# taz.de -- Die Wahrheit: Die Schokolade des Herrn
       
       > Wenn der Jieper kommt und nichts anderes zur Hand ist, muss schon mal die
       > bittere Ersatzsüßigkeit herhalten.
       
       Gelegentlich esse ich dunkle Schokolade. Mit 80 oder 85 Prozent
       Kakaoanteil. Obwohl ich sie hasse und danach jedes Mal denke: Da hätte ich
       jetzt auch kalten Kaffeesatz lutschen können. Oder eine Packung
       Kohletabletten.
       
       Vorher aber habe ich stets die Wohnung nach genießbarer Schokolade, also
       nach Vollmilch oder Noisette durchsucht, keine gefunden, dann die von einem
       mir nahestehenden Menschen im Kühlschrank deponierte Dunkelschokolade
       entdeckt und paradoxerweise ebenso gierig wie zögernd zwei Riegel auf
       einmal in meinen Mund geschoben. Hoffend, dass es diesmal anders wäre, dass
       die Schokolade diesmal nicht penetrant bitter-petrolig schmecken würde …
       
       Ich vermute mal, wäre ich ein DDR-Bürger gewesen, hätte ich aus dem
       gleichen Grund immer wieder zur „Schlager-Süsstafel“ gegriffen. Weil eben
       nichts anderes da war und die Hoffnung bekanntlich zuletzt etc. pp. Die
       Schlager-Süsstafel war mit ihren sieben Prozent Kakaogehalt am anderen Ende
       des Schokoladenspektrums angesiedelt. Wobei vermutlich selbst diese sieben
       Prozent Quatsch waren beziehungsweise die größte Lüge des
       real-existierenden Sozialismus, noch vor der Behauptung, es hätte in der
       DDR keine Nazis gegeben.
       
       ## Eingeschmolzene Süßtafel
       
       Zugegeben: Ich habe ich die originale Schlager-Süsstafel nie probiert. Aber
       ich stelle sie mir geschmacklich in etwa vor wie einen eingeschmolzenen und
       in Tafelform gegossenen Schoko-Weihnachtsmann aus dem Discounter. Gestreckt
       mit Plaste und Elaste aus Schkopau.
       
       Apropos Weihnachten: Das, was sich hinter den Türchen eines
       Standard-Supermarkt-Adventskalenders verbirgt, wird vermutlich auch nach
       einem alten DDR-Rezept hergestellt. Dennoch muss ich gestehen: Trotz der
       Unappetitlichkeit dieser Pseudo-Schokolade habe ich jedes Jahr spätestens
       in der zweiten Dezemberwoche in einer zuckerhungrigen Nacht den Kalender
       meiner Tochter leer geräumt. Selbstverständlich habe ich ihr die Plünderei
       stets am nächsten Tag gestanden und angeboten, ihr entweder einen neuen
       Kalender zu kaufen oder den Gegenwert in bar auszubezahlen. Logischerweise
       hat sie immer das Geld genommen. Meine Tochter ist ja nicht bescheuert.
       
       Ich selbst hatte früher nie einen Adventskalender. Wie ich ja schon öfter
       berichtete, war ich als Kind ein Mitglied der Zeugen Jehovas. Und da die
       Zeugen kein Weihnachten feiern, werden im Advent auch keine Türchen
       geöffnet. Aber stattdessen bekam ich jede Woche im Königreichssaal von
       einem alten „Bruder“ eine Tafel der damals in Deutschland gerade
       flächendeckend eingeführten Nestlé-Schokolade „Die Weiße“ geschenkt.
       Gegenleistungsfrei. Einfach nur, weil Bruder Schäfer nett war. Er selbst aß
       nur dunkle „Herrenschokolade“. Auch heimlich während der Predigt.
       
       Als ich einmal neben ihm saß und er mir unauffällig ein Stück herüberschob
       und ich es mir noch unauffälliger in den Mund steckte, schmeckte ich nicht
       nur etwas Bitteres, Widerliches, sondern auch eine schwere Enttäuschung.
       Heute glaube ich, dass damals mein Glauben zu wanken begann …
       
       28 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Hartmut El Kurdi
       
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