# taz.de -- Kampf gegen Hundepisse in Wien: Nach dem Wasserlassen Wasser lassen
       
       > In Wien startet das Projekt „Schönes Gassi“: Hundebesitzer kriegen ein
       > Flascherl, um den Urin ihrer Tiere wegzuspülen. Klingt verrückt, ist
       > vernünftig.
       
 (IMG) Bild: Mist. Zu spät
       
       Oh je, wenn dieser Vorschlag demnächst auch in Deutschland auf den Tisch
       kommt, gewinnt die AfD gleich wieder fünf Prozentpunkte. Die zugehörigen
       Kommentare unter den Online-Meldungen und in den sozialen Medien könnte man
       jetzt schon allesamt im Voraus schreiben. Was wollen sie uns noch alles
       verbieten? Haben wir keine anderen Probleme? Und das mit unseren
       Steuergeldern!
       
       Aber der Wiener mit seiner Morbidität und seinem Schmäh fürchtet weder
       Shit- noch Pissstorm. Deshalb startet im Bezirk Neubau (der heißt
       tatsächlich so) der österreichischen Hauptstadt nun das [1][Modellprojekt
       „Schönes Gassi“]. Herrchen, Frauchen und alle anderen, die mit Hunden
       spazieren gehen, können sich beim Bezirksamt ein Flascherl abholen, das sie
       fortan mit Wasser befüllen und – selbstredend neben dem „Sackerl für
       Gackerl“ – beim Gassigehen mitführen sollen, um dann nachzuspülen, wenn der
       Hund das Beinchen hebt oder die Hündin in die Hocke geht.
       
       Nun verfügt man zwar auch in Wien üblicherweise schon über eigene Flaschen
       im Haushalt, aber natürlich ist das Angebot vor allem ein Marketinggag,
       auch wenn die Hundespülflasche eigens zum Gassigehen designt worden ist.
       Ziel ist es, überhaupt erst mal ein Verständnis für das zunächst eher
       abwegig scheinende Anliegen zu wecken und Menschen dafür zu motivieren, dem
       Hund das Wasser nach dem Wasserlassen hinterherzutragen.
       
       ## Gefährlich für die Umwelt
       
       Hunde-Pipi nachspülen, im Ernst? Allerdings. Und zwar aus gut
       nachvollziehbaren Gründen. [2][Hunde-Urin] enthält, wie bei Säugern
       einschließlich dem Menschen allgemein üblich, Harnstoff und Salze, und
       einmal ausgeschieden, werden diese an Baum, Mauer und Luft umgehend in
       Ammoniak mit seinem charakteristisch stechenden „Pipi-Geruch“ umgewandelt.
       In der Folge kommt es zu Verätzungen an Rinde und Wurzeln sowie zu
       Eintrittspforten für das Holz schädigende Pilze.
       
       Das ist natürlich bei vergleichsweise wenig Urinproduzenten und vielen
       Bäumen, also auf dem Land oder im Wald, kein Problem. In Städten, wo auf
       wenig Bäume ziemlich viele Hunde kommen, hingegen sehr wohl. Urin gehört in
       Großstädten daher tatsächlich zu den Hauptfeinden von Baum und Busch. Wer
       das Problem grundsätzlich nicht glauben mag, kann im eigenen Garten gerne
       eine empirische Studie durchführen und sich eine Weile immer am selben
       Gehölz erleichtern, um dem dann beim langsamen Umfärben von Grün in Braun
       zuzuschauen.
       
       Das Problem verschärft sich zudem, je trockener und wärmer es ist – und je
       trockener und wärmer es noch wird – der vergangene Sommer und der
       Klimawandel lassen grüßen. Weshalb das Nachspülen in vielen südeuropäischen
       Städten längst unter Androhung von teils drakonischen Strafen lang geübte
       und rechtsverbindliche Praxis ist.
       
       Das Nachspülen schafft die Schadstoffe zwar nicht aus der Welt, durch die
       Verdünnung reduziert es aber sowohl die ätzende Wirkung als auch die
       geruchliche Belästigung, die wir aus jeder Fußgängerunterführung bestens
       kennen.
       
       ## Keine Medienkrise für Hunde
       
       Es erscheint natürlich zunächst absurd, bei [3][zunehmender Dürre] und
       allerlei Bewässerungsverboten nun hektoliterweise Wasser dem Hunde-Urin
       hinterherzuschütten, aber die Abwägung kommt gerade in trocken-heißen
       Gebieten zu einem eindeutigen Ergebnis zugunsten der Hundespülung, zumal
       durch Urin gefällte Bäume eben auch dem Ziel der klimagerechteren Stadt im
       Weg liegen.
       
       Wer jetzt schließlich noch um das Wohl der Hunde besorgt ist, kann beruhigt
       sein: Zwar kommunizieren die Vierbeiner bekanntlich über die Geruchsmarken,
       die sie mit dem Urin setzen, und nutzen die Straßenbäume daher als eine Art
       Lokalzeitung, aber die Hundenase ist fein genug, um alle wesentlichen
       Nachrichten trotz Verdünnung wahrnehmen zu können – es droht also keine
       Medienkrise für Hunde.
       
       Wenn demnach alles dafür spricht, wäre die Spülpflicht dann nicht auch eine
       Idee für deutsche Städte? Kaum. Hierzulande wäre man ja schon froh, wenn
       die menschlichen Einwohner beim Kauf von ein paar Wegebieren im Spätkauf
       oder zur Maß auf dem [4][Oktoberfest] eine zusätzliche Flasche mit Wasser
       an die Hand bekämen, um ihre Notdurft fortzuspülen. Da brauchen wir über
       Hunde-Urin wohl gar nicht erst nachzudenken.
       
       12 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.wien.gv.at/neubau/gassi-flascherl
 (DIR) [2] /Kinder-fragen-die-taz-antwortet/!6106078
 (DIR) [3] /Duerre-in-Deutschland/!6201568
 (DIR) [4] /Oktoberfest/!t5013184
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Heiko Werning
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) talkshow
 (DIR) Urin
 (DIR) Städte
 (DIR) Hunde
 (DIR) Österreich
 (DIR) Wien
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Pinkeln im See: In Fließgewässern
       
       Ist es okay, beim Baden draußen zu urinieren? Kommt darauf an. Beim
       Freiwasserschwimmen sorgt Pinkeln für eine gewisse Gleichberechtigung.
       
 (DIR) Mangel an öffentlichen Toiletten: Staatlich geförderte Wildpinkelei
       
       Das Modellprojekt für klimafreundliche Toiletten in Parks endet erfolgreich
       – wird aber trotzdem nicht verlängert. Ein Armutszeugnis für Berlin.
       
 (DIR) Kinder fragen, die taz antwortet: Heben alle Hunde beim Pinkeln dasselbe Bein?
       
       Wir wollen von Kindern wissen, welche Fragen sie beschäftigen. Jede Woche
       beantworten wir eine. Daniel, 5, fragt: Gibt es Links- und Rechtsbeinheber?