# taz.de -- Alice Brauner über KZ-Film „Block 10“: „Die massenhafte Gewalt gegen Frauen sichtbar machen“
       
       > Filmproduzentin Alice Brauner über ihr Drama zu Experimenten an Frauen in
       > Auschwitz, den Kampf um Förderung und Parallelen zum Leben ihres Vaters
       > Artur.
       
 (IMG) Bild: Versuche am lebenden Menschen: Prof. Carl Clauberg (Axel Prahl) in „Block 10“
       
       Mit dem Historiendrama „Block 10“ widmet sich die Produzentin und
       Drehbuchautorin Alice Brauner an der Seite von Regisseur Marcus Rosenmüller
       dem Schicksal jüdischer Frauen, an denen die Nazis in Auschwitz
       Sterilisationsexperimente begingen. Wir sprachen mit der Filmemacherin und
       Historikerin über ihr akribisch recherchiertes Drama, ihre Schwierigkeiten
       mit der Filmförderung sowie über traurige Parallelen zum Leben ihres
       Vaters, der Produzentenlegende Artur Brauner. 
       
       taz: Frau Brauner, Ihr Film „Block 10“ ist, wie Sie im Presseheft
       schreiben, aus einer gewissen Wut heraus entstanden. Sie sprechen von
       Rebellion. Worauf richtet sich diese Wut? 
       
       Alice Brauner: Nach dem 7. Oktober hat sich für mich vieles verändert.
       Dieser Tag war eine persönliche Zäsur. Ich hatte mich schon lange zuvor mit
       Block 10 beschäftigt. Über das Buch von Bogdan Musiał, der später auch als
       historischer Fachberater an unserem Film mitgewirkt hat, war ich auf die
       Geschichte des Gynäkologen Maximilian Samuel aus Köln gestoßen. Eigentlich
       wollte ich eine ganz andere Geschichte verfilmen. Aber je mehr ich über
       Samuel las, desto stärker beschäftigte mich sein Schicksal. Ich bin ja auch
       Historikerin, solche Themen interessieren mich unabhängig von meiner Arbeit
       als Produzentin.
       
       taz: Inwiefern war der 7. Oktober so einschneidend für Sie und Ihre Arbeit
       am Film? 
       
       Brauner: Einschneidender als der 7. war eigentlich der 8. Oktober. [1][Eva
       Illouz hat das sehr treffend beschrieben]: Das Massaker der Hamas war ein
       Schock. Aber fast noch erschütternder war, wie schnell insbesondere in
       Teilen der linken und intellektuellen Öffentlichkeit das Mitgefühl für die
       jüdischen Opfer ausblieb und stattdessen das Relativieren, Rechtfertigen
       und teilweise sogar Feiern dieser Verbrechen begann. Ich habe mich gefragt,
       welchen Beitrag ich leisten kann, um mehr Verständnis für die jüdische
       Geschichte, die Schoah und das Existenzrecht Israels zu schaffen. Da wurde
       mir klar, dass ich „Block 10“ machen muss. Und zwar so drastisch, wie es
       der historischen Realität entspricht.
       
       taz: Im Mittelpunkt des Films stehen [2][die medizinischen Experimente an
       jüdischen Frauen in Auschwitz]. Eine zentrale Figur ist der jüdische
       Häftlingsarzt Maximilian Samuel, der gezwungen wurde, an den Verbrechen
       mitzuwirken. Was hat Sie an seiner Geschichte besonders interessiert? 
       
       Brauner: Samuel steht für das, [3][was Primo Levi die „Grauzone“ genannt
       hat]: eine furchtbare Situation, in der Opfer unter existenziellem Zwang
       gezwungen werden, an Verbrechen mitzuwirken, ohne dadurch ihre eigene
       Opferrolle zu verlieren. Samuel war ein angesehener Gynäkologe, der im
       Ersten Weltkrieg als Lazarettarzt gedient hatte. Er verstand sich als
       überzeugter Deutscher und konnte sich lange nicht vorstellen, dass ihm in
       Deutschland etwas geschehen könnte. In Auschwitz musste dieser Arzt, dessen
       eigentliche Aufgabe es war, Frauen dabei zu helfen, Kinder zur Welt zu
       bringen, an ihrer Zwangssterilisation mitwirken. Das ist ein ungeheurer
       Widerspruch.
       
       taz: Und ein moralisches Dilemma. 
       
       Brauner: Niemand von uns hat das Recht, Menschen, die in einer solchen
       Situation waren, mit dem moralischen Zeigefinger zu beurteilen. Niemand!
       Deshalb habe ich mich auch intensiv mit Primo Levis Überlegungen zur
       Grauzone beschäftigt und sie im begleitenden Buch [4][Hannah Arendts
       Aussagen] über die Rolle der Judenräte gegenübergestellt. Man muss
       begreifen, unter welchen Zwängen Menschen in den Lagern handeln mussten.
       
       taz: Sie sind Historikerin. Warum haben Sie sich entschieden, diesen Stoff
       als Spielfilm und nicht als Dokumentarfilm zu erzählen? 
       
       Brauner: Ich hätte sehr gerne einen Dokumentarfilm gemacht, wenn es
       entsprechendes Material gegeben hätte. Aber die Nationalsozialisten haben
       die Unterlagen zu Block 10 weitgehend vernichtet. Der Block wurde 1944
       aufgelöst, die Frauen wurden zunächst in andere Lagerbereiche und später
       teilweise nach Ravensbrück gebracht, wo die Experimente weitergingen. Es
       gibt [5][wissenschaftliche Arbeiten über Block 10, unter anderem von
       Hans-Joachim Lang], aber kaum filmisches Material. Deshalb blieb mir
       letztlich nur der Spielfilm.
       
       taz: Viele drastische Szenen in „ B lock 10“ sind schwer auszuhalten. Wo
       verläuft für Sie die Grenze zwischen notwendiger Drastik und Voyeurismus? 
       
       Brauner: Diese Frage beschäftigt mich sehr. Ich habe „Son of Saul“
       außerordentlich geschätzt. Das war für mich ein Referenzfilm. Trotzdem
       wurde ihm von manchen deutschen Kritikern Voyeurismus vorgeworfen, sogar
       von „Auschwitz-Porno“ war die Rede. Aber ist es schon Voyeurismus, wenn man
       die Realität zeigt? Ich glaube, dass Frauen auf unseren Film teilweise
       anders reagieren als Männer. Viele Zuschauerinnen können sich unmittelbar
       mit den Frauen identifizieren, die diesen gynäkologischen Eingriffen
       ausgeliefert waren. Hinzu kommt etwas Persönliches: Ich bin in einer
       jüdischen Familie aufgewachsen, in der Scham eine große Rolle spielte. Wenn
       ich mir vorstelle, was es für diese jüdischen Frauen bedeutete, sich vor
       SS-Männern ausziehen und entwürdigen lassen zu müssen …, ich glaube, für
       manche von ihnen wäre der Tod leichter zu ertragen gewesen als diese
       Demütigung.
       
       taz: Sie kritisieren, [6][dass sich das deutsche Kino häufig mit den Tätern
       des Nationalsozialismus beschäftigt]. Was stört Sie an dieser Perspektive? 
       
       Brauner: Zunächst einmal, dass bei solchen Filmen nicht immer historisch
       präzise gearbeitet wird. Bei „[7][Das Verschwinden des Josef Mengele]“
       beispielsweise sehe ich zahlreiche historische Fehler. Das halte ich gerade
       heute für gefährlich, weil Geschichtsrevisionisten solche Fehler aufgreifen
       und damit die Glaubwürdigkeit eines ganzen Films infrage stellen können.
       Vor allem aber besteht die Gefahr, dass man Empathie für die Täter erzeugt.
       Schon bei „Der Untergang“ konnte man diesen Effekt beobachten. Bei „The
       Zone of Interest“ frage ich mich beispielsweise, was es bedeuten soll, wenn
       Rudolf Höß am Ende plötzlich würgen muss. Ist das ein körperlicher Reflex?
       Soll darin ein Anflug von Gewissen sichtbar werden? Und warum wird dem
       Täter überhaupt eine solche Szene zugestanden? Mir geht es um die Frage,
       wann eine filmische Darstellung Gefahr läuft, Verständnis oder sogar
       Mitleid für Täter zu erzeugen.
       
       taz: Wie haben Sie versucht, den Fokus in „Block 10“ auf die Opfer zu
       verschieben? 
       
       Brauner: Indem wir bewusst auf die Hintergrundgeschichten der NS-Ärzte
       verzichtet haben. Ich muss doch nicht erklären, warum Carl Clauberg ein
       Sadist war. Das ist nicht meine Aufgabe. Wir zeigen fünf Monate im Block
       10. Dieser Ort und die Frauen, die dort gefangen waren, stehen im
       Mittelpunkt. Nicht die Täter. Deshalb haben wir auch nicht eine einzelne
       Frau zur Hauptfigur gemacht, sondern viele unterschiedliche Schicksale
       erzählt. Mir war wichtig, die Dimension dieser Verbrechen sichtbar zu
       machen. Die industrielle, massenhafte Gewalt gegen Frauen. Dabei haben wir
       uns so weit wie möglich an historische Zeugenaussagen gehalten. Die Frauen,
       ihre Geschichten und viele der Dialoge sind dokumentiert.
       Interessanterweise wurde uns gerade diese Entscheidung bei der
       Filmförderung vorgeworfen.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Brauner: Wir haben keine Förderung vom BKM bekommen …
       
       taz: … vom Staatsministerium für Kultur, deren Gelder von der FFA, der
       Filmförderungsanstalt, verantwortet werden. 
       
       Brauner: Genau. Einer der Hauptkritikpunkte war, dass wir die Nazi-Ärzte
       angeblich überhöht dargestellt hätten. Das ist für mich ein vollkommenes
       Missverständnis des Films. Wir wollten gerade nicht die Täter in den
       Mittelpunkt stellen. Aber offenbar gibt es immer noch bestimmte
       Vorstellungen davon, nach welchem dramaturgischen Muster eine Geschichte
       erzählt werden muss. Noch schlimmer fand ich, dass in dem
       Ablehnungsschreiben stand, der Film sei für Schulen nicht geeignet.
       
       taz: Mit welcher Begründung? 
       
       Brauner: Eine nähere pädagogische Begründung gab es nicht. Da stand
       einfach, man halte den Film für Schulen nicht geeignet. Dabei ist er ab 16
       Jahren freigegeben. Und die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft
       (FSK) hat in ihrer schriftlichen Begründung ausdrücklich festgestellt, dass
       Jugendliche ab 16 Jahren die geistige Reife und den Bildungshintergrund
       besitzen, um die Geschehnisse historisch einzuordnen und sich mit den
       moralischen Dilemmata auseinanderzusetzen. Sie hebt sogar die klare
       empathische Haltung und die Opferperspektive unseres Films hervor. Und wir
       erleben inzwischen bei Schulvorführungen, wie intensiv sich junge Menschen
       damit auseinandersetzen. Ich finde es ungeheuerlich, wenn ein Fördergremium
       solche Empfehlungen ausspricht. Vor allem, wenn sie sich in der Praxis als
       falsch erweisen. Andere Förderinstitutionen haben uns dagegen unterstützt,
       teilweise sowohl bei der Produktion als auch beim Verleih. Aber diese
       Kritik aus dem BKM-Verfahren hat mich wirklich getroffen. Auch wenn ich
       deshalb vielleicht nie wieder eine Förderung bekomme, muss ich das
       aussprechen.
       
       5 Nov 2026
       
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