# taz.de -- Uruguays Holzindustrie auf dem Prüfstand: Ein Abkommen mit grünem Anstrich
> Am Río de la Plata zeigt sich die Kehrseite einer monokulturellen
> Forstwirtschaft. Sie verbraucht riesige Mengen an Wasser und schadet der
> Umwelt.
(IMG) Bild: Mit chilenischem und finnischem Kapital errichtet: Zellstofffabrik in Montes de Plata
Wenn es stark regnet, ist die Mündung des Río de la Plata mit Grünalgen
bedeckt. Igor Alexandro kennt das schon. Die giftigen Algen entstehen durch
Cyanobakterien, welche sich durch den Einfluss von Agrochemikalien im Fluss
bilden. „Die Bakterien sind ein deutlicher Indikator für den Druck durch
die Agrarindustrie“, sagt Alexandro.
Wird er danach gefragt, was er vom [1][EU-Mercosur-Abkommen] hält, beginnt
er zu schimpfen. „Die Asymmetrie des Abkommens wird dazu führen, dass sich
nichts ändert“, ist er sich sicher. Jedenfalls wird sie zu nichts Gutem für
die Umwelt und die Menschen, die in der Region leben, führen. Stattdessen
wird es mehr Forstwirtschaft und schlechtere Böden geben und eine Zunahme
der geförderten Rohstoffe, die ohne Mehrwert exportiert werden.
Alexandro ist ein 69-jähriger pensionierter Seemann, der wenige Minuten vom
Río de la Plata entfernt auf seinem Bauernhof in der Nähe von Colonia del
Sacramento lebt, wo er Gemüse anbaut, einheimische Obstbäume pflegt und
Tiere für den Eigenbedarf züchtet.
## EU ist zweitgrößter Holz-Abnehmer
Rinder, Soja und Holz sind die wichtigsten Exportgüter des Einzugsgebiets
am Río de la Plata und zugleich die größte Bedrohung für dessen Umwelt. Die
Europäische Union ist nach China der zweitgrößte Abnehmer von Holz aus
Uruguay und importierte im vergangenen Jahr Holzwaren im Wert von 687
Millionen US-Dollar. Colonia ist eines der fruchtbarsten Departements des
Landes und Standort von Montes del Plata, eine der jüngsten
Zellstofffabriken. Sie wurde mit chilenischem und finnischem Kapital
errichtet.
„In unserem Land werden seit mehr als 35 Jahren Eukalyptus- und
Kiefernmonokulturen ausgeweitet, verbunden mit Versprechungen von
Arbeitsplätzen und Entwicklung“, warnte im vergangenen Jahr „Ni una
Hectárea Más Forestada“ (Kein weiterer Hektar Aufforstung). Das ist ein
Bündnis aus 75 zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich Sorgen um
die Auswirkungen der Aufforstungsprojekte in Uruguay machen und zu dem Igor
Alexandro gehört.
## Konzentration von Reichtum und Land
Das Bündnis stellte fest, dass bis heute fast die Hälfte der Beschäftigten
in der Forstwirtschaft im informellen Sektor arbeitet. Gleichzeitig ist es
der Wirtschaftssektor, in dem sich Reichtum und Land wie in keinem zweiten
konzentrieren – mehr als 700.000 Hektar Wald befinden sich allein in den
Händen von 39 Großunternehmen.
Es gibt stichhaltige Belege dafür, dass die Forstplantagen die Umwelt in
Uruguay schwer schädigen. Wassereinzugsgebiete, die in Aufforstungsarealen
liegen, verringern ihren Wasserabfluss um bis zur Hälfte und verlieren bis
zu 30 Prozent ihrer Durchflussmenge, wie Studien der Universidad de la
República (UDELAR), der größten Universität des Landes, zeigen. Auch die
Wiederauffüllungskapazitäten der Grundwasserspeicher werden beeinträchtigt.
Dabei teilt sich Uruguay mit seinen Nachbarn Argentinien, Paraguay und
Brasilien das Guaraní-Grundwasserreservoir. Es ist das drittgrößte der Welt
und liegt genau dort, wo die forstwirtschaftliche Monokultur am stärksten
ausgeprägt ist. Allein die beiden Zellstoffwerke des finnischen
Unternehmens UPM in Uruguay benötigen täglich 12.000 Millionen Liter
Wasser.
## Wasserknappheit nach Dürre
Das entspricht dem Verbrauch von 96 Millionen Menschen und das in einem
Land mit nur rund 3 Millionen Einwohner:innen, das bereits große Probleme
mit der Wasserversorgung hat: 2023 litt Uruguay über ein Jahr lang
[2][unter einer schweren Dürre] – und zwei Drittel der Bevölkerung waren
drei Monate lang ohne Trinkwasser.
Die monokulturelle Forstwirtschaft beeinträchtigt aber auch die
Artenvielfalt und die Populationen der einheimischen Fauna und Flora. Die
von der Forstindustrie eingesetzten Herbizide sind in Europa längst
verboten – in Argentinien, Brasilien, Paraguay oder Uruguay jedoch weiter
gang und gäbe.
Zwischen 2009 und 2023 wurden Montes del Plata und UPM, die beiden
Zellstoffwerke mit finnischer Beteiligung in Uruguay, mindestens 65 Mal mit
Geldstrafen oder Sanktionen belegt, sagt der Forscher Daniel Pena von der
UDELAR, der die Bußgelder gegen die transnationalen Unternehmen
analysierte. Diese hatten „wiederholt gegen Umweltvorschriften“ verstoßen
oder ihre „Berichterstattung an die Behörden“ war unzureichend.
## Entwicklung, die nur einer Minderheit dient
Dabei nutzen die Werke die vom Staat finanzierte Infrastruktur: Um UPM zum
Investieren zu bewegen, übernahm die uruguayische Regierung etwa die Kosten
für den Bau eines vorrangig vom finnischen Konzern genutzten
Eisenbahnnetzes, dessen Kosten Schätzungen zufolge bei bis zu 3 Milliarden
US-Dollar lagen.
Neben „Steuerbefreiungen und Vergünstigungen in Freihandelszonen werden
Reichtum, Wasser und Bodenfruchtbarkeit in Form von Holz und Zellulose
exportiert“, erklärte die Koordinierungsgruppe gegen die Abholzung in
Uruguay dazu.
Nachdem er die Hühner in ihren Stall gebracht und ein frisch geschlachtetes
Lamm an der Luft getrocknet hat, spricht Igor Alexandro auf seiner Farm
Laguamanda offen über seine Befürchtungen. Dass die Cyanobakterien mit dem
EU-Mercosur-Abkommen aus den lokalen Gewässern verschwinden werden, glaubt
er nicht. Eher im Gegenteil. Es könnte noch schlimmer werden.
Für Alexandro ist das Freihandelsabkommen allein „Vertiefung eines
Entwicklungsmodells, das in unseren Breitengraden nur einer sehr
privilegierten Minderheit aus dem Finanzsektor und multinationalen
Konzernen Vorteile bringt“.
[3][Guillermo Garat] ist ein selbstständiger Journalist aus Uruguay. Er
arbeitet für lateinamerikanische und internationale Medien.
Übersetzt aus dem Spanischen von Ole Schulz
31 Oct 2026
## LINKS
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