# taz.de -- Forensiker Guntram Knecht über Therapie und Strafe: "Es sind besonders schöne Blüten"
> In den forensischen Abteilungen der Krankenhäuser sollen psychisch kranke
> Straftäter therapiert werden. Der Hamburger Forensiker Guntram Knecht
> über die Verführung zum Lernen, faule Tricks der Politik und
> Sexualstraftäter als Repräsentanten des Bösen.
(IMG) Bild: Dem Ethos der Wahrhaftigkeit verpflichtet: Guntram Knecht.
taz: Wie früh war Ihnen klar, dass Sie Forensiker werden wollten, Herr
Knecht?
Guntram Knecht: Dass war zu einem gewissen Grad Zufall: Als ich studierte,
gab es einen Forschungszweig an der Universität Wien zur Arbeit mit
psychisch kranken Straftätern. Die Herausforderung war, schwierige
Therapiefragen zu lösen - es sind ja Patienten, die anderswo gescheitert
sind - in Verbindung mit der Prognosefrage.
Hatten Sie Scheu beim ersten Kontakt mit diesen Patienten?
Natürlich. Wenn man von der theoretischen Seite her daran denkt, befremdet
es und macht Angst. Letztendlich war es der Kontakt mit den Tätern, den
Patienten, der ganz anders war als erwartet. Es waren Menschen, die genauso
hilfsbedürftig waren wie gefährlich, und das hat mich fasziniert, gemeinsam
mit der Mischung von Randgebieten der Psychiatrie, von Strafrecht,
Kriminologie, Kulturwissenschaft.
Schaut man sich dann selbst nachdenklich an und fragt, wie viel Voyeurismus
im eigenen Interesse liegt?
Alle in der Psychiatrie Tätigen können Supervision in Anspruch nehmen. Wenn
die eigenen Koordinaten nicht stimmen, ist es schwer, eine gemeinsame
Wanderung hinzukriegen. Es geht um Wahrhaftigkeit. Das ist in der
forensischen Psychiatrie sehr ausgeprägt, dieses berufliche Commitment,
sich nicht täuschen zu lassen, sich nicht Dinge schönzureden.
Brauchen Sie die Begleitung von außen auch, weil die positive Rückmeldung
von den Patienten seltener kommt als in der allgemeinen Psychiatrie?
Wir sind ziemlich extremen Positionen ausgesetzt. Es gibt Patienten, die
uns bedrohen, andere versuchen, uns zu manipulieren. Deswegen arbeiten wir
viel im Team und haben ein Mehr-Augen-Prinzip. Es mag sein, dass die
Patienten aus der allgemeinen Psychiatrie sich häufiger bedanken als
unsere. Aber wenn bei uns die Arbeit gelingt, dann sind es besonders schöne
Blüten.
Wie ist die Atmosphäre auf der Station?
Im Wesentlichen haben Sie eine Station, die einen ruhigen, harmonischen
Takt hat, der unterbrochen wird von Krisen, die professionell gemanagt
werden. Wir haben hier im Moment 282 Patienten, wir haben sie im
Durchschnitt fünf Jahre und in diesen fünf Jahren halten wir alles vor, was
Menschen ausmacht: Wir haben hier Sport, Schule, wir haben hier
Liebespaare, es wurde auch schon ein Kind im Maßregelvollzug geboren.
Wie hoch ist der Anteil der Patienten, der nicht kooperiert?
Zu Beginn fast 100 Prozent. Es ist ja nahezu ein Eingangskriterium in die
Forensik. Zu uns kommen ja Patienten, die in den herkömmlichen Angeboten
gescheitert sind und die deshalb immer kranker geworden sind und dann
merkwürdige Taten begehen. Wir beginnen schon auf der Akutstation mit der
so genannten Psychoedukation. Das heißt, der Patient wird zum Experten der
eigenen Krankheit, statt zum passiven Objekt. Unser Ziel ist, dass die
Patienten am Schluss einen Teil des Monitorisierens der eigenen
Gefährlichkeit übernehmen.
Wenn man sich das praktisch vorstellt: Der Patient kommt und sagt: Nein,
danke, an der Gruppentherapie habe ich kein Interesse - was passiert dann?
Wir stellen gar nicht die Frage, wollen Sie mitmachen, sondern sagen: Das
Gericht schickt Sie zu uns, weil Sie als gefährlich gelten, es wurde eine
psychiatrische Krankheit festgestellt, lassen Sie uns das Beste daraus
machen. Ein Patient mit Persönlichkeitsstörung etwa fühlt sich vollkommen
gesund. Es gibt vielleicht Schwierigkeiten, aber daran sind die anderen
schuld, die Vergewaltigung war gar keine, sondern ein Missverständnis. Dann
geht es darum zu klären: gibt es ein Problem, was für eines ist es, welche
Möglichkeiten gibt es, sich zu verändern. Wir versuchen, die Leute zum
Lernen zu verführen.
Womit?
Es gibt zum Beispiel Comics für Schizophrene. Wenn Sie mit Kreide auf eine
grüne Tafel schreiben, schläft Ihnen der Patient ein, weil es ihn an die
Schule erinnert, die er abgebrochen hat.
Ein Klischee des psychiatrisch kranken Straftäters ist das eines völlig
unauffälligen Menschen, der plötzlich durch ein Verbrechen auffällig wird.
Das gibt es, ist aber die verschwindende Ausnahme. Der Regelfall ist der,
dass jemand sozial auffällig ist, dass es Interventionsversuche gibt, die
scheitern, und dann wie auf einer schiefen Ebene ein Miteinander von
Krankheit und sozialem Abstieg. Der Durchschnittspatient ist mehrfach in
der Psychiatrie gewesen, zwischen 20 und 30 Jahre alt und bei seiner
Einweisung schon mehrere Jahre krank.
Gibt es eine Tendenz, Menschen, die Straftaten begehen, zu pathologisieren?
Nach dem Motto: Wer so etwas getan hat, muss krank sein?
Das ist ein altes Thema. Aber Kriminalität ist in keiner Weise ein Indiz
für Krankheit, das sind ganz verschiedene Welten. Wenn wir den Menschen
eine Willensentscheidung zubilligen, dann kann er sich auch für
Kriminalität entscheiden.
Wird in der Politik nicht genauso pathologisiert, wenn man fordert, zu
entlassende Sicherungsverwahrte in die Psychiatrie zu schicken?
Die Politik hat sich da in eine bedauernswerte Lage bugsiert. Sie hat der
Bevölkerung versprochen: Wir bewahren euch vor diesen gefährlichen
Elementen, die tauchen nie wieder auf. Ein Taschenspielertrick! Bei all
diesen Menschen wurde in der Hauptverhandlung festgestellt, dass es sich
bei ihnen nicht um eine psychische Störung handelt. Warum so jemand nach
zehn Jahren Sicherungsverwahrung noch einmal untersucht werden und dann
plötzlich krank sein sollte, erschließt sich nicht. Es ist ein
Entlastungsmanöver, aber keine Lösung von Problemen.
Warum nehmen die Sexualstraftäter, die in der Forsensik ja gerade mal 20
Prozent ausmachen, den größten Teil der öffentlichen Debatte ein?
Mit ihnen sind viele Ängste und Projektionen verbunden. Die
Sexualstraftäter sind die Repräsentanten des Bösen in der Welt. Dabei sind
es keine Außerirdischen, es sind ja Nachbarn, Sportkollegen, Angehörige,
sozusagen Menschen aus unserer Mitte.
Das hört niemand gerne.
Als Folge dessen haben wir große Schwierigkeiten, den Auftrag des
Parlaments an uns, nämlich Besserung und Sicherung, zu erfüllen. Wir haben
entlassungsfähige Sexualstraftäter und finden für sie keine Wohnheimplätze
in Hamburg. Die Einrichtungen sagen zu Recht: Wenn wir einen dieser
Menschen nehmen, sind zwei Zeitungen hinter uns her. Und wenn wir die
Diskussionen zum Internetpranger haben: Das Bedürfnis danach ist zwar
verständlich - die Wirkung aber kontraproduktiv. Diese Stimmung der
Verfolgung erhöht das Rückfallrisiko.
Ich habe Sie zweimal zitiert gefunden zum Rückfallrisiko von
Sexualstraftätern. Einmal stand da "nur 20 Prozent" und einmal "immerhin 20
Prozent".
Ich bin da ganz empirisch. Es sind die Daten, die wir kennen und die kann
man so oder so sehen. Bei Eigentumsdelikten liegt die Rückfallquote
deutlich höher. "Immerhin" würde man sagen, wenn man sieht, was
Sexualstraftaten für das Opfer bedeuten. Im Moment haben wir die paradoxe
Situation, dass es überhaupt kein Risiko geben darf - was unerreichbar ist,
solange wir die Täter nicht lebenslang wegsperren. Aber das sagt niemand.
Unser Auftrag ist antagonistisch: Therapie und Sicherung. Im Zuge der
Behandlung bereite ich den Patienten auf die Rückkehr in die Gesellschaft
vor. Er geht also irgendwann vor die Tür und es passiert nichts - aber ich
kann ihn nur weiterbehandeln, wenn ich ein gewisses Risiko von
Zwischenfällen einräume.
Wie sieht das aus?
Wir vergleichen uns, wie die Luftlinien, die ihre Abstürze pro Millionen
Kilometer haben, mit dem Maßregelvollzug der gesamten Bundesrepublik. Wir
haben in Hamburg 90 Prozent weniger als der Durchschnitt. Das schützt mich
aber nicht davor, bei einer Flucht vollkommenes Versagen zu repräsentieren.
Und dann fragt niemand danach, dass der Maßregelvollzug die mit Abstand
erfolgreichste aller Vollzugsformen ist.
18 Oct 2010
## AUTOREN
(DIR) Friederike Gräff
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