# taz.de -- Die Politikder Düfte
       
       > Ein Parfum und die Abgründe des 20. Jahrhunderts. Karl Schlögels Zugang
       > zur Geschichte ist herausragend
       
       Von Barbara Oertel
       
       Man hätte es ahnen können: Karl Schlögel hat immer mal wieder
       Überraschendes und Ungewöhnliches im Köcher. Als 2014 die Ukraine von
       Massenprotesten erschüttert wurde, Russland die Krim annektierte und im
       Donbass ein Krieg ausbrach, konstatierte der renommierte
       Osteuropahistoriker bei sich unumwunden einen blinden Fleck.
       
       Auch Schlögels unlängst erschienene Abhandlung „Der Duft der Imperien“ ist
       eine Erkundung bekannten und unbekannten Terrains gleichermaßen, sie ist
       diesmal jedoch auch ein Schnupperstudium der besonderen Art. Die Recherche
       beginnt, eher zufällig, mit Erinnerungen des Autors an olfaktorische
       Wahrnehmungen in der Sowjetunion – da, wo es festlich zuging. Das Objekt
       der nasalen Begierde ist alsbald identifiziert: Ein Duft namens „Rotes
       Moskau“, der zum Parfum schlechthin in der Sowjetunion avancierte. „Im Duft
       eines Parfums kann die ganze Geschichte des 20. Jahrhunderts enthalten
       sein“, schreibt Schlögel und nimmt Witterung auf. Und rieche da, die Spur
       führt nach Frankreich. „Rotes Moskau“ hat einen Zwilling, Chanel N 5.
       
       Die beiden edlen Wässerchen werden zur Chiffre für verschiedene Phasen der
       an Brüchen so reichen Geschichte des 20. Jahrhunderts – sei es in Politik
       und Wirtschaft, aber auch in der Kunst und (Alltags-)Kultur.
       
       Am Anfang stehen mit Ernest Beaux und Auguste Michel zwei französische
       Parfümeure, die sich ins vorrevolutionäre Russland aufmachen, wo eine
       boomende Kosmetikbranche vielfältige Betätigungsmöglichkeiten bietet. Aus
       Anlass des 300-jährigen Kronjubiläums der Romanows kreiert Beaux 1913 den
       Duft „Bouquet de l’Imperatrice Catherine II“ – quasi den Voläufer von
       Chanel N 5 und „Rotes Moskau“. Anders als Beaux, der nach der
       Oktoberrevolution und dem Bürgerkrieg nach Frankreich zurückkehrt, bleibt
       Michel in Russland und wirkt an der Gründung der sowjetischen
       Parfumindustrie in Gestalt des Betriebes Neue Morgenröte mit. 1937, im Jahr
       der großen Säuberungen, erhält er den Auftrag zur Schaffung eines neuen
       Parfums, „Palast der Sowjets“ – ein zu einer Essenz geronnener Ausdruck für
       ein gigantomanisches Bauwerk der Superlative gleichen Namens, mit dessen
       Modell Moskau auf der Pariser Weltausstellung 1937 Furore machte.
       
       Michel scheitert an der Aufgabe. Im selben Jahr verliert sich seine Spur
       und so kann auch Schlögel über sein weiteres Schicksal nur mutmaßen.
       „Wahrscheinlich ist sein Verschwinden mit den Repressionen in Zusammenhang
       zu bringen. Er war ein Angehöriger der bürgerlichen Klasse, noch dazu in
       einem Bereich der Luxusproduktion – und war schon von daher zum Untergang
       bestimmt“, schreibt er.
       
       Nicht minder interessant und aufschlussreich in diesem Kontext ist die
       Lebensgeschichte von Polina Schemtschuschina, der Ehefrau des sowjetischen
       Außenministers Wjatscheslaw Molotow, die Schlögel parallel zur Vita von
       Coco Chanel erzählt.
       
       Anfang der 30er Jahre wird Schemtschuschina, die sich in der Partei
       hochgedient hat, Direktorin des Betriebs Neue Morgenröte. Nach zwei Jahren
       übernimmt sie die Leitung des staatlichen Parfümerietrusts TeShe. Weitere
       Stationen auf der Karriereleiter sind die Berufung zur Volkskommissarin
       unter anderem für Parfum und Kosmetik sowie ein Kandidatenstatus im
       Zentralkomitee der Kommunistischen Partei. Dann wendet sich das Blatt. 1949
       wird Schemtschuschina wegen Verbindung zu zionistischen Kreisen verhaftet
       und für fünf Jahre in die Verbannung geschickt. Nach dem Tod Stalins im
       Jahr 1953 kommt sie auf Befehl des damaligen Geheimdienstchefs Lawrenti
       Berija frei. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1970 bleibt sie eine fanatische
       Anhängerin Stalins.
       
       Die Haft und Verbannung Schemtschuschinas nimmt Schlögel zum Anlass für
       einen kurzen Exkurs über eine andere Welt: die des Rauchs der
       NS-Krematorien und des Geruchs der Kolyma. Die Kolyma steht als Pars pro
       toto für das Gulagsystem, in dem Millionen Menschen zu Tode kamen und das
       der Schriftsteller Warlam Schalamanow, der selbst 17 Jahre in Lagern
       verbrachte, so eindrücklich beschrieben hat. In dieser Hölle aus Eis und
       Schnee prägt sich nicht der Geruch nach Tod und Verwesung ein, sondern der
       von Brot. Er steht für das nackte Überleben.
       
       Schlögels Tour d’Horizon endet mit einem Blick auf die Entwicklung nach dem
       Ende der Sowjetunion 1991. Exklusive ausländische Marken fluten auch den
       russischen Markt. Zwar erfährt auch „Rotes Moskau“ eine Renaissance, bleibt
       aber eine Randerscheinung, die allenfalls Nostalgiker und Sammler
       interessiert.
       
       Alles in allem hat Schlögel mal wieder den richtigen Riecher. Allerdings
       mutet der Autor seinem Publikum schon einiges zu mit diesen knapp 200
       Seiten, die randvoll gefüllt sind mit Informationen. Dennoch bleibt: Die
       Lektüre lohnt und macht Lust darauf, die Nase auch mal in andere
       geschichtliche Epochen zu stecken.
       
       11 Mar 2020
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Oertel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA