# taz.de -- Die Wahrheit: Der Syndikus Gottes
> In der Stammkneipe werden die Tresenkräfte langsam altersmilde und
> besuchen sogar das Musical „Jesus Christ Superstar“.
Auf einmal schien Theo mit der Welt im Reinen zu sein. Er lehnte sich
entspannt an die Theke des Café Gum und schnurrte: „Das heißt ja, dass es
doch Gerechtigkeit gibt auf Erden. Wer weiß, vielleicht gibt es sogar
Gott?“
„Also, bitte“, sagte Raimund vorwurfsvoll, „wir sprechen immerhin von
unserem Freund Luis. Da gäbe es doch massenhaft üblere Schurken, denen der
Allerhöchste vordringlich mit dem Flammenschwert eins überbraten müsste.“ –
„Logo“, konzedierte Theo. „Aber wir haben es mit einem musikalischen
Schwerverbrechen zu tun, mit reinem Kitsch. Das ist keine Kleinigkeit. Da
muss ein gerechter Gott echt einschreiten. Zumal es ja sein Sohn ist, den
dieser Webber in ein trällerndes Sahnebaiser mit schmalzigem Timbre
verwandelt hat.“
Obwohl Luis sich, wenn er allein war, eher von Zappa, Sonic Youth oder
neuerdings den Viagra Boys die Ohren wegblasen ließ, hatte er sich von
Beate becircen lassen, eine Freilicht-Aufführung von „Jesus Christ
Superstar“ in der alten Schlossruine zu besuchen. Allerdings wurde das
Spektakel im zweiten Akt von einem Wolkenbruch inklusive Minitornado
heimgesucht, was nicht nur dazu führte, dass die Ausgehgarderobe der zwei
ruiniert war, sondern sie seit Montag fiebernd und röchelnd auf dem
Krankenlager lagen. Eine angemessene Strafe, wie Theo fand.
## Mildernde Umstände
„Wobei sie mit einer einfachen Erkältung noch gut bedient sind“, nahm er
den Faden wieder auf. „Wahrscheinlich mildernde Umstände. Über eine
Nasennebenhöhlenvereiterung hätten sie sich auch nicht beschweren können.“
Raimund verdrehte die Augen. „Manchmal frage ich mich, warum du nie bei den
Dekapisten gelandet bist. In deinem mittelalterlichen Rechtsverständnis
müsste Stalin als Heiliger ersten Ranges gelten.“ Theo schmunzelte
vielsagend. „Jedenfalls“, fuhr Raimund fort, „kann die Menschheit froh
sein, dass Gott sich in Rechtsfragen nicht von dir beraten lässt.“ –
„Allerdings!“, sagte Theo. „Wenn er mich gefragt hätte, wären Adam und Eva
nicht so billig davongekommen: Kinder unter Schmerzen gebären und dornige
Äcker pflügen, das geht ja noch. Kuck dir mal an, auf was Schmeißfliegen
rumkrabbeln müssen! Und dann ständig auf der Flucht vor Spinnen,
Chamäleons, Fliegenklatschen …“
Die Eingangstür des Café Gum quietschte, und Theo wurde bleich. „D-das ist
ja ne Überraschung“, stotterte er, und Raimund rief: „Luis! Wieder gesund?“
– „Kein Stück“, quetschte Luis verstopft, „aber im Bett langweile ich mich
zu Tode.“ – „Wir haben gerade von dir gesprochen“, lächelte Raimund. „Aha“,
nölte Luis, „und was?“ – „Ach“, lachte Theo geziert, „nichts von Bedeutung,
wirklich.“ – „Aha“, nölte Luis wieder, „und warum weichst du immer weiter
zurück?“ – „Tu ich das? Echt?“, stotterte Theo, und Raimund sagte: „Ich
schätze, der Syndikus Gottes ist Hypochonder und hat Angst vor Bazillen.
Aber die Details kann Theo dir viel besser erzählen.“
4 Nov 2026
## AUTOREN
(DIR) Joachim Schulz
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(DIR) Kolumne Die Wahrheit
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