# taz.de -- US-Fußball nach der WM: Messi-Mania in Miami
       
       > Bei Inter Miami treffen sich Latinos, um Lionel Messi zu feiern. Auf dem
       > Rasen läuft uninspirierter Standfußball, aber noch kümmert das keinen.
       
 (IMG) Bild: Es kann nur einen Namen auf dem Trikot geben: Fans von Inter Miami
       
       Messi. Messi. Messi. Schon auf dem Weg von der Metro-Station zum neuen Nu
       Stadium ist klar, [1][um wen sich hier alles dreht]. Kein anderer Name ist
       auf den Trikots der Fans zu lesen, und es tragen wirklich viele eines. Wer
       noch keins hat, kann eins für zwanzig Dollar bei den Straßenhändlern vor
       dem Stadion kaufen. Es gibt sie in den hellblau-weißen Längsstreifen
       Argentiniens oder in Rosa und Hellblau, den Farben, in denen sich an diesem
       schwülen Abend die Dämmerung über Miami legt.
       
       Es sind zugleich die Farben des Teams, das hier heute spielt: Inter Miami.
       Offiziell: Club Internacional de Fútbol Miami. Ja, auf Spanisch. Der
       Sprache, die hier meist gesprochen wird, der Sprache der Latinos, also der
       Community in den USA, die hauptsächlich an Fußball interessiert ist, der
       Sprache Messis.
       
       „Messi, Suárez, Casimiro“, schreit eine Händlerin. Gekauft wird aber nur
       Messi. Die beiden anderen alternden Starspieler sind in Miami nur Beiwerk.
       Seit 2023 spielt Lionel Messi für das Franchise der Major League Soccer
       (MLS), das unter anderem David Beckham gehört. Und seitdem geht es richtig
       bergauf. Während Inter Miami in seiner ersten Saison 2020 noch als
       schlechtester MLS-Neuling ausschied, schaffte es Messi mit dem Team
       vergangene Saison in die Playoffs und gewann schließlich gegen [2][Thomas
       Müllers Vancouver Whitecaps] den MLS-Cup.
       
       Zum Ende der diesjährigen Regular Season steht Miami in der Eastern
       Conference auf Platz 2. An diesem Mittwochabend spielen sie gegen New York
       FC. Ein durchschnittlicher Klub ohne einen Star wie Messi.
       
       ## Tickets für mindestens 65 Dollar
       
       Eine Karte auf den hinteren Rängen kostet mindestens 65 Dollar, ein
       Dosenbier 18, kulinarisch gibt es von Angus-Rind-Burger über Popcorn und
       Pizza bis zur „Soft Pretzel“ alles, was das Herz begehrt – wenn man es sich
       leisten kann. Alles wirkt etwas zu clean in diesem Stadion, selbst die
       „Supporter“ im Ultra-Look, die mit ihren Flaggen, Trommeln und Pfeifen kurz
       vor Anpfiff noch im Stockwerk der Essensausgaben für Partystimmung sorgen
       und dann von den Securitys gecheckt werden.
       
       Er sei schon Inter-Fan gewesen, bevor Messi kam, beteuert einer der
       „Ultras“, er werde es auch bleiben, wenn dieser in Rente geht. Es gibt sie
       tatsächlich: die Inter-Fans der ersten Stunde. Wie der junge Amerikaner,
       der neben den trommelnden „Hardcore“-Fans steht und eine riesige
       rosa-schwarze „Siege Miami“-Flagge schwenkt. Er ist überzeugt, dass Inter
       auch ohne Messi weiter erfolgreich existieren wird. Gerade jetzt mit dem
       neuen Stadion.
       
       ## Die meisten Fans sind Latinos
       
       Fünf Supporter-Gruppen gebe es, erzählt er. Fünf Gruppen, die sich zusammen
       „La Familia“ nennen: „Souther Legion, The Siege, Nación Rosa y Negro,
       IMS.MMXX und Vice City 1896“, zählt er auf. Letzteres ist das Gründungsjahr
       der Stadt Miami. Alle Gruppen werden auf der offiziellen Webseite des Klubs
       gelistet, über die man sich auch anmelden kann. Klar, die meisten Fans hier
       seien Latinos, sagt er. „Aber das ist Miami.“
       
       Vor der Fanzone hängen ein paar selbst gemalte Plakate der „Supporter
       Groups“, natürlich auch in Rosa und Schwarz, wie die Stadionsitze oder die
       Getränkeausgaben. Das Stadion ist nicht ganz voll, 26.700 Zuschauer würden
       reinpassen. Reggaeton läuft, dann begrüßt der Spielansager das Publikum und
       die einlaufenden Teams, auf Englisch und Spanisch selbstverständlich. Man
       erhebe sich bitte für eine Live-Version von „The Star-Spangled Banner“.
       Kaum einer singt mit, wäre auch komisch im Argentinien-Trikot. Noch ein
       fettes Feuerwerk, dann kann es losgehen. [3][Vor lauter Show und Trubel]
       hat man fast vergessen, dass ja noch Fußball gespielt werden soll. Also
       Soccer, nicht Football.
       
       ## Schleppende Partie
       
       Das Spiel verläuft eher schleppend, die Supporter trommeln durchgehend in
       der ihnen zugewiesenen Zone. Ansonsten jubelt das Stadion vor allem, wenn
       die Nummer 10 den Ball hat. Und bei den beiden Toren, die in der ersten
       Halbzeit fallen. Leider nicht durch Messi. Jedes Tor wird mit einem
       Feuerwerk gekürt. Einen Hydration Break gibt es auch. Dann Halbzeitpause.
       
       „Es gibt auch die Messi-Fanboys, aber die kommen vielleicht, wenn’s
       hochkommt, sechsmal, nicht öfter, nach sechsmal haben sie genug von Messi
       gesehen“, hatte der „Ultra“ mit der Siege-Flagge gemeint. Sicher?
       
       Eine Familie, Vater, Mutter, Sohn, ist aus Argentinien zu Besuch in Miami.
       Sie seien zum Spiel gekommen, [4][um noch mal Messi spielen zu sehen].
       Jetzt, da er sich ja [5][von der Nationalmannschaft verabschiedet] hat.
       „Die Fangesänge hier sind die gleichen wie die der Barras Bravas, also der
       Ultras bei uns in Argentinien“, sagt der Sohn begeistert. Ein Typ im
       Messi-Trikot und mit Argentinien-Flagge über den Schultern will gar nicht
       darüber nachdenken, was sein wird, wenn sein Idol nicht mehr spielt: „Nein,
       Messi soll einfach immer weiterspielen.“
       
       ## Keine Rede von der WM
       
       Zwei junge Amerikanerinnen sind hier, weil sie Freikarten geschenkt
       bekommen haben, erzählen sie. Von der WM, die vor wenigen Monaten noch im
       Hard Rock Stadion in Miami ausgetragen wurde, spricht niemand.
       
       Die zweite Halbzeit wird begleitet von einer halbherzigen La Ola im
       Publikum. Ungefähr so halbherzig spielt auch Messi. Nur wenn der Ball ihn
       erreicht, zeigt er, dass er es noch draufhat. Verteidigung oder Bewegung
       zum Ball? Fehlanzeige. Macht ihm das Kicken für Miami überhaupt Spaß? Eine
       Frage, auf die man als Zuschauerin keine Antwort bekommt. Dafür bekommt man
       aber langsamen, geradezu uninspirierten Standfußball. Ab und zu eine
       sehenswerte Aktion, die auf den vielen Bildschirmen wiederholt wird. Es
       gibt fünf Minuten Nachspielzeit, in denen es noch mal kurz spannend wird.
       New York verschießt einen Elfmeter. Miami gewinnt 2:0.
       
       ## Uninspirierter Standfußball
       
       Die übriggebliebene Pyro hinter den Toren wird in die Luft geschossen. Man
       hatte wohl ein paar Tore mehr erwartet. Vielleicht sogar von Messi, aber
       das bleibt aus. Er hat seine 90 Minuten runtergespielt, zwei, drei gute
       Dribblings und Flanken, sogar eine direkt aufs Tor geschossene Ecke
       geliefert. Dem Publikum reicht das. Das Team verschwindet schnell in die
       Kabine. Wenig später geht die Party in der Zwischenetage des Stadions
       weiter. Die Trommler stimmen den Rhythmus an, es wird getanzt, geschwitzt,
       und die Handys werden gezückt.
       
       Vor dem rosa Merchstand stehen zwei Männer mit fetten Ketten um den Hals,
       an denen das Konterfei ihres absoluten Lieblingsspielers prangt: Messi.
       „Die ganze Welt fragt: Messi oder Ronaldo? Für mich ist ganz klar: Messi.
       Ronaldo ist total unsympathisch“, erzählt der eine. Wegen Ronaldo sei er
       sogar Argentinien-Fan geworden, obwohl er aus Honduras stamme. Jetzt, da
       Messi sich verabschiedet habe, werde das aber nicht mehr so bleiben. Auf
       die Frage, ob er denn das Spiel wirklich spannend fand, Messi sehe ja schon
       etwas erschöpft aus, antwortet er: „Bei manchen Spielen, so wie heute,
       trifft er eben nicht. Manchmal hält leider der gegnerische Torwart seinen
       Schuss.“ Sie spielen eben immer noch Fußball in Miami.
       
       Die Recherche wurde durch ein [6][Daniel-Haufler-Stipendium] der taz
       panterstiftung ermöglicht.
       
       20 Oct 2026
       
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