# taz.de -- Prämenstruelle dysphorische Störung: Zehn Jahre ohne Diagnose
       
       > Jeden Monat ist Leo wieder wütend, fühlt sich leer und muss ständig
       > weinen. Sie versteht nicht, warum. Bis sie die Diagnose PMDS bekommt.
       
 (IMG) Bild: Das populäre, aber oft nur begrenzt wirksame Allheilmittel bei allen Frauenkrankheiten: die Antibabypille
       
       Leo fühlt sich wie ausgetauscht. Ihr inneres Gleichgewicht ist aus den
       Fugen geraten – mal wieder. Ein Gefühl, das sich jeden Monat von Neuem
       einstellt, immer in der Phase nach ihrem Eisprung und vor der Menstruation.
       In dieser Zeit ist Leo, die mit ihrem vollen Namen und ihrer
       Krankheitsgeschichte nicht in der Öffentlichkeit stehen will, oft
       angespannt. Sie ist wütend auf die Welt, fühlt sich leer, leidet unter
       Schlafstörungen.
       
       In diesen zwei Wochen ihres Zyklus müsse sie ständig weinen und könne
       schlechter mit Konflikten umgehen, erzählt die 30-jährige Sozialpädagogin.
       Das spürt sie bis in jede Ecke ihres Alltags. „Manchmal kann ich wegen der
       Weinkrämpfe gar nicht arbeiten oder gehe wegen der starken Reizbarkeit viel
       mehr an die Decke, wenn ich mit meinem Freund streite“, sagt Leo. Seit sie
       15 Jahre alt ist, kämpft Leo mit den Symptomen. Mittlerweile kennt sie den
       Grund: Leo hat PMDS – die prämenstruelle dysphorische Störung. Doch bis sie
       zu ihrer Diagnose kam, musste knapp ein Jahrzehnt vergehen.
       
       Lange hatten viele Mediziner:innen die Störung nicht auf dem Schirm.
       Dabei sind [1][Studien zufolge] etwa 3 bis 8 Prozent aller menstruierenden
       Personen von PMDS betroffen. In Deutschland entspricht das etwa 450.000 bis
       1,2 Millionen Menschen. Erst in den letzten Jahren ist Frauengesundheit
       stärker in den Fokus gerückt und mit ihr Untersuchungen zum Einfluss
       hormoneller Schwankungen auf den Körper sowie die Psyche. Die Forschung
       steht noch am Anfang.
       
       Viele Ärzte nehmen die Symptome nicht ernst 
       
       Als Leo erzählt, dass sie so lange nicht wusste, was jeden Monat in ihr
       geschieht, schüttelt sie wütend den Kopf. Früher habe sie gedacht, sie
       hätte eine bipolare Störung. „Weil das immer so gewechselt hat. Mir ging es
       zwei Wochen super und dann hatte ich wieder diese Zeit, in der sich alles
       leer angefühlt hat oder ich total aggro war.“ Auf die Möglichkeit, PMDS zu
       haben, stößt sie erstmals über eine Webseite, die über das Syndrom
       aufklärt. „Ich habe die Symptome gelesen und gedacht: Das bin doch ich!“
       Leo wendet sich an das Berliner Zentrum für Seelische Frauengesundheit, wo
       sie mit 25 endlich ihre Diagnose erhält.
       
       Viele Patient:innen, die zu Stefanie Krüger kommen, haben solch einen
       langen Weg bis zu ihrer Diagnose hinter sich. Die Gynäkologin arbeitet in
       dem Berliner Zentrum. Es ist eines der wenigen, das sich auf hormonell
       bedingte psychische Veränderungen spezialisiert hat. Von vielen Ärzten
       werde die Erkrankung nicht ernst genommen. Viele ihrer Patientinnen hätten
       immer wieder gesagt bekommen: „Stell dich nicht so an“ oder „Da muss man
       durch als Frau, solche Symptome haben ja viele“. Zudem waren die
       Diagnosewerkzeuge schwach, die Erkrankung war also lange auch gar nicht
       offiziell gelistet.
       
       Erst 2021 wurde die Störung in das aktuelle Klassifikationssystem für
       Krankheiten, das International Classification-System of Diseases (ICD-11),
       aufgenommen – als gynäkologische Erkrankung. „Die Symptome wie erhöhte
       Reizbarkeit, Schlafstörungen, Depressivität bis hin zur Suizidalität sind
       aber nun einmal psychisch“, erklärt Krüger.
       
       ## Das Bewusstsein steigt
       
       Welche Fachrichtung ist also verantwortlich? Die Frage ist nicht ganz
       leicht zu beantworten und stellt sich für mehrere Syndrome, bei der
       hormonelle Veränderungen, andere Organe beeinflussen. Zu lange lag die
       Zuständigkeit lediglich bei der Gynäkologie, interdisziplinäre
       Zusammenarbeit mit der für Hormone zuständigen Endokrinologie [2][kam zu
       kurz]. Generell wurden Studien und Forschung zu oft an westlichen
       [3][Männern als Maß aller Dinge] ausgerichtet.
       
       Das ändert sich gerade: „Es gibt mehr Forschende, die sich mit
       Frauengesundheit beschäftigen, und auch mehr Gelder“, sagt Birgit Derntl,
       Leiterin der Arbeitsgruppe Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von
       Frauen an der Universität Tübingen. Auch das Forschungsministerium hat
       zuletzt verstärkt Forschungsprojekte zu geschlechtsspezifischen Themen
       gefördert, wie in diesem Jahr zu den Wechseljahren.
       
       Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), einer der größten Geldgeber
       hierzulande, zieht mit. Seit 2020 müssen Forschungsanträge die Relevanz des
       Geschlechts für das jeweilige Vorhaben darlegen. „Mittlerweile gibt es
       unter anderem deshalb mehr Bewusstsein für die Relevanz des Geschlechts
       unter Forschenden“, sagt die Psychologin.
       
       Trotzdem gibt es auch heute noch Studien, bei denen das Geschlecht nicht
       erfasst oder in der Analyse nicht berücksichtigt wird. Ein Aufwärtstrend
       mit Abstrichen also. „Es ist eher ein Hinterherhinken, weil
       geschlechtssensible Forschung so lange vernachlässigt wurde“, sagt Derntl.
       
       ## Ursachen ungeklärt
       
       Die Ursachen von PMDS sind weitgehend ungeklärt. Klar ist jedoch, dass Leos
       Symptome daher kommen, dass das Gehirn von PMDS-Erkrankten Schwierigkeiten
       hat, sich an die monatliche Hormonschwankung anzupassen. Dabei sind frühe
       traumatische Erfahrungen einer von vielen Risikofaktoren. Auch nach großen
       hormonellen Veränderungen wie bei einer Schwangerschaft kann eine PMDS
       entstehen. Stress spielt ebenfalls eine Rolle; er verstärkt die
       Symptomatik, ist aber kein Auslöser.
       
       Maria Kühne, Neurowissenschaftlerin an der Universität Magdeburg, forscht
       zu den Ursachen und zu Behandlungsmöglichkeiten von PMDS. Sie sagt: „Es
       gibt einige Faktoren im Nervensystem Betroffener, die zwar nicht alleinige
       Ursache sind, aber mit der PMDS-Symptomatik zusammenhängen.“ Eine wichtige
       Rolle spiele Allopregnanolon, das normalerweise beruhigend wirkt. Es ist
       ein Abbauprodukt des Hormons Progesteron, das nach dem Eisprung gebildet
       wird. Bei PMDS passe sich das Nervensystem weniger gut an die wechselnde
       Konzentration des Abbauprodukts an.
       
       Auch das Serotoninsystem sei verändert. Serotonin ist ein Botenstoff im
       Gehirn, der unter anderem an der Regulation von Stimmung, Emotion, Schlaf
       und Wohlbefinden beteiligt ist. „Bei Betroffenen scheint mehr Serotonin aus
       dem Raum zwischen den Nervenzellen zurücktransportiert zu werden“, sagt
       Kühne. Außerdem funktioniere die Emotionsregulation in der zweiten
       Zyklushälfte weniger gut.
       
       In Studien hat man die Gehirnaktivität untersucht und für verschiedene
       Bereiche Abweichungen festgestellt. „Dabei hat man gesehen, dass teilweise
       die Amygdala, das Emotionszentrum im Gehirn, überaktiv ist“, sagt Kühne.
       „Und der präfrontale Kortex, der dieses Emotionszentrum normalerweise
       herunterreguliert, macht das möglicherweise nicht genug.“ Das könne die
       erhöhte Reizbarkeit erklären.
       
       Die extreme Erschöpfung, die viele PMDS-Betroffene erleben, hängt laut
       Kühne unter anderem mit einer veränderten Immunreaktion zusammen. „Marker
       im Immunsystem, die dem Körper signalisieren ‚Du bist krank. Du bleibst im
       Bett!‘ könnten bei PMDS verstärkt aktiviert sein“, sagt sie.
       
       ## Behandlung für Betroffene
       
       Weil das Gehirn bei PMDS nicht gut auf die hormonellen Schwankungen in der
       zweiten Zyklushälfte reagieren kann, sollen Betroffene ihren Lebensstil
       anpassen. Etwa indem sie in ihrer Ernährung auf alles verzichten, was
       hormonelle Schwankungen verstärken könnte. Dazu gehört zum Beispiel rotes
       Fleisch, das den Abbau von überschüssigem Östrogen verhindern kann. Auch
       Cardiotraining lindert die Symptome. Zu den medikamentösen
       Behandlungsmöglichkeiten gehören die Pille, Progesteron und Antidepressiva
       – Letztere sorgen für mehr verfügbares Serotonin. PMDS ist zwar nicht
       heilbar, aber bis zur Symptomfreiheit behandelbar.
       
       Kühne forscht derzeit auch an einer neuen Behandlungsmöglichkeit. Bei
       dieser wird der Vagusnerv stimuliert, und zwar über Elektroden, die mit
       einer hörgerätähnlichen Konstruktion am Ohr befestigt werden. „Der
       Vagusnerv macht viel in Körper und Gehirn“, sagt Kühne. Er habe Einfluss
       auf das Emotionszentrum, auf die Immunreaktion, auf den Parasympathikus,
       das „Erholungssystem“ des Körpers. Die Forschung dazu steckt laut Kühne
       zwar noch in den Kinderschuhen. „Aber es gibt erste Hinweise darauf, dass
       PMDS-Symptome mit der Methode möglicherweise gelindert werden können.“ Und
       das, ohne die Pille oder Antidepressiva nehmen zu müssen, die
       Nebenwirkungen haben.
       
       Zurzeit können die Kosten für eine Behandlung von PMDS nur über Umwege von
       gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. Denn PMDS steht nicht im
       ICD-10, und das neue Klassifikationssystem ICD-11 wird im deutschen
       Gesundheitssystem noch nicht angewandt.
       
       Wie schwierig die Kostenübernahme teilweise ist, erlebt Stefanie Krüger
       ständig bei ihrer Arbeit im Berliner Zentrum. Oft müsse die Gynäkologin mit
       den Krankenkassen diskutieren, ob eine Behandlung nun übernommen werde.
       Antidepressiva würden meistens übernommen werden, aber bei der Pille hieße
       es oft, es ginge um Verhütung, „das sei ein Lifestyle-Präparat und kein
       Medikament“. Krüger sieht darin eine Stigmatisierung von PMDS im
       Gesundheitssystem.
       
       Die Symptome einer PMDS und fehlende Unterstützung seien „eine ganz
       teuflische Kombination“, sagt Krüger. Eine Kombination, die auch das Risiko
       für andere psychische Erkrankungen erhöht. Etwa 20 Prozent der Betroffenen
       leiden auch an einer anderen psychischen Erkrankung, wie Depressionen,
       Panikstörungen oder auch ADHS. Auch Leo erzählt, dass sie eine Zeit lang
       unter Panikattacken gelitten hat.
       
       Mithilfe von Psychotherapie hat Leo gelernt, besser mit den Symptomen
       umzugehen. Weil sich alles extremer anfühlt, muss sie mehr reflektieren –
       das habe auch etwas Gutes. Sie versucht herauszufinden: „Wo bin ich
       gestresst? Warum ist das gerade so stark? Was habe ich anders gemacht als
       sonst?“
       
       Eine Behandlungsmethode, die ihr richtig gut hilft, hat sie aber noch nicht
       gefunden – und wünscht sich das sehr. „Ich erhoffe mir einfach bessere
       Hilfe für Betroffene“, sagt sie. Aus dem Grund hat sie dieses Jahr auch
       selbst angefangen, [4][auf Instagram] über das Syndrom aufzuklären. „Damit
       die eben nicht wie ich zehn Jahre lang denken, dass sie falsch sind.“ Die
       ersten Schritte dafür sind getan.
       
       30 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/38199397/
 (DIR) [2] /Aus-PCOS-wird-PMOS/!6198915
 (DIR) [3] /Geschlechtersensible-Forschung/!5969913
 (DIR) [4] https://www.instagram.com/fck.pmds?dlrf=YWdzMHE0eHBucW84
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hannah Marlene Göschel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Wissenschaft
 (DIR) Gesundheit
 (DIR) Hormone
 (DIR) Menstruation
 (DIR) Menstruationsbeschwerden
 (DIR) GNS
 (DIR) Reden wir darüber
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Aus PCOS wird PMOS: Ein neuer Name macht Hoffnung
       
       Betroffene und Forschende haben das untererforschte Ovarialsyndrom
       umbenannt. Wie das zu besserer Wissenschaft und Behandlung führen könnte.
       
 (DIR) Geschlechtersensible Forschung: Gender-Gap auf dem OP-Tisch
       
       Viele Krankheiten äußern sich bei Frauen und Männern unterschiedlich. Das
       ist zwar bekannt, aber in der deutschen Forschungswelt tut sich wenig.
       
 (DIR) Frauen und Krankheiten: Ungesunde Klischees
       
       Wer weiß schon, dass die Harnröhre der Frau etwa 18 cm kürzer ist als die
       des Mannes? Acht wenig bekannte Wahrheiten über den weiblichen Organismus.