# taz.de -- Geschichten ihres Lebens
       
       > Wer beim Gallery Weekend unterwegs ist, darf diese Schau nicht versäumen:
       > Faith Ringgold in der Galerie Weiss. Hier wird die erste
       > Einzelausstellung der afroamerikanischen Künstlerin in Deutschland
       > gezeigt
       
 (IMG) Bild: Faith Ringgold, Flag #3, 2003, Filzstift und Gouache auf Papier, 22 x 25 cm Foto: Galerie Weiss
       
       Von Beate Scheder
       
       Das Leben der Künstlerin Faith Ringgold ist wie ein offenes Buch. Wer
       wissen möchte, wer sie ist, braucht sich nur diesen Quilt anzusehen: „Seven
       Passages to a Flight“ aus dem Jahr 1997. Ringgold erzählt darauf ihre
       Biografie in Kurzform. Sie beginnt bei ihrer Geburt, berichtet, wie sie
       sich als asthmakrankes Kind zu Hause mit Malen beschäftigte, wie sie sich
       schon in der Schule gegen Rassismen zur Wehr setzte, wie sie gegen alle
       Widerstände Kunst studierte beziehungsweise Kunsterziehung, mehr war damals
       für sie als Frau nicht möglich. Sie schreibt davon, wie sie sich als
       Künstlerin entwickelte, und vom privaten Glück mit ihrer Familie. Auf den
       Bildern dazwischen sieht man sie entsprechend als Baby und Kind, als
       Studentin, als Künstlerin, als Mutter und Ehefrau. Auf dem Bild in der
       Mitte fliegt sie lächelnd und mit ausgebreiteten Armen über die George
       Washington Bridge in New York, als hätte sie Superkräfte. Es ist viel Stoff
       für einen Quilt, der für Ringgolds Verhältnisse noch nicht einmal besonders
       groß ist.
       
       Man muss ihm direkt gegenüberstehen. Fotografische Abbildungen können kaum
       alle Details wiedergeben, so ist es bei allen Arbeiten Ringgolds, die wie
       „Seven Passages to a Flight“ zurzeit in Wilmersdorf in der Galerie Weiss
       hängen. Die Einzelausstellung, die am Dienstagabend eröffnete, ist
       Ringgolds erste in Deutschland und fast die erste in Europa – in London
       geht am Wochenende eine kleine Werkschau zu Ende. Ziemlich unglaublich ist
       das angesichts Ringgolds sechs Jahrzehnte umfassenden Oeuvres, das
       hierzulande logischerweise noch nicht viele kennen. Dass sich das nun
       ändern könnte, ist der Galeristin Kirsten Weiss zu verdanken, die zwei
       Jahre an der Ausstellung arbeitete und es letztlich nicht nur schaffte,
       eine Auswahl von Kunstwerken nach Berlin zu holen, sondern auch die
       mittlerweile 87-jährige Künstlerin selbst. Ringgold reiste zur Eröffnung
       nach Berlin und hielt bei der Gelegenheit auch gleich noch am Vorabend
       einen Vortrag in der Humboldt-Universität im Rahmen der W. E. B. Du Bois
       Lecture vor mehr als vollbesetzten Reihen. Die Veranstaltung musste sogar
       noch in den Nebenraum übertragen werden.
       
       Dabei hätte sie es fast nicht rechtzeitig geschafft. Ringgold steht
       zwischen ihren Gemälden, Siebdrucken, Story Quilts und Textilskulpturen in
       der Berliner Ausstellung und lacht den Ärger weg, den sie zwei Tage zuvor
       am Flughafen in London hatte. Wegen einer Lappalie hatte man sie zunächst
       nicht ausreisen lassen wollen. Der Vorfall macht sie wütend, aus der Ruhe
       hat er sie nicht gebracht.
       
       Schließlich hat sie in ihrem Leben schon ganz anderes gemeistert. Einer
       jener Sätze, der sowohl in ihrem Vortrag als auch im Gespräch in der
       Galerie mehrfach fällt, bringt es auf den Punkt: „Keiner kann mich davon
       abhalten, das zu tun, was ich möchte.“
       
       Ringgold ist 1930 in Harlem geboren, zurzeit der Großen Depression. Als
       junge Frau und Mutter von zwei Töchtern erlebte sie die Unruhen der 1960er
       und 1970er Jahre hautnah mit, die blutigen Auseinandersetzungen, die
       Demonstrationen der Bürgerrechts- und Black-Power-Bewegung, das Aufkommen
       der Frauenbewegung. Sie selbst musste sich stets an zwei Fronten behaupten,
       als Frau und als Afroamerikanerin, maßgeblich war sie unter anderem an
       Protesten gegen Museen beteiligt, die Kunst von Frauen oder People of
       Color benachteiligten.
       
       All das kann man in Ringgolds Künstlerbüchern und in ihrer Autobiografie
       ebenso nachlesen wie in ihren Bildern. Ringgold fand in den 1960ern ihre
       Stimme als Künstlerin. Nachdem sie nach ihrem Abschluss am City College
       zunächst als Lehrerin gearbeitet hatte, stellte sie sich damals in einer
       Galerie in Manhattan vor, zeigte die figurative Malerei, die sie zu jener
       Zeit machte, Stillleben und Landschaften, und wurde wieder weggeschickt:
       „Das kannst du nicht machen. Das ist nicht deine Geschichte“, hieß es.
       Ringgold fühlte sich zunächst vor den Kopf gestoßen, schließlich war das
       die Art von Kunst, die sie gelernt hatte, kam aber dann zur selben
       Überzeugung: „Kunst ist ein Ausdruck dessen, wer du bist und wo du bist,
       und ein Abbild der Zeit, aus der sie stammt“, sagt Ringgold heute.
       
       Glücklich sei sie über alle Arbeiten, die sie im Laufe ihrer Karriere
       gemacht habe, und aufregend sei es für sie, diese wie jetzt in Berlin
       retrospektiv zu betrachten. Zum Beispiel die beiden ältesten Arbeiten, die
       dort hängen, „Man“ (1967) und „Ego Painting“ (1969). Beide stammen aus der
       Serie „Black Light“, für die sie sich von der abstrakten Malerei der
       1960er, von Ad Reinhardts „Black Paintings“ und Mark Rothkos späten,
       dunklen Arbeiten, inspirieren ließ, jedoch – und das unterscheidet
       Ringgolds Kunst radikal von der damals angesagten – mit direktem Bezug auf
       die gesellschaftspolitischen Ereignisse jener Jahre: „Black Light“ ist
       sozusagen die malerische Übersetzung von „Black is beautiful“ mit Anleihen
       aus Reinhardts monochromer Abstraktion und aus der grafischen Kunst
       Westafrikas.
       
       „Ich wollte die Farbpalette dieser Künstler benutzen, um ein Statement zu
       setzen“, sagt Ringgold. „Man“ (1967) ist die zweite Arbeit aus der Serie.
       Sie zeigt ein maskenhaftes, schwarzes Gesicht. „Ego Painting“ (1969), auf
       dem sie viermal ihren Namen und jeweils zweimal „America“ und „Black“
       schreibt, ist Ausdruck ihrer politischen Identität und die erste Arbeit, in
       der Ringgold das traditionelle Muster der Kuba aus dem Kongo benutzt.
       
       Die Art und Weise, wie Ringgold damals schon Modern Art und Folk Art
       verknüpfte, nahm sie später wieder auf, als sie ihre Story Quilts als
       Medium in die Kunst einführte. Neben „Seven Passages to a Flight“ sind in
       der Galerie noch „Tar Beach 2“ (1990) und „Marlon Riggs. Tongues Untied“
       (1994) ausgestellt. Kaum sattsehen kann man sich an ihnen. Vor allem in den
       Quilts wird die vielleicht größte Gabe Ringgolds deutlich, selbst ernste
       Themen in spielerische, schöne Bilder zu verpacken. Das ist nämlich der
       Clou ihrer Verführungsstrategie: Mit vermeintlicher Leichtigkeit, mit
       fröhlichen Farben und optimistischen Darstellungen feministischer oder
       homosexueller Superheld*innen die Aufmerksamkeit ihres Publikums zu
       gewinnen, sodass dieses gar nicht mehr anders kann, als sich mit den
       unbequemen Wahrheiten auseinanderzusetzen, die ihm da gerade vorgesetzt
       werden.
       
       Die Zeit scheint reif für Ringgolds Kunst. Im Dezember bringt das MoMA ein
       Buch in der Reihe „One on One“ über ihr Gemälde „Die“ (1967) heraus. Vor
       zwei Jahren erst hatte das Museum neun Arbeiten Ringgolds erworben.
       Erstmals. Für das kommende Jahr hat die Serpentine Gallery in London eine
       große Soloausstellung angekündigt. Ringgold selbst arbeitet gerade an einer
       Serie, die sich mit ihren Vorfahren beschäftigt, und an einer zu Trump. Die
       Themen gehen ihr nicht aus.
       
       Bis 9. Juni, Galerie Weiss, Bundesallee 221, Di.–Sa. 13–18 Uhr
       
       26 Apr 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Beate Scheder
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA