schwarz. Statt von der Erfüllung, die am Ende
kommt, handelt sie von der endgültigen Verarmung. Der Radioautor, der wegen
der veralteten Machart seiner Sendungen keine mehr verkauft, muss
entdecken, dass seine Rente kaum für die Miete reicht.
Vor allem konzentriert sich die Verarmungsangst auf das Geld, das im Alter
aus anderen Quellen fließen muss, weil die Erwerbsarbeit ausfällt. Die
Frau, die voller Verzweiflung anruft, wie es denn um die Witwenrente stehe?
Wann ihr Mann verstorben sei?, fragt der Berater. Vor einer Viertelstunde.
- So gibt es Informationsabende, an denen sich die Geängstigten den
Angststoff besorgen können. Die regelmäßigen Bescheide, dass es
dreihundert, vierhundert Euro geben werde, steigern regelmäßig die
Depression.
Als zentrale Mythologie, gewinnt man den Eindruck, wirkt sich hier die
Statistik aus. Die Lebenserwartung steigt, wie gesagt. Werden Männer heute
durchschnittlich 76 und Frauen 82 Jahre alt, so gestaltet sich die Lage im
Jahr 2030 schon so, dass Frauen 86 und Männer 81 Jahre alt werden. Um
Himmels Willen, denkt der Zeitungsleser, Radiohörer, selbst wenn die Rente
allgemein gesichert wäre - was sie bekanntlich nicht ist -: Wer soll für
den Lebensunterhalt dieser Greisenmassen aufkommen?
Unmerklich, sagt die schwarze, von der Statistik befeuerte Mythologie,
verwandeln sich diese Greisinnen und Greise sämtlich in Pflegefälle. Heute
existieren ungefähr neuntausend Heime, in den circa siebenhunderttausend
von ihnen leben. Schon jetzt reicht das Geld kaum aus, um einen
erträglichen Tageslauf zu sichern.
Auch hier kann die Recherche in vielen einzelnen Fällen plausible
Erzählungen erbringen. Was aber im Großen sich auswirkt, das ist die
Mythologie, die hier die andere Seite von Kreuzfahrten in der Karibik, des
Tuskulums in Brandenburg malt. Das schwarze Gegenbild des unentfremdeten
Lebens, zu dem man nach einer Arbeitsbiografie als Angestellter angeblich
gelangt. Abhängig vom Pflegepersonal, verwirrt kindischen Ritualen
hingegeben, herumgeschubst, verarmt, unselbstständig und keine liebende
Mutter, kein beschützender Vater mehr in der Nähe. Die Zukunft ist
verschwunden. Man kann nur noch den Tod erwarten.
2 Nov 2007
## AUTOREN
(DIR) Michael Rutschky
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Frauen im Alter: "Es gibt keine alte Venus"
Die alternde Frau wird an Kriterien gemessen, die sie nicht erfüllen kann,
sagt die Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer. Ein Interview.