# taz.de -- 40 Jahre Islamische Revolution: Am Wendepunkt
       
       > Nach der Islamischen Revolution im Iran kamen tausende Regime-Gegner nach
       > Berlin. Doch die Zeit der politischen Flüchtlinge ist vorbei.
       
 (IMG) Bild: Seit Beginn der aktuellen Protestwelle im Iran vor einem Jahr wird auch in Berlin wieder öfter gegen das Mullah-Regime demonstriert. Wie hier am Brandenburger Tor im Februar 2018
       
       Als das Flugzeug mit „Revolutionsführer“ Chomeini an Bord am 1. Februar
       1979 aus Paris in Teheran landete, saß Nasrin Bassiri in Berlin schon auf
       gepackten Koffern. „Ich bin zwei Tage nach ihm angekommen“, erinnert sich
       die 73-Jährige.
       
       Die promovierte Politologin war schon in den Wochen zuvor, als es im Iran
       täglich Demonstrationen gegen den Schah und sein Regime gab, nicht untätig
       geblieben. „Ich habe mit anderen die iranische Botschaft in Ostberlin
       besetzt“, erzählt Bassiri. Nun wollte, musste sie zurück zu ihrem
       „Lieblingsort“, zurück in den Iran. „Ich sagte meinen Kolleginnen an der
       Fachhochschule für Wirtschaft, wo ich unterrichtete, Bescheid und war weg.“
       
       Auch der bekannte Oppositionelle, Buchautor und 68er Bahman Nirumand ging
       damals wie viele Exil-Iraner zurück. Was kommen würde, nachdem der Schah am
       16. Januar geflohen war, wusste niemand – aber alle waren voller Hoffnung.
       „Es herrschte eine wahnsinnige Euphorie, ein unglaubliches Gefühl der
       Freiheit“, erzählt Nirumand im Rückblick. „Nie war ich so glücklich wie
       damals.“
       
       Die Hoffnung verflog schnell. Schon nach wenigen Wochen habe er in einem
       Artikel für eine deutsche Zeitung geschrieben, „dass ich die neue Diktatur
       rieche“, erinnert sich der 82-Jährige, der nach wie vor [1][für die taz]
       und andere Medien schreibt. Trotzdem kämpfte er damals noch drei Jahre lang
       im Land für eine Neuauflage der durch den CIA-Putsch von 1953 abgewürgten
       „national-demokratischen“ Politik von Mohammad Mossadegh. Doch 1982 musste
       Nirumand erneut fliehen.
       
       ## Erst Schah- dann Chomeini-Flüchtlinge
       
       Bassiri hielt es, im Untergrund damit beschäftigt, gefährdete Frauen über
       die Grenze zu schmuggeln, noch zwei Jahre länger aus. Auch sie war aber
       1984 wieder zurück in Berlin.
       
       Die Iranische Revolution von 1979 war ein Wendepunkt nicht nur in der
       Geschichte Irans. In den Jahren darauf kamen nach Berlin immer mehr
       Flüchtlinge, vor allem politische, die ihre Auseinandersetzung um die
       Zukunft Irans hier weiterführten, sich aber auch in die hiesige
       Stadtgesellschaft einmischten und sie veränderten – als Lobbyisten für
       Flüchtlingsrechte etwa.
       
       Natürlich waren auch zu Schah-Zeiten schon Oppositionelle hierher geflohen,
       so wie Nirumand, oder konnten nicht mehr zurück in ihr Land, weil sie hier
       in Studentenorganisationen politisch aktiv gewesen waren wie Bassiri. Viele
       waren es allerdings nicht: 1960 lebten rund 1.000 iranische Staatsbürger in
       Westberlin (Zahlen für den Ostteil hat das Statistische Landesamt nicht),
       1978 waren es 2.400. Dennoch prägten sie, weil es vornehmlich politisch
       aktive Studenten und Akademiker waren, die damalige deutsche Gesellschaft
       nachhaltig mit. „Wir Iraner waren wichtige Mitspieler bei der deutschen
       68er Bewegung“, sagt Nirumand.
       
       In der Tat: Sein 1967 erschienenes Buch „Persien, Modell eines
       Entwicklungslandes“ war seinerzeit ein Bestseller. „Viele haben mir später
       erzählt, dass sie dadurch politisiert worden seien“, erinnert sich der
       Deutschiraner. Die Diktatur im Iran wurde – wie der Vietnamkrieg – ein
       großes Thema unter deutschen Studenten. Als der Schah im Juni 1967 zum
       Staatsbesuch nach Berlin kam, demonstrierten Tausende vor der Deutschen
       Oper. Es kam zum berüchtigten Angriff der „Jubelperser“ auf die
       Demonstranten und im Verlauf dieses Tages zum Mord an Benno Ohnesorg –
       „einem Wendepunkt der 68er“, bilanziert Nirumand.
       
       ## Enges deutsch-iranisches Verhältnis
       
       Ein besonderes Verhältnis zwischen dem Iran und Deutschland gibt es sogar
       noch länger. Seit dem 19. Jahrhundert pflegten die Deutschen ein
       romantisierendes Persienbild, gespeist aus Märchen von Tausendundeiner
       Nacht, Boulevardgeschichten vom Pfauenthron und Berichten über sagenhafte
       Reichtümern. Die Iraner wiederum waren vor allem von deutscher Industrie
       und Technik begeistert – eine gegenseitige Faszination mit geschäftlicher
       Komponente.“
       
       Eng blieb das Verhältnis auch in der Nazi-Zeit: „Hitler war im Iran sehr
       beliebt, auch ich war von ihm begeistert als Kind“, erinnert sich Nirumand.
       „Mein Vater, ein enger Mitarbeiter des alten Schahs, nannte mich manchmal
       sogar ‚General Keitel‘!““
       
       Es dürfte zum Teil auch dieser gemeinsamen Geschichte geschuldet sein, dass
       Iraner bis heute bei vielen Deutschen besser angesehen sind als andere
       Migranten. Hinzu kommt: Iraner in Berlin (und Deutschland) kamen – ob zu
       Schah- oder Chomeini-Zeiten – vorwiegend aus der großstädtisch und
       akademisch geprägten Mittel- und Oberschicht. Entsprechend leicht konnten
       sie sich integrieren und in angesehenen Berufen, etwa als Ärzte und
       Ingenieure, reüssieren. „Iraner passen sich schnell an, sprechen meist
       gutes Deutsch“, so Nirumand.
       
       Letzteres gelte auch für die jüngste Generation der iranischen Einwanderer,
       obwohl diese sich soziologisch von den vorigen unterscheide. „Heute kommen
       vor allem die Kinder von Leuten, die unter dem Regime zu Geld gekommen
       sind. Das ist die frühere Unterschicht“, sagt Nirumand, die durch die
       Revolution nach oben gespült worden sei. Dass nun also die Kinder der
       Profiteure des Regimes das Land verlassen, könnte ein Zeichen sein, dass
       Iran wieder an einem Wendepunkt steht.
       
       ## Iranische Kämpfe in der TU-Mensa
       
       Hamid Nowzari war 1979 gerade zwanzig Jahre alt, aus der Armee desertiert
       und begeistert von der Revolution im Iran. „Wie viele wusste ich nicht
       genau, wohin es gehen sollte. Aber wir waren irgendwie links und haben
       tagaus, tagein demonstriert.“ Ein Jahr später, als die neue Islamische
       Republik die Revolution bereits erstickt hatte, schickte ihn seine Familie
       außer Landes. „Sie sagten, ich brächte die ganze Familie in Gefahr.“ Der
       studierte Bauingenieur hat ein Treffen in der Neuköllner Reuterstraße in
       den Räumen des Vereins Iranischer Flüchtlinge vorgeschlagen, bei dem er
       seit fast 28 Jahren die Geschäfte führt.
       
       Schon nach kurzer Zeit, berichtet Nowzari, habe er sich auch in Berlin
       wieder in die Politik gestürzt. „Die Mensa der TU war voll von iranischen
       Studenten aller Art. Jeden Tag gab es Büchertische, in der einen Ecke wir,
       in der anderen die Unterstützer der Islamischen Republik“, erinnert er
       sich. Eine Zeit lang habe man einander noch toleriert.
       
       Doch die Zuspitzung der Lage im Iran schwappte auch nach Berlin. Als im
       Juni 1981 Staatspräsident Abolhassan Banisadr abgesetzt und alle politische
       Opposition verboten wurde, „kam es auch in der TU zu Auseinandersetzungen
       mit Handgreiflichkeiten“, erzählt Nowzari. Das Studentenwerk habe die
       verfeindeten Gruppen fortan nur noch an verschiedenen Tagen in die Mensa
       gelassen.
       
       Mit den beginnenden „schwarzen 80er Jahren“ der massiven politischen
       Verfolgung Andersdenkender und dem sich verschärfenden Iran-Irak-Krieg
       kamen immer mehr Iraner nach Deutschland – und viele über Berlin.
       
       ## Flucht über die DDR nach West-Berlin
       
       Eine wichtige Fluchtroute zwischen 1982 und 1988: mit der damaligen
       DDR-Fluglinie Interflug von Ankara oder Istanbul nach Schönefeld, dann per
       S-Bahn zum Grenzübergang Friedrichstraße. „Die DDR war sehr solidarisch,
       hat jeden durchgelassen, auch Leute ohne Papiere“, sagt Nowzari.
       
       Auf der Westberliner Seite begrüßten er und andere Studenten Woche für
       Woche Dutzende Neuankömmlinge, brachten sie zur Registrierungsstelle für
       Asylbewerber in der Friedrichstraße 219 (ab 1986 am Friedrich-Krause-Ufer)
       und gaben ihnen erste Tipps.
       
       Ein Großteil der Neuankömmlinge wurde über den „Königsteiner Schlüssel“ für
       Asylbewerber nach Westdeutschland verteilt. So gelangten 1984 rund 2.600
       iranische Asylbewerber nach Deutschland, 1985 waren es 8.840, 1986 sogar
       21.700. Die meisten mussten weiter nach Hamburg, wo heute die größte
       iranische Gemeinde in Deutschland existiert.
       
       Aber auch in Berlin stieg die Zahl der iranischen Staatsbürger stetig
       weiter: 1984 waren es 3.800, 1985 schon 5.100, ein Jahr später 7.000.
       
       ## Grenzen dicht, hieß es damals schon
       
       Allerdings stieß diese verstärkte iranische Einwanderung konservativen
       westdeutschen Politikern mit der Zeit sauer auf. „Eigentlich war es wie bei
       den Flüchtlingen von 2015/16 und der Debatte über offene Grenzen in Bayern:
       Die CDU machte Stimmung, wie das gehen solle mit so vielen Flüchtlingen,
       und drohte der DDR mit Geldentzug“, erzählt Nowzari. Ende 1987 wurde die
       Grenze dicht gemacht, erinnert er sich, Iraner ohne Visum in der Türkei
       wurden gar nicht mehr ins Flugzeug gelassen.
       
       Auch Nasrin Bassiri, seit 1984 zurück in Berlin, nahm sich der frisch
       angekommenen Iraner an. Weil sie gut Deutsch sprach und sich auskannte in
       der Stadt, war sie viel gefragt als Begleiterin für Behörden- und
       Arztgänge. „Um mich zu entlasten, habe ich eine Broschüre geschrieben mit
       Adressen und Tipps, was ein iranischer Flüchtling wissen muss“, erzählt
       sie. Sie arbeitete in Flüchtlingsheimen, engagierte sich im Flüchtlingsrat.
       
       1986 gründete sie mit Gleichgesinnten den Verein Iranischer Flüchtlinge.
       Bis heute ist er eine wichtige Anlaufstelle für Neuankömmlinge aus dem
       Iran, seit einigen Jahren zusätzlich zuständig für Afghanen. In den Räumen
       am Reuterplatz gibt es Deutschkurse und andere Integrationsangebote sowie
       Beratung in sozialen und asylrechtlichen Fragen. Der Verein macht
       regelmäßig Kulturveranstaltungen, etwa zum persischen Neujahrsfest Norouz,
       Öffentlichkeitsarbeit gegen Menschenrechtsverletzungen im Iran und
       organisiert Protestaktionen, etwa vor der iranischen Botschaft.
       Gleichzeitig versteht er sich seit je als Lobbyorganisation für mehr
       Flüchtlingsrechte.
       
       Um die war es in den 80ern schlecht bestellt, erinnert sich Bassiri.
       „Flüchtlinge, die abgelehnt wurden, mussten manchmal sechs Jahre und länger
       im Heim leben, durften nicht arbeiten, nicht studieren, ihr Leben war
       ruiniert.“ Auch sei der Rassismus gegen Flüchtlinge damals viel stärker als
       heute gewesen, besonders nach der Wiedervereinigung 1990. „Im Sozialamt
       haben uns die Beamten geduzt.“ Heute sei ein solches Verhalten zumindest
       offiziell verpönt, „man ist sensibler geworden“, findet sie.
       
       Zu dieser Entwicklung habe der Verein einiges beigetragen, sagt Nowzari,
       der seit 1991 aktiv mitarbeitet. „Dass Flüchtlinge Rechte haben, ein Teil
       der Gesellschaft werden sollen, Bargeld bekommen statt Chipkarten, eine
       Krankenversicherung, dass sie recht schnell eine Wohnung suchen dürfen –
       bei diesen Dingen war Berlin oft Vorreiter. Dazu haben wir vom Verein einen
       Teil beigetragen. Das macht mich schon stolz.“
       
       ## Ein schwarzer Tag
       
       Dann kam der Tag, den Berliner Iraner, zumindest die Oppositionellen unter
       ihnen, bis heute nicht vergessen haben: Am 17. September 1992 wurden im
       griechischen Restaurant Mykonos in der Prager Straße in Wilmersdorf vier
       kurdisch-iranische Politiker erschossen. Einer von ihnen, Nouri Dehkordi,
       war ein enger Freund Bassiris. Noch heute kommen ihr die Tränen, wenn sie
       erzählt, wie sie zusammen mit der Ehefrau den Leichnam identifizieren
       musste. „Ich konnte ihn gar nicht richtig ansehen.“
       
       Der Prozess gegen die Mörder des „Mykonos-Attentats“ dauerte dreieinhalb
       Jahre und fand weltweit Beachtung. Denn die Bundesanwaltschaft als
       Anklägerin wies nach, dass hinter dem Organisator des Anschlags, dem Iraner
       Kazem Darabi, und seinen drei Helfern der iranische Geheimdienst stand. Das
       Urteil, verkündet im April 1997, löste ein politisches Erdbeben aus –
       erstmals wurde der iranische Staat als Mörder benannt. „Es folgten Monate
       der Eiszeit zwischen Europa und Iran“, erinnert sich Nowzari, der damals
       als Beobachter für den Verein keinen Prozesstag versäumte und der Community
       ausführlich berichtete.
       
       Immerhin: Danach hörten die Anschläge auf Exil-Iraner in Europa, die es
       immer wieder gegeben hatte, für einige Jahre auf. 2004 erreichten der
       Verein und Nowzari, dass am Ort des Attentats eine Gedenkplatte angebracht
       wurde.
       
       Mitte der 90er Jahre eskalierte im Verein Iranischer Flüchtlinge ein schon
       länger schwelender Konflikt, der in gewisser Weise symptomatisch ist für
       die oft abgrundtiefe Zerstrittenheit, zu der oppositionelle Exil-Iraner bis
       heute neigen.
       
       ## Die Exilanten und die „Reformkräfte“ im Iran
       
       Es ging um die Beurteilung der „Reform“-Kräfte um den späteren Präsidenten
       Mohammed Chatami – so erzählt es Nasrin Bassiri: „Er hat eine Öffnung und
       mehr Freiheiten versprochen, innerhalb der Grenzen, die ihm das System
       ließ. Ich selbst wollte natürlich radikalere Änderungen. Aber nur weil ich
       im Verein darauf hingewiesen habe, dass es diese Öffnung gibt, wurde mir in
       einer Versammlung vorgeworfen, ich arbeite mit der iranischen Regierung
       zusammen.“
       
       Bei Hamid Nowzari klingt die Sache so: Man habe darum gestritten, „ob man
       diese so genannten Moderaten vom Ausland aus unterstützen soll. Die meisten
       im Verein fanden das politisch falsch, zumal es unsere politische
       Menschenrechtsarbeit weniger glaubwürdig gemacht hätte.“ Er wolle damit
       nicht sagen, dass Bassiri und ihre Leute „Unterstützer des Systems“ waren.
       „Aber sie wollten den Akzent in Bezug auf bestimmte Kreise im Iran
       verschieben.“
       
       Am Ende verließ Bassiri mit einigen anderen den Verein. Politisch
       konzentrierte sie sich mehr auf ihre journalistische Arbeit, für den
       Spiegel etwa, aber vor allem beim Radiosender Multikulti, wo sie 15 Jahre
       lang, bis Ende 2008, das Persische Programm leitete. Sie berichtete über
       Studentenproteste im Iran, interviewte Regisseure, die zur Berlinale
       eingeladen wurden.
       
       Doch auch diese Arbeit hätten ihr hiesige Iraner des öfteren vorgeworfen:
       sie sei zu radikal, sagten die einen, zu systemfreundlich, die anderen.
       Viele, meint sie, seien offenbar nur neidisch. „Ältere Iraner sind oft
       verbittert, weil sie nicht die Chance hatten, hier Fuß zu fassen als
       Intellektuelle oder Künstler.“ Und sich zum Beispiel als Taxifahrer über
       Wasser halten müssen. Gleichzeitig seien sie gedanklich nur mit dem Iran
       beschäftigt – das Hier und Jetzt in Berlin würden sie gar nicht wahrnehmen.
       „Das ist eine Schizophrenie“, sagt Bassiri.
       
       ## Neid und Rivalität
       
       Für Nirumand ist der Hauptgrund für die Zerstrittenheit der Exil-Iraner die
       Enttäuschung über die gescheiterte Revolution, die bis heute nicht
       verwunden, geschweige aufgearbeitet sei. „Es gibt viele Schuldzuweisungen,
       viel Unausgesprochenes. So ist eine Zersplitterung eingetreten. Viele
       mussten unverrichteter Dinge fliehen. Die Enttäuschung und die
       Exil-Situation haben zu Neid und Rivalitäten geführt“, analysiert er.
       
       So sind die Gegner des Regimes – in Berlin wie anderswo – in „Hunderte
       Gruppen“, so Nirumand, gespalten: in Monarchisten, die den Schah
       beziehungsweise seinen Sohn wiederhaben wollen, Kommunisten, Sozialisten,
       Liberale, Reformer… Nicht zu vergessen die für Außenstehende besonders
       dubios wirkenden Volksmudschahedin, die den politischen Islam mit
       Sozialismus verbinden wollen.
       
       Immerhin, sagt Bassiri, scheinen jüngere Iraner anders zu sein – weniger
       ideologisch, unverkrampfter, durch soziale Medien und gute
       Englischkenntnisse international vernetzt. „Sie sind auch optimistischer,
       lebensfroh, das teile ich mit ihnen“, sagt sie. Andere wie Nowzari finden
       dagegen einen Großteil der jungen Generation zu unpolitisch, zu
       pragmatisch, auf Karriere bedacht.
       
       ## Jüngere Iraner sind „ideologisch offener“
       
       Der 29-jährige Omid Rezaee glaubt, dass an beiden Positionen etwas dran
       ist. Rezaee, der in Berlin als freier Journalist arbeitet, wurde 2009 als
       in der „Grünen Bewegung“ aktiver Student in der Stadt Rasht verhaftet. 2011
       wurde er zu zwei Jahren Haft verurteilt, konnte aber in den Nordirak
       fliehen.
       
       Mit einem Programm der Bundesregierung, die laut Rezaee rund 300 Aktivisten
       der Grünen Bewegung gezielt aus dem Irak und der Türkei nach Deutschland
       holte, kam er 2014 nach Berlin. Schon bevor er hier war, erzählt er beim
       Treffen im taz-Café, kannte er in der Stadt „mindestens 50 politische
       Freunde durch Facebook“. Einer von ihnen: Hamid Nowzari, der ihm half
       hierherzukommen.
       
       „Das Netzwerk hat mir den Anfang hier viel leichter gemacht. Ich konnte bei
       Freunden übernachten, manche halfen bei der Wohnungs-, andere bei der
       Jobsuche. Keiner, der aus politischen Gründen nach Berlin kommt, fühlt sich
       hier allein.“ Bemerkenswert ist die Breite des Spektrums dieses Netzwerkes:
       „Kommunisten, Rechtsliberale, Linksradikale, Bahais – alles dabei“, sagt
       Rezaee. „Man kann die politischen Unterschiede außen vor lassen, weil wir
       wenige sind und uns helfen müssen.“
       
       Nun hilft auch der Verein Iranischer Flüchtlinge Neuankommenden ohne
       Ansehen ihrer politischen Richtung, wenn es um Asyl, Jobcenter und andere
       soziale Fragen geht. Neu ist allerdings, dass Junge wie Rezaee auch
       Andersdenkende „politische Freunde“ nennen. „Die Alten sind ideologisch
       härter, wir sind da offener“, glaubt er.
       
       ## Die neuen Flüchtlinge sind meist „Nichtpolitische“
       
       Und noch eine große Veränderung zu früher gibt es: Die meisten Iraner, die
       in den letzten drei, vier Jahren nach Berlin kamen, sind, so sagen
       Nirumand, Nowzari und Rezaee übereinstimmend, „Nichtpolitische“. In Rezaees
       Worten: „Die meisten kommen heute aus wirtschaftlichen Gründen. Das ist die
       neue Mittelschicht, die Geld für die Reise hat, deren Kinder im Westen
       studieren und ein besseres Leben haben sollen.“
       
       Zahlenmäßig viele sind das bis heute nicht: Im Zuge des großen
       Flüchtlingsjahres 2016 kamen auch 1.250 iranische Asylbewerber nach Berlin.
       Ein Jahr vorher waren es 600 und ein Jahr später nur noch 450.
       
       Mit diesen Iranern können alte Regimegegner wie Nowzari wenig anfangen:
       „Sie denken zuerst an ihre Karriere und daran, ob politische Arbeit für sie
       Nachteile hat. Sie denken, dass sie in wenigen Jahren einen deutschen Pass
       haben werden und dann schön hin- und herfliegen können zwischen dem Iran
       und hier.“
       
       Nowzari, Nirumand und Bassari können das bis heute nicht.
       
       1 Feb 2019
       
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