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> Bei der zweiten J.A.W. Family Reunion gibt es drei spannend kuratierte
> Veranstaltungen. Darunter eine besonders bemerkenswerte: der 50.
> Geburtstag des kurzlebigen, aber einflussreichen Labels Black Jazz
> Records wird gefeiert
(IMG) Bild: Cover des Albums Infant Eyes von 1971
Von Stephanie Grimm
J.A.N. – Just Another Nigger: mit diesem Gelegenheits-Alias kommentierte
Kenny Dixon Jr., besser bekannt als Moodyman, einst sarkastisch den
Rassismus im Musikgeschäft. Der House-DJ und Produzent, der offensiv seine
afroamerikanische Identität und Geschichte reflektierte, fühlte sich von
weißen Bookern und Geschäftspartnern nicht auf Augenhöhe wahrgenommen und
zudem von der Industrie seines kulturellen Erbes beraubt.
Die damals Mitte 20-jährigen Brüder Thomas und Edouard Vermynck aus Paris
fingen 2005 an, Partys zu veranstalten. Ihre musikalische Liebe hieß
Detroit Music; House-DJs wie Theo Parrish oder eben Moodyman waren ihre
Helden. Natürlich wollten sie auch diese Künstler buchen, erklärt Thomas,
der seit gut 10 Jahren in Berlin lebt und die Agentur nach wie vor mit
seinem Bruder betreibt, mit einem Standbein in Paris und einem in Berlin.
Deren Kritik an dem im Musikbusiness allgegenwärtigen Rassismus nahmen die
Vermyncks aber durchaus ernst. „Ich habe mich gefragt, ob ich überhaupt die
nötige credibility haben kann“, erzählt er. Wie könne man eine respektvolle
Ebene finden, nicht als Abzocker wahrgenommen werden?
Heute kann man sagen: Es ist ihnen gelungen. Mittlerweile arbeitet die
J.A.W. Family – wie man sich seinerzeit, wohl aus einer Mischung einer
Übermut und Unverfrorenheit in Anlehnung an Moodymans Alias nannte: Just
Another White Family – seit 13 Jahren mit diesen und anderen Künstlern
zusammen. Dass sie sich Familiy nennen, hat einen realen Hintergrund: Nicht
nur waren die Initiatoren Brüder und organisierten die Veranstaltungen mit
einem gefühlten Verwandten, ihrem Freund Julien Chiche; darüber hinaus
bekochte die Mutter in den Anfangstagen die Künstler zu Hause, Chiches
Onkel kutschierte die Musiker herum.
Denen gefiel diese Art der Zusammenarbeit. Über die Jahre erweiterte sich
Fokus der J.A.W. Family hin zum Jazz – schlichtweg, weil sie sich mit den
Wurzeln der Musik beschäftigten, die sie faszinierte. So stießen sie immer
tiefer in Jazzgefilde vor. Neben den Partys veranstalteten sie zunehmend
Konzerte. Dazu, dass Jazz seit einigen Jahren auch in Berlin von jungen
Leuten in Clubs und auf Konzertbühnen gefeiert wird, hat die umtriebige
J.A.W Family ihren Beitrag geleistet: Schließlich kam das Revival hier
langsamer in die Gänge als in London oder auch Paris, wo Jazz und
Jazz-Inspiriertes junge Leute schon seit den frühen nuller Jahren auf die
Tanzfläche zog. Die ersten Jahre in Berlin waren zäh, erinnert sich Thomas
Vermynck. Jetzt gibt es zur zweiten J.A.W. Family Reunion drei spannend
kuratierte Veranstaltungen; die erste fand vor drei Jahren anlässlich der
leicht verspäteten Sause zum zehnten Geburtstag mit Gästen wie dem
Trompeter Christian Scott und dem Robert Glasper Experiment statt.
Darunter ist die ganz besonders bemerkenswerte Veranstaltung, mit der der
50. Geburtstag eines kurzlebigen, aber höchst einflussreichen Labels
gefeiert wird. Black Jazz Records wurde 1969 in kalifornischen Oakland vom
Pianisten Gene Russell ins Leben gerufen – laut Wikipedia das erst zweite
von einem Afroamerikaner geleitete Jazzlabel. Das erste, Sunshine Records,
war 50 (!) Jahre zuvor von den Gebrüdern Spikes gegründet worden. Etwa zur
gleichen Zeit entstanden in Detroit die Firma Strata und das Label Tribe in
New York – eine frühe Form dessen, was später als Independent-Labels die
Musikindustrie neu sortieren sollte: Musiker brachten ihre Musik selbst
heraus, statt nach den Regeln der Industrie zu spielen.
Bei Black Jazz Records erschienen über vier Jahre 20 Alben, in kleiner
Auflage; ihre eigenwillige Interpretation von Jazz bot Alternativen zu
Traditionellerem und gab neben dem Spiritual Jazz auch Funk, Soul und Free
Jazz Raum. Black Jazz Records spiegelte den von der Bürgerrechtsbewegung
inspirierten Zeitgeist wider und war doch bald schon wieder Geschichte.
Wieder ausgegraben wurde der innovative Sound in den 1990er Jahren, etwa
durch Samples in Tracks von A Tribe Called Quest oder durch prominente Fans
wie dem Londoner DJ Gilles Peterson oder eben Theo Parrish, der eine
Black-Jazz-Compliation herausbrachte. Parrish ist Mitveranstalter des
All-Star-Konzerts am 10. Oktober im Festsaal Kreuzberg (zwei Tage vorher
wird es übrigens in Paris stattfinden); vorab legt er zudem auf.
Dort werden die prominentesten Musiker des Labels erstmals zusammen
spielen, knapp 50 Jahre, nachdem sie mit Black Jazz Records ziemlich
bahnbrechende Musik veröffentlichten. Mit dabei ist das berühmteste
Aushängeschild der Pianist Doug Carn, der zusammen mit seiner damaligen
Frau, der Sängerin Jean Carn vier Alben auf dem Label herausbrachte. Später
hatte sie eine Karriere als R&B-Sängerin. Die beiden sind kein Paar mehr,
treten aber seit einigen Jahren wieder gemeinsam auf; unter anderem bei der
Trauerfeier für Aretha Franklin vergangenen Sommer – und nun eben auch in
Berlin. Unterstützt werden sie von dem Schlagzeuger Michael Carvin, der auf
ihrem Labeldebüt „Infant Eyes“ mitspielte und dem Posaunisten Steve
Galloway, der einst bei The Awakening mitwirkte, der wohl zweitberühmtesten
Formation des Labels. Man darf gespannt sein.
Vermynck erzählte, er mag keine Tribute-Veranstaltungen: „Man muss die
Leute feiern, so lange sie leben.“ Da ist man gerne dabei. Und am
Wochenende geht die geschichtsbewusste J.A.W. Family dann auch schon wieder
in die Gegenwart dahin, wo sich sonst die Raver tummeln: Drei Tage werden
Djs anlässlich der Family Reunion in der Neuköllner Griessmühle House, Funk
und einiges mehr auflegen.
2 Oct 2019
## AUTOREN
(DIR) Stephanie Grimm
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