# taz.de -- Konflikt um Renaissance-Staudamm: Jeder will zu viel vom Nil
       
       > Äthiopien und Ägypten steuern auf einen Wasserkrieg zu. Hintergrund: der
       > ungelöste Streit um das größte Wasserkraftwerk Afrikas am Blauen Nil.
       
 (IMG) Bild: Pharaonisches Bauwerk in Äthiopien: die Renaissance-Dammbaustelle, hier Ende 2019
       
       Brüssel taz | Es soll das größte Wasserkraftwerk Afrikas werden: der
       Renaissance-Staudamm am Blauen Nil in Äthiopien, mit einer Kapazität von
       6.000 Megawatt. Seit Jahren ist das Riesenbauwerk der ganze Stolz
       Äthiopiens, dessen Bevölkerung von 110 Millionen Menschen meist in Armut
       lebt und mehrheitlich keinen Strom hat. Aber seit Äthiopiens
       Ministerpräsident Abiy Ahmed angekündigt hat, den Stausee in der
       diesjährigen Regenzeit ab Juli innerhalb eines Monats komplett zu füllen,
       schrillen sämtliche Alarmglocken in der Region, denn Ägypten lehnt den Damm
       als Gefährdung seiner eigenen Wasserversorgung ab.
       
       Abiy machte die Zeitvorgabe am 1. April, dem neunten Jahrestag des
       Baubeginns. Er will Fakten schaffen, nach dem Scheitern von Verhandlungen
       mit Ägypten unter US-Vermittlung. Die äthiopische Regierung hatte ein von
       US-Finanzminister Steven Mnuchin erarbeitetes Abkommen abgelehnt, dem
       Ägypten am 29. Februar zugestimmt hatte. Sudan, das zwischen den beiden
       Giganten des Nils sitzt, hatte sich als Vermittler ins Spiel gebracht. Die
       neue Übergangsregierung in Khartum ist politisch eng mit Ägypten verbündet,
       aber in Kairo weiß man, dass der äthiopische Damm für Sudan von Nutzen ist,
       weil er den Abfluss beständiger gestaltet und damit das
       Überschwemmungsrisiko mindert, ganz abgesehen von möglichen Stromexporten
       aus Äthiopien.
       
       Umstritten zwischen Kairo und Addis Abeba ist vor allem, wie schnell das
       Wasserkraftwerk fertig wird. Je schneller der Stausee vollläuft, desto
       weniger Wasser bleibt in diesem Zeitraum flussabwärts übrig. Der See fasst
       74 Milliarden Kubikmeter Wasser und füllt sich bereits. Nach Angaben des
       äthiopischen Energieministers Seleshi Bekele ist das gesamte
       Wasserkraftprojekt zu drei Vierteln fertiggestellt.
       
       Äthiopien wollte eigentlich eine Dauer von 7 Jahren, Ägypten verlangte
       einen viel längeren Zeitraum. Die US-Position war, dass vor einer
       Fertigstellung ein Abkommen zwischen den beteiligten Ländern stehen soll.
       Aus äthiopischer Sicht gibt Washington so Kairo eine Art Vetorecht. Nun
       boykottieren ihrerseits die äthiopischen Unterhändler weitere Gespräche.
       
       ## Ägyptens Lebensader – Äthiopiens Überlebenschance
       
       Die Spannung steigt. Für Ägypten ist der Nil [1][die Lebensader]; der Fluss
       liefert 90 Prozent des ägyptischen Wassers. Der Blaue Nil, der in Äthiopien
       entspringt, liefert 80 Prozent des Nilwassers und seine saisonalen
       Schwankungen gewährleisten die saisonale [2][Bewässerung des äyptischen
       Ackerlandes] am Fluss. Der Damm in Äthiopien dürfte das verfügbare Wasser
       pro Kopf in Ägypten von 570 auf 500 Kubikmeter im Jahr reduzieren.
       
       Weniger Wasser im Nil heißt auch, dass mehr Mittelmeerwasser ins
       Flusssystem eindringt. Die damit einhergehende Versalzung könnte Ägyptens
       Agrarproduktion bis 2060 halbieren, hat der UN-Weltwasserbericht 2018
       prognostiziert.
       
       Äthiopien kontert, dass die aktuelle Wasseraufteilung kolonialen Ursprungs
       sei. 1959 hatten Ägypten und Sudan untereinander vereinbart, dass Ägypten
       von den 84 Milliarden Kubikmeter Wasser, die der Nil führt, 55 Milliarden
       erhält und Sudan 18,5 Milliarden. Sie bestätigten damit mit erhöhten Mengen
       eine Vereinbarung von 1929 aus der britischen Kolonialzeit. [3][Äthiopien,
       das Hauptquellland des Nils], wurde weder beteiligt noch berücksichtigt,
       ebenso wenig die Quellenländer des längeren, aber weniger Wasser führenden
       Weißen Nils wie Uganda. Die ägyptisch-sudanesische Vereinbarung besagt
       auch, dass Bauwerke am Nil in anderen Ländern die Zustimmung Kairos und
       Khartums brauchen.
       
       Eine postkoloniale Vereinbarung über die Nutzung des Nilwassers, die alle
       betroffenen Länder einbezieht, gibt es bis heute nicht. Die „Nile Basin
       Initiative“ aus allen Nilbeckenstaaten soll das zwar erreichen, aber
       Ägypten zog sich zurück und besteht auf den Abkommen von 1929 und 1959.
       
       Bei den Gesprächen in den USA deutete sich zwar Kompromissbereitschaft an:
       Ägypten habe einer Begrenzung auf 40 Milliarden Kubikmeter zugestimmt,
       Äthiopien habe nur 31 Milliarden freigeben wollen; eine Einigung auf 37
       Milliarden sei greifbar gewesen, doch Äthopien habe sich zurückgezogen,
       heißt es in Berichten auf Grundlage eines geleakten Abkommensentwurfs.
       
       ## Ägyptische Militärbasis in Eritrea?
       
       Nun mobilisieren beide Seiten. Zum einen diplomatisch: Ägypten hat die
       Arabische Liga hinter sich, Äthiopien die Staaten des südlichen Nilbeckens.
       Aber auch militärisch: Äthiopiens Regierung hat um den Damm herum
       Panzerverbände zusammengezogen. Man erinnert sich in Addis Abeba noch gut
       an das Jahr 2013, als Ägyptens Muslimbrüder, die damals mit Mohammed Mursi
       den Präsidenten stellten, offen über die Zerstörung des Dammes
       diskutierten, durch Luftangriffe oder Raketenbeschuss. Ägyptens heutiger
       Präsident Sisi hat dem ein Ende gesetzt, aber das Misstrauen ist geblieben.
       
       Ägypten erwägt nun militärische Zusammenarbeit mit Eritrea, das sich bis zu
       Abiys Amtsantritt 2018 zwanzig Jahre lang im Kriegszustand mit Äthiopien
       befand. Nach Medienberichten will Ägypten eine Militärbasis auf der
       eritreischen Insel Nora im Roten Meer errichten. Eritrea arbeitet bereits
       mit arabischen Ländern im Jemen zusammen und hat mit einem Pachtvertrag
       über 30 Jahre den Golfstaaten eine Militärbasis in Sawa überlassen.
       
       Mit einer Militärpräsenz in Eritrea wäre Ägypten militärisch an beiden
       Enden des Roten Meeres präsent und könnte Äthiopiens Versorgungswege
       blockieren. Am vergangenen Wochenende nannte Äthiopiens Regierung den
       Streit um den Nil eine „Überlebensfrage“.
       
       29 Apr 2020
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) François Misser
       
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