# taz.de -- Das Rad der Zeit
       
       > Gab es etwas Wichtigeres für die Emanzipation als den Radsport?
       
       Das erste überlieferte Frauenradrennen wurde 1868 in Frankreich
       ausgetragen. Weil Radfahren für Frauen als unschicklich galt, traten häufig
       Schauspielerinnen an, aber auch gutbürgerliche Frauen unter Pseudonym. Am
       ersten internationalen Straßenrennen 1869 nahmen sogar fünf Frauen teil.
       Emanzipation lief im Radsport also anfangs deutlich dynamischer ab als etwa
       in den Ballsportarten, wo Teilnehmerinnen lange verpönt waren. Dabei half
       auch die schnelle Verbreitung des Rads: Ab den 1870er Jahren etablierte
       sich das Hochrad als Vergnügen für privilegierte Schichten, und ab den
       1890er Jahren mit dem Niederrad ein wichtiges Vehikel für ärmere Frauen.
       Die US-amerikanische Frauenrechtlerin Susan B. Anthony sagte 1896 über das
       Fahrrad: „Ich denke, es hat mehr für die Emanzipation der Frauen getan als
       irgendetwas anderes auf der Welt.“ Mehr Bewegungsraum, mehr Unabhängigkeit,
       sportliche Betätigung – und Hosenmode.
       
       Schon im 19. Jahrhundert gab es weibliche Radsportstars. Die Dänin Susanne
       Lindberg fuhr 1897 eine Strecke von 1.000 Kilometern in 54 Stunden und 30
       Minuten und schlug damit den damaligen männlichen Rekordhalter. 1894
       radelte die US-Amerikanerin Annie Londonderry als erste Frau um die Welt,
       und in Belgien und Frankreich gab es in den 1890er Jahren sogar
       Profi-Rennradfahrerinnen. In Deutschland hatten es Radsportlerinnen von
       Beginn an deutlich schwerer. Der Deutsche Radfahrer-Bund verbot
       Frauenradrennen von 1900 bis 1967. Er war damit Vorreiter zunehmender
       Verdrängung: Als 1903 die erste Tour de France stattfand, wurde die Idee
       einer Tour für Frauen abgelehnt. Dennoch gab es in den 1930ern inoffizielle
       Europa- und Weltmeisterschaften. 1924 nahm die Italienerin Alfonsina Strada
       trotz Verbots am Giro d’Italia teil.
       
       Ab den 50er Jahren kämpften Frauen vehementer gegen die Verbote. Schon ab
       1954 gab es in der DDR Radrennen für Frauen, und ab 1958 fuhren Frauen bei
       den UCI-Weltmeisterschaften mit. Elisabeth Eichholz wurde 1965 als erste
       Deutsche für die DDR Straßenweltmeisterin, das BRD-Verbot fiel erst 1967.
       
       Seit 1984 ist Straßenrennen für Frauen auch olympisch, seit 1996
       Mountainbike, seit 2008 BMX. Erst bei Olympia 2012 bestritten Frauen und
       Männer im Radsport die gleiche Anzahl von Wettbewerben.
       
       Ein weibliches Pendant zur Tour de France gibt es aktuell nicht. Ab 1984
       gab es eines, die Grande Boucle Féminine – es wurde 2009 wegen zu geringer
       Aufmerksamkeit und zu wenigen Sponsoren eingestellt. Seit 2014 startet ein
       eintägiger Rundkurs für Profiradlerinnen in internationalen Teams, La
       Course by Le Tour de France.
       
       Alina Schwermer
       
       28 Jul 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alina Schwermer
       
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