# taz.de -- Die Wahrheit: Zu alt, um jung zu sein
> Allen aufgepropften Zuschreibungen zum Trotz gilt die alte biblische
> Formel „Ich bin, der ich bin“ auch im Alter.
Zu meiner eigenen Überraschung stellte ich kürzlich fest: Ich bin alt
beziehungsweise werde als alt angesehen. Nicht dass ich sagen möchte, ich
hätte mich bis zu diesem Zeitpunkt oder überhaupt irgendwann mal jung
gefühlt. Eher: Ich habe solche Zuordnungen mithilfe von Adjektiven wie
„jung“ oder „alt“ und auch „deutsch“, „migrantisch“, „schwul“ oder „hetero“
nie verstanden. Selbstverständlich gibt es objektive Zugehörigkeiten zu
bestimmten Gruppen. Warum mir aber, nur weil ich unbestreitbar Teil von
Kollektiv A oder B bin, deswegen auch gewisse Verhaltensweisen,
Eigenschaften, Meinungen oder gar eine „Identität“ zugesprochen werden, ist
mir ein Rätsel.
Ich bin ein altmodischer Anhänger der These, dass man vor allem mit sich
selbst identisch ist. Das ist übrigens einer der wenigen Sachverhalte, zu
dem ich gern mal die Bibel zitiere. Als Gott Moses in einem brennenden
Dornbusch erscheint, fragt der Prophet, was er denn den anderen Israeliten
sagen soll, wer ihm da erschienen sei. Und Gott antwortet: „Ich bin, der
ich bin.“ Mit anderen Worten: Frag nicht so doof, du Honk!
Ich habe, so wie dieser erfundene Gott, keine Lust, mich zu definieren oder
definieren zu lassen. Und schon gar nicht durch Teilaspekte meiner
Existenz, die vollkommen irrelevant sind.
## Lesebrille auf halb acht
Nun bin ich also – nach Migrant, Hesse, Boomer, Doppelpassinhaber,
Arbeiterkind und vielem mehr – angeblich auch noch: alt. Ich gebe zu,
kürzlich dachte ich das selbst mal, als ich in einem Café sitzend und auf
meinem Handy scrollend immer wieder kurz hochschaute, um zu sehen, ob die
Person, mit der ich dort verabredet war, vielleicht gerade zur Tür
hereinkäme. Um das tun zu können, hatte ich meine Lesebrille auf
nasenhalbmast gesetzt.
Plötzlich dachte ich: Das tun nur alte Leute! Sehr unangenehme, zur
Klugscheißerei neigende alte Leute. Ich nenne diese Art der prätenziösen
Brillennutzung: „die Lea Rosh machen“, weil die frühere Fernsehjournalistin
auf diese Art, arrogant über den Rand ihrer Lesebrille linsend, in den
achtziger Jahren ganze Talkshows durchmoderierte. So, als wollte sie sagen:
Ich bin auch während dieses Gesprächs jederzeit bereit, eine
Erich-Fromm-Gesamtausgabe durchzulesen …
Aber von Lea Rosh abgesehen, fühle mich halt so, wie ich mich fühle und
immer schon gefühlt habe: alt, jung, mittel – was weiß ich. Trotzdem wird
mir nun immer öfter vermittelt, dass ich für bestimmte Jobs oder
Kulturförderungen nicht mehr infrage komme, dass man irgendein Programm
„verjüngen“ und jetzt auch mal dem Nachwuchs eine Chance geben müsse. Gern
würde ich sagen: Klar, ich trete ab, Essen wird ja auch überbewertet, die
Mieten und Lebenshaltungskosten sinken ja auch überall. Und von der üppigen
Künstlersozialkassen-Rente, die ich frühestens in sechs Jahren kriege, kann
ich sicher ein ausschweifendes Boheme-Leben führen.
Aber, sorry, Ihr wisst ja, wir alten Leute sind ja so furchtbar
starrsinnig.
30 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Hartmut El Kurdi
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