# taz.de -- Neuer Roman von Juli Zeh: Die Beweislage ist dünn
> In Juli Zehs neuem Roman „Pony Show“ gilt es, einen Mordfall in der
> Verlagsbranche aufzuklären. Immerhin: Was zu lernen über die deutsche
> Justiz gibt es.
(IMG) Bild: Die Autorin Juli Zeh im Mai 2026
Wenn Juli Zeh einen Roman veröffentlicht, ist diesem ein Platz auf der
Bestsellerliste stets sicher, und so wird es auch diesmal sein. Das liegt
neben [1][der medialen Omnipräsenz der Autorin] vor allem daran, dass sich
ihre Leser:innenschaft bei der Lektüre der Vorstellung hingeben kann,
hier mal so richtig [2][den Spiegel vorgehalten zu bekommen.] Das Ganze ist
dann immer hübsch eingekleidet in gut lesbare, nicht sperrige Sätze und
avanciert so in kürzester Zeit zum „Buch der Saison“, vielleicht sogar zu
dem „der Stunde“.
Der wahrscheinlich interessanteste Aspekt an Zehs neuem Roman, „Pony Show“,
ist, dass sich Teile der Handlung selbst mit dem Buchmarkt, der
Verlagsbranche und eben jenen Erwartungen des Publikums an Literatur
auseinandersetzen, die auch „Pony Show“ wieder zu einem Verkaufserfolg
machen werden.
Betty, die Hauptfigur des Buchs, ist Chefin eines erfolgreichen Hamburger
Verlages, in dieser Rolle zunächst unangefochten und meinungsstark: „Betty
mag keine Romane, in denen Schriftsteller über Schriftsteller schreiben“,
weiß die zweite Hauptfigur, ihr Anwalt Mark, über ihre Abneigung gegenüber
autofiktionalen Stoffen zu berichten. Sie verlegt sie dann trotzdem. Ihr
Verlagsprogramm, das müsse punktuell überraschend sein, aber im Ganzen
verlässlich, findet Betty. Die Leserschaft befinde sich in einer
„postfaktischen Verwirrung“.
Zum Glück hat die Gesellschaft Institutionen gegen die postfaktische
Verwirrung hervorgebracht, zu denen die Medien gehören, die sich im besten
Fall mindestens der Wahrhaftigkeit verpflichten. Oder die Strafjustiz,
deren Aufgabe es ist, eine Sanktion für das zu finden, was sich im Laufe
eines Prozesses als hoffentlich wahres Geschehen herausstellt. Dass Medien
und Justiz ihren Job in dieser Hinsicht aber besonders gut machen, dahinter
setzt Zeh mit „Pony Show“ ein Fragezeichen.
## Amerikanischer Verfolgungseifer
Denn Betty wird vor dem Landgericht Hamburg angeklagt – wegen Mordes. Der
in seinem Verfolgungseifer eher US-amerikanisch daherkommende Staatsanwalt
wirft ihr vor, ihren deutlich jüngeren Verlagsassistenten Fero umgebracht
zu haben. Es ist ein Mord ohne Leiche, Fero ist zwar weg, aber ob er tot
ist, weiß niemand. Die Beweislage ist dünn.
Fero war wenige Monate zuvor als junger Lektoratsassistent in Bettys Leben
getreten. Er war talentiert, frech, gut aussehend. Er hatte „eine dunstige
Intelligenz in den Augen, die aus den tiefen Schichten des Bewusstseins
heraufzusteigen scheint“. Was sich pathetisch liest und ein bisschen auch
nach unheilbarer Augenkrankheit klingt, fand bei Betty Anklang: Sie band
ihn in ihr Chefinnendasein ein, lektorierte zusammen mit ihm ein
Manuskript, lud ihn zum Essen ein und entwickelte auch sonst eine gewisse
Versessenheit. Bis das Ganze ins Tragische kippte.
Der Roman erzählt aus der Perspektive von Bettys Anwalt Mark den zähen
Verlauf des Gerichtsprozesses nach, und wird dabei stellenweise selbst
etwas zäh. Das liegt auch daran, dass man der Erzählperspektive Marks nicht
entkommen kann. Anwalt und Mandantin vergewissern sich gleich zu Beginn
ihrer Zugehörigkeit zum mittleren bis höheren hanseatischen Bürgertum,
indem sie herausfinden, dass sie ihren Wein bei demselben Pfälzer Winzer
bestellen, Namedropping inklusive. Mark sieht sich als glücklichen Mann:
„Haus, Carport, Kinder. Sommerurlaub auf Lanzarote. Im Winter zum Skifahren
in die Schweiz. Alle wollen das. Weil es das Höchste ist, das man auf
dieser Welt bekommen kann. Mehr geht nicht. Was soll falsch daran sein?“
Vieles von dem, was Mark sagt, ist sehr nervig, und man muss ihn dann wohl
oder übel 500 Seiten lang ertragen.
Für Mark selbst eher ungünstig ist erstens, dass er seine Mandantin
attraktiv findet, und zweitens, dass sie ihm nur sehr zögerlich erzählt,
weswegen sie nun eigentlich vor Gericht sitzt. Dass eine Angeklagte ihrem
Anwalt über Hunderte Seiten nicht genug mitteilt, um von ihm sinnvoll
verteidigt zu werden, ist eigentlich nur mit dem formalen Argument zu
erklären, dass so ein Justizthriller für den notwendigen Unterhaltungswert
nun mal eine gewisse Länge und den ein oder anderen Plottwist braucht. In
der tatsächlichen Handlung liegende Gründe für Bettys Salamitaktik gibt es
jenseits einer etwas konstruiert wirkenden Langzeitloyalität Bettys Fero
gegenüber nicht.
## Kampf gegen das weibliche Geschlecht?
Betty ist sich derweil sicher, dass hier eigentlich ein Stellvertreterkampf
ausgefochten wird, und sie verkündet im Zeitungsinterview mit einem der
vielen schematisch-skrupellos überzeichneten Pressevertreter:innen, die im
Roman auftauchen: Der Prozess sei nichts anderes als ein Kampf gegen das
weibliche Geschlecht. Insbesondere wenn die Frau, wie in ihrem Fall, wider
die gesellschaftliche Norm einen deutlich jüngeren Mann liebt.
Diese patriarchale Dimension des Gerichtsverfahrens wiederum lässt
feministische und linke Aktivist:innen auf den Plan treten, die vor dem
Gericht demonstrieren, deren Klugheit Zeh aber als eher gering einschätzt.
Was schade ist, hätte sie hier doch auch einmal präziser hinschauen können.
Eine weitere Dauerdebatte, die Manipulierbarkeit der Öffentlichkeit durch
die sozialen Medien, verwebt die Schriftstellerin im letzten Drittel des
Romans mit dem Fortgang des Gerichtsprozesses, kann dem zum Thema bereits
anderswo Gesagten und Geschriebenen aber auch nichts wirklich Neues
hinzufügen.
Dasselbe gilt für die immer wieder durchschimmernde Skepsis gegenüber einem
allzu absoluten Wahrheitsbegriff: „Wahrheit ist eine ästhetische Kategorie.
Die schönste Geschichte gewinnt“, lässt Zeh über ihre Protagonistin Betty
ausrichten. Schlauer wird man dadurch nicht; und so klingen viele der
Zeitgeistthemen bei Zeh ohne größeren Erkenntnisgewinn bloß an, selbst der
Ukrainekrieg hat einen kleinen Auftritt. Immerhin: Es gibt für
Nichtjurist:innen Wissenswertes über die deutsche Justiz zu lernen, zum
Beispiel, dass sie chronisch unterfinanziert ist, dass Schöffen wichtiger
sind, als man so denken könnte, und dass Justizwachtmeister total nette
Leute sind.
Letztlich schreibt Zeh in „Pony Show“ aber über Erfolg, Macht, Liebe
zwischen Mann und Frau und die Möglichkeit, das eigene Glück bei jemand
anderem zu finden als einem selbst. Insofern ein gewöhnlicher Roman, zu
dessen Gewöhnlichkeit es dann auch passt, dass Anwalt Mark darin trotz
seiner Nervigkeit, seines Alkoholismus, seiner Unprofessionalität und
Übergriffigkeit am Ende zweifelhafterweise doch noch ein Held werden darf.
22 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Julian Sadeghi
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