# taz.de -- Die Wahrheit: Maulwurf gegen Auto
> Die Tschechische Woche der Wahrheit: Länger als ein Kulturminister lebt
> eine stets seufzende Trickfilmfigur allemal.
Weil die Schweizer Bahn immer auf für Deutsche so mysteriöse Weise
überpünktlich ist, kommt auch ihr Slogan aus den Fünfzigerjahren heute
genau zur – Achtung, längst geleertes Teekesselchen – rechten Zeit: „Der
Kluge liest im Zuge.“
Während der Autofahrer halt Auto fährt und gar nicht liest und also dumm
bleiben muss, weshalb es absolut folgerichtig ist, dass die tschechische
Autofahrerpartei einen Finsterling wie Oto Klempir zum Kulturminister
gemacht und zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse entsendet hat,
mutmaßlich nicht mit dem Zug. Und das, obwohl die tschechische Bahn mit
ihren legendären Speisewagen, in denen richtig gekocht und Bier gezapft
wird, für eine Form der Reisekultur steht, die für Deutsche auf so
mysteriöse Weise angenehm ist, dass die Androhung ihrer Ausrangierung
unlängst in links-progressiven Kreisen zu mehr Empörung führte als über den
Judenhass in der Linken.
Israel abschaffen oder Juden vorschreiben, wie sie sich gegenüber
Angreifern verteidigen dürfen, darüber können wir Deutschen ruhig mal in
Ruhe ergebnisoffen nachdenken, gerade auch angesichts unserer historischen
Verantwortung, aber die Speisewagen der tschechischen Bahn abschaffen, da
ist eine rote Linie erreicht, da drohen wir gleich, mal wieder in
Tschechien einzumarschieren.
Jedenfalls setzte die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková in
ihrer Eröffnungsrede zur Buchmesse dem Auftritt ihres
individualmotorisierten Landsmanns den hübschen Bonbónek entgegen: „Die
Staatsminister, die die Kultur vernichten, kommen und gehen, aber die
Literatur bleibt.“
## Frühe Ökoflüchtlinge
Womit sie völlig recht hat. Eines der Lieblingsbücher meiner Kinder vor
rund 15 Jahren war „Der Maulwurf in der Stadt“ von Zdeněk Miler und J. A.
Novotný, das 1987 im tschechischen Original erschien und in dem die aus der
Zeichentrickserie bekannten Helden Maulwurf, Hase und Igel von Baumaschinen
aus ihrem Wald vertrieben werden, als frühe Ökoflüchtlinge in die Stadt
kommen und dort einer geradezu apokalyptischen Autofahrerwelt ausgesetzt
sind, der sie kurzerhand ein Ende setzen, indem sie den Autos Bockwürste –
ganz bestimmt Špekáčky! – in den Auspuff stopfen.
Und siehe da: „Es war ein Riesenerfolg! Auf dem Parkplatz brach Panik aus.
Nicht ein Auto kam vom Fleck.“ Und: „Eine unglaubliche Stille lag über der
plötzlich freundlichen Stadt. Keine Spur mehr vom gestrigen Gestank und
Lärm.“ Das ist tschechische Buchkultur, die noch leben wird, wenn Oto
Klempir und seine Autofahrerpartei ebenso wie ihre Pendants von AfD bis
Katherina Reiche längst verschrottet sein werden. Das gibt uns in diesen
düsteren Zeiten Hoffnung, wie auch das Ende der Geschichte vom Maulwurf in
der Stadt: „Sie freuten sich darauf, wieder die Vögel singen zu hören, mit
den bunten Schmetterlingen über die Wiese zu tollen und den ganzen Tag zu
spielen. Wie gut wird es dann wieder auf der Welt sein!“
9 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Heiko Werning
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Autowahn
(DIR) Tschechien
(DIR) Schwerpunkt Frankfurter Buchmesse
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Die Wahrheit: Berliner Krach um Krach
Vor den Wahlen in der Hauptstadt gibt es wie gewohnt bei den Parteien und
Politikern ganz großes Tennis und jetzt sogar noch größeres Basketball.
(DIR) Die Wahrheit: Und ewig währt die Baustelle
Trotz aller unbeständigen Zeiten gibt es sie noch, die großen Konstanten
dieser Welt – zum Beispiel am Berliner U-Bahnhof Seestraße.
(DIR) Die Wahrheit: Dino tapert durch Berlin
Bis vor Kurzem gab es einen großen Mangel an Kinderbetreuungsplätzen in der
Hauptstadt, jetzt werden Paare von Kitas zum Nachwuchsmachen animiert.