# taz.de -- Flüssiggas-Terminal in Mexiko: Sind Wale Rechtssubjekte?
       
       > Im mexikanischen Bundesstaat Sonora klagen Aktivist:innen und
       > Wissenschaftler:innen gegen ein LNG-Projekt, um die Wale im Meer zu
       > schützen.
       
 (IMG) Bild: Tourist:innen fotografieren einen Buckelwal im Golf von Kalifornien, einer ökologisch sensiblen Meeresregion
       
       Als Erstes fragt Nora Cabrera am Telefon, ob ich glaube, dass es die Wale
       gutheißen würden, wenn ein LNG-Tanker durch ihren Lebensraum fährt? Die
       instinktive Antwort lautet: Nein. Komplizierter wird die Beantwortung, wenn
       man berücksichtigt, dass an der Entscheidung auch große Unternehmen und
       Regierungen beteiligt sind und Millionen von US-Dollar im Spiel sind.
       
       Ein Wal kann nicht vor Gericht erscheinen. Er kann auch keine Anwälte
       beauftragen. Cabrera, eine junge Anwältin, möchte, dass diese Unmöglichkeit
       kein Nachteil mehr bedeutet.
       
       Es geht um das Saguaro-Projekt. Das US-amerikanische Unternehmen Mexico
       Pacific plant, in Puerto Libertad im Bundesstaat Sonora nahe der Grenze zu
       den USA einen Terminal für den Export von Flüssiggas (LNG) zu errichten.
       Die Anlage würde Gas aus Texas aufnehmen und es verflüssigen, um es dann zu
       verschiffen und nach Asien zu transportieren. Die Investition wird auf 15
       Milliarden Dollar geschätzt. Das Projekt sollte ursprünglich in Kalifornien
       in den USA realisiert werden, doch strenge Umweltgesetze und
       gesellschaftlicher Widerstand verhinderten seine Umsetzung.
       
       ## Im Golf von Kalifornien leben die meisten Wale
       
       Texas verfügt über einen Gasüberschuss, und die Asiaten benötigen dieses
       Gas. Zwischen den Vorkommen und den Abnehmern liegt mexikanisches
       Territorium: das Land, durch das eine Gaspipeline verlaufen, und das Meer,
       über das der Brennstoff transportiert würde. Wirtschaftlich hat dieser
       Standort einen Vorteil, weil er die Reise nach Asien im Vergleich zu
       Projekten im Golf von Mexiko um elf Tage verkürzt und dabei den Panamakanal
       umgeht. Elf Tage weniger sind ein Grund zu investieren.
       
       Doch der Golf von Kalifornien ist mehr als nur eine schnelle
       Transportroute: Dort leben fast 40 Prozent der Wale weltweit.
       
       Rechtsanwältin Cabrera ist auch Leiterin der Organisation „Nuestro Futuro“
       und Teil einer Koalition, die im September 2025 [1][eine Klage einreichte,
       damit Mexiko die Wale als Rechtssubjekte anerkennt]. Sie fordert, dass die
       Tiere um ihrer bloßen Existenz willen geschützt werden. Der Organisation
       ist es gelungen, den Bau des Projekts vorerst zu stoppen. Bislang handelt
       es sich aber nur um eine vorläufige Aussetzung, die nur so lange gilt, bis
       der Fall in der Hauptverhandlung entschieden wird.
       
       Wir sind es gewohnt, ein Haus zu verteidigen, weil es einen Eigentümer hat,
       ein Auto, weil es ein Kennzeichen hat, eine Investition, weil sie auf
       Verträgen beruht. Bei Tieren hingegen suchen wir meist nach einem Nutzen,
       der ihr Recht auf Existenz untermauert. Dass sie etwa Tourist:innen
       anziehen oder Arbeitsplätze sichern. Als ob das bloße Dasein ein
       unzureichendes Argument wäre, welches man mit einer Rechnung untermauern
       müsste.
       
       ## Zusammenstöße mit Schiffen oft tödlich
       
       Die Lebensgrundlage der Wale wäre durch den steigenden Tankerverkehr in der
       Region jedenfalls in Gefahr: Eine [2][von der Organisation „Equal Routes“
       beauftragte Studie] befürchtet eine Zunahme an Emissionen, des
       Unterwasserlärms und von Zusammenstößen mit Schiffen. Kollisionen mit
       diesen seien die häufigste Todesursache bei Walen, sagt Cabrera.
       
       Danach schrieben rund einhundert mexikanische und internationale
       Wissenschaftler einen offenen Brief, in dem sie die Produktion und den
       Transport von LNG im Golf als ein „direktes, existenzielles und
       inakzeptables“ Risiko bezeichneten. Neben Saguaro wiesen sie auch auf AMIGO
       GNL hin, ein weiteres LNG-Projekt in Guaymas, ebenfalls in Sonora. Sie
       forderten die Regierungen Mexikos und der Vereinigten Staaten auf, diese
       Vorhaben nicht umzusetzen.
       
       Bei AMIGO GNL in Guaymas wären davon auch europäische Unternehmen
       betroffen. Der Rohstoffriese Gunvor mit Sitz in Genf hat etwa einen
       langfristigen Kaufvertrag unterzeichnet, um von dort [3][jährlich 0,85
       Millionen Tonnen LNG abzunehmen].
       
       Sollten sie umgesetzt werden, wären die ökologischen Folgen der
       LNG-Projekte erheblich: Allein durch Saguaro würden jährlich mehr als 73
       Millionen Tonnen Kohlendioxid entstehen. Das seien mehr als die jährlichen
       Emissionen von Schweden und Portugal zusammen, sagt Cabrera.
       
       ## Wer trägt die Umweltkosten?
       
       Für einen Investor lässt sich die Verzögerung eines Projekts in Geld
       bemessen. Für eine Fischergemeinde wiederum könnte dessen Umsetzung ihre
       gesamte Existenzgrundlage gefährden. Saguaro ist daher Teil einer größeren
       Debatte: Darüber, dass lateinamerikanische Länder größtenteils die
       Umweltkosten von Großprojekten tragen, deren Gewinne dann aber von den
       beteiligten Unternehmen über ihre Grenzen hinaus verteilt werden.
       
       Investitionen lassen sich leicht mit einer Zahl ankündigen, die
       Schlagzeilen füllt. Aber was ist mit den Kosten und Risiken für die vor Ort
       lebenden Menschen und die betroffenen Tiere? Wer führt diese Rechnung? Und
       wie stark wiegen diese Aspekte bei seiner Umsetzung eines Projekts?
       
       Mexico Pacific präsentiert Saguaro als Beitrag zur Energiesicherheit Asiens
       und zur Energiewende. Das Unternehmen argumentiert, dass Standort und
       Auslegung des Projekts die Emissionen im Vergleich zu anderen
       US-Exportrouten reduzieren würden. Doch welche Schäden gelten im Namen
       einer relativen Verbesserung als akzeptabel? Und wer ist befugt, das zu
       entscheiden?
       
       Die Klage gegen das Projekt versucht, in dieses Ungleichgewicht eine
       Verpflichtung einzuführen: Bevor der Lebensraum der Wale verändert wird,
       muss es jemanden geben, der sie verteidigt und vor Gericht gehört wird.
       Doch ist die eingereichte Klage gegen Saguaro nur ein erster Schritt: Nun
       muss der Prozess auch gewonnen werden.
       
       [4][Diana Nava] ist eine selbständige Wirtschaftsjournalistin aus Mexiko.
       Sie arbeitet u. a. für das digitale Finanzmedium [5][REDD Intelligence].
       
       Übersetzt aus dem Spanischen von Ole Schulz
       
       1 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://ecojurisprudence.org/initiatives/sonora-mexico-court-case-on-behalf-of-whales/
 (DIR) [2] https://static1.squarespace.com/static/65b27d4560a9af5ef9933359/t/69e6857e2026456ec8e94ade/1776715134906/EERA_2026_LNG_BallastWater_GOC.pdf
 (DIR) [3] https://www.offshore-energy.biz/2025/08/19/mexicos-large-scale-lng-export-terminal-strikes-another-20-year-offtake-deal
 (DIR) [4] https://www.linkedin.com/in/diana-nava-7b4558124
 (DIR) [5] https://isimarkets.com/redd/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Diana Nava
       
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