# taz.de -- Spielfilm „Matewan“ auf DVD: Größe und Würde streikender Arbeiter
       
       > Der Spielfilm „Matewan“ schildert den Kampf von Gewerkschaftern in einem
       > Bergarbeiterort. Regisseur John Sayles gelang ein so wütendes wie schönes
       > Werk.
       
 (IMG) Bild: Gegner der Gewerkschafter: die Detektive in „Matewan“
       
       Es ist eine Geisterbeschwörung, dabei ist alles genau oder fast genau so
       passiert. Damals, im Jahr 1920, im kleinen Bergarbeiterort Matewan in South
       West Virginia. Unerträglich sind die Arbeitsbedingungen, brutal ist die
       Ausbeutung durch die Stone Mountain Coal Company. So beginnen die Arbeiter
       zu streiken, eine Gewerkschaft zu gründen, ein erfahrener Gewerkschaftler,
       Joe Kenehan (Chris Cooper in seinem Debüt), reist an. Den hat John Sayles,
       Drehbuchautor und Regisseur, zwar erfunden, die Wobblys (Industrial Workers
       of the World), von denen er einer war, die hat es gegeben: Streiter für
       Arbeiterrechte weltweit.
       
       Joe Kenehan ist Pazifist, war für seine Überzeugung während des Weltkriegs
       im Knast. In Matewan gelingt es ihm nicht nur, die zerstrittene
       Arbeiterschaft, die in Südstaatler und italienische Migranten gespalten
       ist, zu einen. Eine Truppe schwarzer Arbeiter, die als Streikbrecher
       angeheuert werden, ist bereit, sich auf die Seite der Streikenden zu
       schlagen. Kenehan, Idealist aus Prinzip, Pragmatiker aus Strategie, schafft
       es, die Front zu schließen: „Ihr arbeitet, sie arbeiten nicht. Mehr müssen
       wir über unsere Feinde nicht wissen.“
       
       Der Feind, der große Konzern, hat das Geld, eine Truppe von Männern mit
       Waffen zu schicken. Es sind Angestellte der Baldwin Felts Detective Agency.
       Mit dem in den Kriminalromanen von Dashiell Hammett & Co. geschaffenen Bild
       des Privatdetektivs haben diese Typen, die es genau so tatsächlich gab, gar
       nichts zu tun: Sie sind reaktionär, brutal, rassistisch, sollen den Streik
       beenden, widerständige Arbeiter und ihre Familien aus Matewen vertreiben.
       
       Auch vor Morden schrecken sie dabei nicht zurück. Am Ende werden sieben von
       ihnen von den Bewohnern erschossen. Das ging als „Battle of Matewan“ in die
       Geschichte der US-Arbeiterbewegung ein.
       
       ## Ein wütender Film
       
       Wie es dazu kommt, schildert „Matewan“, der Film von John Sayles. Es ist
       ein wütender Film, der Partei ergreift, einerseits. Andererseits ist er
       äußerlich ruhig, entfaltet den Konflikt Zug um Zug, Szene um Szene: Am
       Mittagstisch von Elma Radnor (grandios: Mary McDonnell), die eine Pension
       betreibt und die zwei Anführer der Detektive sehr widerwillig beherbergt.
       In der Kirche, wo Regisseur John Sayles höchstpersönlich einen gegen die
       Streikenden eifernden Baptisten-Prediger spielt.
       
       Wo aber auch Elma Radnors fünfzehnjähriger Sohn als Prediger beeindruckt
       und in einer geschickt gewählten Bibelinterpretation die gegen Kenehan
       aufgewiegelte Arbeiterschaft zurück in die richtige Spur bringt. Der wird
       von keinem Geringeren als Will Oldham mit erstaunlicher blonder Matte
       verkörpert, der nicht nur hier ein toller Schauspieler ist, auch wenn er
       als [1][Musiker (Bonnie „Prince“ Billy)] längst die noch größere Nummer
       ist.
       
       Und dann ist „Matewan“ nicht nur wahr und gut, sondern auch unfassbar
       schön. Völlig zu Recht war [2][Kameramann Haskell Wexler, linker
       Filmemacher eigenen Rechts] („Medium Cool“), für den Oscar nominiert. Er
       schält Gesichter und Lichter aus einer Dunkelheit, die immer auch das
       Dunkel der Vergangenheit ist. Mit Patina hat die altmeisterliche Arbeit mit
       natürlichem Licht in Innenräumen wie draußen am nächtlichen Feuer gar
       nichts zu tun, dafür alles mit der Größe und Würde, die den streikenden
       Arbeitern und auch den arbeitenden Frauen zukommt.
       
       John Sayles hat nach „Matewan“ noch einige tolle Filme gemacht, unabhängig,
       am Rand der Filmindustrie. Seit 2013 ist er, der immer um das Geld kämpfen
       musste, als Filmemacher leider verstummt. Weil er auch das kann, schreibt
       er stattdessen Romane. Gerade ist wieder einer erschienen, „Crucible“, über
       den Autoindustriemagnaten Henry Ford. Sayles ist so wenig unterzukriegen
       wie die linken Helden, von denen er hier und in anderen Filmen und Büchern
       erzählt.
       
       5 Nov 2026
       
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