# taz.de -- Parlamentswahl in Neuseeland: Konservative Koalition in der Kostenkrise
> Die Wirtschaft schwächelt, hohe Lebenshaltungskosten belasten die
> Haushalte. Die kleineren Parteien könnten wahlentscheidend sein.
(IMG) Bild: Wahlkampf unter Schafen: Weil in Neuseeland auf jeden Einwohner 4,5 Schafe kommen, sind sie das Klischee des Landes schlechthin
Die neuseeländische Parlamentswahl am 7. November könnte eine politische
Konstellation hervorbringen, die dort zunehmend zum Normalfall wird: eine
Koalitionsregierung aus drei oder gar vier Parteien. Die Umfragen zeigen
ein enges Rennen zwischen der konservativen National Party von
Premierminister Christopher Luxon und der oppositionellen [1][Labour Party
unter Chris Hipkins]. Keine Seite kann sicher sein, nach der Wahl allein
regieren zu können.
Im Wahlkampf dominierten wirtschaftliche Sorgen. Am Rand der Welt gelegen
und konfrontiert mit noch immer hohen Transportkosten spürt Neuseeland bis
heute die Folgen der Covidpandemie. Schwaches Wachstum, hohe Inflation und
Lebenshaltungskosten dominieren den Alltag der Bevölkerung. Luxon
verteidigt die Reformen seiner Regierung mit dem Argument, wirtschaftliche
Erholung brauche Zeit. Hipkins verspricht, die finanzielle Belastung der
Haushalte rascher verringern zu wollen.
In der letzten [2][Umfrage von 1News Verian] liegt National mit 30 Prozent
vor Labour mit 29 und den Grünen mit 16. Gewählt wird nach einem von
Deutschland inspirierten gemischten System aus Verhältniswahl von
Parteilisten und Direktmandaten aus Wahlkreisen samt Fünfprozenthürde.
Darüber hinaus gibt es eigens für Māori reservierte Sitze.
Die National Party regiert seit November 2023 gemeinsam mit der
neoliberalen Partei ACT von David Seymour und New Zealand First unter
Winston Peters. Die drei Parteien vertreten unterschiedliche Interessen,
von Steuersenkungen und einem schlankeren Staat bis zu restriktiverer
Einwanderungspolitik.
## Anhaltender Streit über die Rechte der Māori
Der 78-jährige Politveteran Peters, Sohn eines Māori und einer Schottin,
hat sich im Laufe der Jahrzehnte einen Namen als Kritiker der Zuwanderung
gemacht. Im Juli forderte er einen in China geborenen Parlamentarier auf,
„zurückzukehren, wo du herkommst“.
Die bisherige Zusammenarbeit in der Koalition war von Konflikten geprägt.
Luxon musste sich dieses Jahr schon zweimal Vertrauensabstimmungen in der
eigenen Partei stellen. Labour dagegen setzt auf Entlastungen bei
Gesundheit und Verkehr, Investitionen in Wohnraum und Infrastruktur sowie
eine Stärkung öffentlicher Dienstleistungen.
Der Streit über die Rechte der Māori dürfte die nächste Legislaturperiode
prägen. 19 Prozent der Neuseeländer bezeichnen sich als Māori. Der
konservative Luxon hat deren institutionellen Einfluss deutlich
zurückgedrängt.
Besonders deutlich war dies im Gesundheitswesen. 2024 löste seine Regierung
die eigenständige Māori-Gesundheitsbehörde auf. Sie sollte die
Gesundheitsversorgung stärker auf die Bedürfnisse der indigenen Bevölkerung
ausrichten. Die Regierung erklärte, die Verpflichtungen aus dem Vertrag von
Waitangi blieben davon unberührt. Das Abkommen von 1840 zwischen
Māori-Häuptlingen und der britischen Krone gilt als Grundlage für die
Beziehungen zwischen Staat und indigener Bevölkerung.
Doch die englische und die māorische Fassung unterscheiden sich in einem
entscheidenden Punkt: Während Großbritannien die Übertragung der
Souveränität beanspruchte, gingen viele Māori davon aus, sie könnten ihre
eigene Autorität weitgehend behalten. Die unterschiedlichen Auslegungen
prägen bis heute Konflikte über Landrechte, Selbstbestimmung und politische
Mitsprache.
## Opportunity-Partei könnte über Fünfprozenthürde kommen
Auch der Bildungsbereich wurden von der Neuausrichtung der Luxon-Regierung
erfasst. 2025 wurde die ausdrückliche Verpflichtung der Schulverwaltungen
gestrichen, den Vertrag von Waitangi umzusetzen. Vorgaben zur Verbesserung
der Bildungsergebnisse von Māori-Schülern und zum Zugang zu Unterricht in
der Māori-Sprache Te reo Māori blieben bestehen. Die grundsätzliche
Verantwortung, den Vertrag in der eigenen Arbeit zu verwirklichen, wurde
jedoch enger gefasst.
In der Kommunalpolitik geht es um die Frage, ob Māori eigene Wahlbezirke
behalten dürfen. Eine Gesetzesänderung von 2024 schrieb für viele Gemeinden
Abstimmungen über den Fortbestand solcher Bezirke vor. Sie sollen eine
[3][eigenständige Vertretung der Māori in Gemeinderäten] ermöglichen.
Gegner sehen darin eine ungerechtfertigte Sonderregelung; Befürworter
halten dagegen, dass Māori ohne solche Sitze häufig unterrepräsentiert
bleiben.
Den größten Widerstand provozierte ein Vorstoß der rechtskonservativen
ACT-Partei, die Grundsätze des Vertrags von Waitangi gesetzlich neu
festzulegen. Der im November 2024 eingebrachte Entwurf löste eine
landesweite Protestbewegung aus. Nach Angaben des Justizministeriums gingen
rund 270.000 Stellungnahmen ein. Im April 2025 verwarf das Parlament die
Vorlage mit 112 zu 11 Stimmen.
Interessant ist der Aufstieg der Opportunity Party (TOP), einer im Jahr
2016 gegründeten zentristischen Partei, die unter anderem eine
Bodenwertsteuer und ein umfassendes Grundeinkommensmodell vorschlägt. In
den Umfragen liegt die Partei jetzt erstmals knapp über der
Fünfprozenthürde. Ihr Einzug könnte die Mehrheitsbildung verkomplizieren –
zumal National eine Zusammenarbeit mit TOP ausgeschlossen hat.
Die Grünen wiederum könnten für Labour unverzichtbar werden, während New
Zealand First für eine Fortsetzung der konservativen Regierung eine
Schlüsselrolle spielt. Bis zum Jahr 2000 gehörte die Partei noch zur von
Labour geführten Regierung von Jacinda Ardern, die inzwischen wie eine
wachsende Zahl von Landsleuten in Australien lebt.
5 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Chris-Hipkins-neuer-Premier-in-Neuseeland/!5910206
(DIR) [2] https://www.1news.co.nz/2026/11/03/final-poll-election-set-to-go-down-to-wire-as-nationals-partners-slip/
(DIR) [3] /Konservative-Kehrtwende-in-Neuseeland/!6120706
## AUTOREN
(DIR) Urs Wälterlin
## TAGS
(DIR) Neuseeland
(DIR) Labour Party
(DIR) Maori
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