# taz.de -- Kabarettist Benedikt Mitmannsgruber: Too hot to Hendl
       
       > Der Österreicher Mitmannsgruber verankert seine Nummern mit viel Dialekt
       > im Regionalen. Ein Besuch bei der Deutschlandpremiere seines Programms
       > „1996“.
       
 (IMG) Bild: Sein cooles Markenzeichen? Der wirklich uncoole Norwegerpulli
       
       Am Ende seiner ausverkauften [1][Vorstellung im Münchner Lustspielhaus]
       gibt Benedikt Mitmannsgruber noch eine Zugabe. Es ist eine „Nummer“, wie er
       am nächsten Tag im Café bei einem Rooibostee seine Szenen nennen wird, die
       schon vielfach erprobt ist und die es auch im Internet zu sehen gibt.
       Nummern aus seinem laufenden Programm „1996“ stellt er nicht online, der
       Mann hat einen Plan, was soziale Medien angeht. Seine Freundin betreibt die
       Social-Media-Agentur [2][hallosocials.com], in der sie auch ihn betreut.
       
       [3][„Gefangen in der Drehtür“] heißt der Sketch aus seinem letzten Programm
       [4][„Der seltsame Fall des Benedikt Mitmannsgruber“]. Mitmannsgruber
       schildert dabei, wie er und andere Provinzkinder in den Drehtüren eines
       Einkaufszentrums abgestellt werden. Wenn die Eltern ins Kino gehen möchten
       und keine Kinderbetreuung finden, „dann hams mi einfach in a Drehtür
       einigstöllt, für an Nochmittag“.
       
       Das ist im Kern die „Figur“, wie Mitmannsgruber seine Bühnenperson nennt:
       Ein linkischer Schlaks im Norwegerpullover aus dem oberösterreichischen
       Mühlviertel, 20 Autominuten von der tschechischen Grenze, dem ganz normale
       Sachen Probleme bereiten; der nicht versteht, warum man nicht einfach einen
       Eingang und einen Ausgang benennt, statt einen in den unentrinnbaren
       Strudel einer Drehtür zu verbannen, eine „Zwischenwelt wie Narnia“ ----
       Pause ---- „oder Voralberg“.
       
       Damit sind zwei wesentliche Verfahren des Künstlers Mitmannsgruber benannt.
       Die wohlgesetzte Pause, die nicht geringe Anforderungen an Timinggefühl und
       Stimmbeherrschung stellt; und die Verankerung im Regionalen. Denn jenseits
       des erweiterten alpinen Kosmos würde der Gag mit „Voralberg“, eine Art
       Ostfriesland Österreichs, schon nicht mehr zünden.
       
       ## Was ein Comedian sein soll: sehr lustig
       
       Auch im Gespräch macht Mitmannsgruber keine Abstriche beim Dialekt, er ist
       da ganz eins mit seiner Bühnenfigur. Nur dass er eben in Wirklichkeit ein
       zwar zurückhaltender, aber sehr selbstbewusster und selbstverständlich
       gendernder junger Mann ist – er ist gerade 30 geworden –, der genau zu
       wissen scheint, was er macht, der ganz bewusst über die Dörfer und durch
       die Turnhallen zieht. Der Rest der deutschsprachigen Welt, könnte man
       sagen, muss zu ihm aufschließen – nicht umgekehrt.
       
       Und das würde sich lohnen. In der Hauptsache natürlich deswegen, weil
       Mitmannsgruber das ist, was ein Comedian sein soll: sehr lustig. Das
       Publikum in München ist jedenfalls begeistert, und zwar über alle
       Altersgrenzen hinweg, auch wenn nicht alle Gags bei allen zünden: was, wie
       angedeutet, eben auch daran liegt, das nicht alle alles verstehen, selbst
       in München, wo eine zumindest passive Beherrschung des Bairischen als
       linguistische Kategorie noch vorausgesetzt werden darf.
       
       Kreative Quelle des Mitmannsgruberischen Humors ist seine Herkunft. Die, da
       ist er sich auch ganz bewusst, tendenziell irgendwann auserzählt ist.
       
       Das Kostüm zu dieser Quelle ist der Norwegerpullover, sein Markenzeichen,
       das uncoole Kleidungsstück an sich. Dass das Uncoole das eigentlich Coole
       ist, weil wir letztlich alle nur Masken der Coolness tragen und es wenig
       komischere Effekte gibt, als wenn diese Maske heruntergerissenen wird und
       der Kaiser nackt dasteht, das wird ein Merkmal dieses Künstlers bleiben.
       
       Weil er ein Gefühl, einen Blick und ein Miterleben hat, bei allem, wo wir
       uns gern zu den Coolen rechnen würden, aber uns dann eben doch wieder
       hinten anstellen müssen.
       
       ## Wir sind alle unten
       
       Mitmannsgrubers Humor ist durchaus bös, aber er tritt nicht nach unten. Er
       zeigt uns eher, dass wir eigentlich alle unten sind. Formal macht er seine
       Witze in Abstufungen, hat keine Scheu vor dem Kalauer – die Überschrift
       dieses Textes stammt aus einer seiner aktuellen Nummern – und ist aber
       überbordend kreativ genug, dass er manche Pointen nur so nebenbei droppt
       oder hinzischt. Man könnte sich das Programm durchaus noch mal anschauen
       und würde sich keine Minute langweilen.
       
       Benedikt Mitmannsgruber ist ein politischer Künstler. Das geht wohl auch
       nicht anders in einem Land, in dem [5][laut aktuellen Umfragen] mehr als 40
       Prozent der Bevölkerung eine rechtsradikale Partei wie die FPÖ wählen
       würden.
       
       Er erzählt von Auftritten, wo Neonazis lautstark den Raum verlassen und ein
       FPÖ-Bürgermeister eine ihm von der Bühne gereichte Banane – ein Gag, den er
       auch mit einem Gast in München macht – heftig zurückschmeißt. Direkt
       persönlich bedroht worden sei er bei Auftritten aber noch nicht. Auf der
       Bühne gibt er nicht den politischen Phrasendrescher, sondern bleibt, auch
       wenn er den FPÖ-Politiker Kickl aufs Korn nimmt, lustig, wird nicht
       herabwürdigend. Es wäre schön, wenn die Gegenseite ihm das nachmachen
       könnte.
       
       Mitmannsgruber hat [6][neben anderen Auszeichnungen] 2022 den renommierten
       Kabarett-Nachwuchspreis [7][„Passauer ScharfrichterBeil“] gewonnen. In
       Österreich habe er bis jetzt allerdings noch keinen einzigen relevanten
       Preis bekommen. Bis Mitte 2028, sagt er, sei er aber gebucht. Es ist klar,
       dass er mehr will und kann, einen Roman schreiben oder als Schauspieler
       arbeiten, er nimmt seit kurzem auch Sprechunterricht, um die Menge der
       Auftritte leisten zu können.
       
       Dass er wie seine Figur in der Drehtür des ewig Gleichen hängen bleibt, ist
       nicht zu befürchten. Der Bus, den er steuert, wird weiterfahren. Dieses
       Bild verstehen Sie nicht? Dann schauen Sie sich bitte das Programm „1996“
       an. Sie werden dann ganz am Ende verstehen, warum ich beim Schreiben lache
       und mir sehr verkneifen muss, die Pointe zu verraten.
       
       16 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://lustspielhaus.de/event/19146/
 (DIR) [2] https://www.hallosocials.com/
 (DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=9sq3y7WiZIE
 (DIR) [4] https://tv.orf.at/program/orf1/benediktmi104.html
 (DIR) [5] https://www.oe24.at/a/41-prozent-fpoe-erstmals-staerker-als-alle-drei-regierungsparteien-900122659
 (DIR) [6] https://www.stuttgarter-zeitung.de/kultur/stuttgarter-besen-fuer-benedikt-mitmannsgruber-der-schmaechtige-verlierertyp-gewinnt-79013940.html
 (DIR) [7] https://scharfrichterhaus.de/theater/scharfrichterbeil/?doing_wp_cron=1791978554.5701680183410644531250
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Ambros Waibel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kabarett
 (DIR) Comedy
 (DIR) Österreich
       
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