# taz.de -- Musikfestival Out.Fest in Portugal: Stottern, scheuern und dröhnen
       
       > Ortsbesuch in der portugiesischen Industriestadt Barreiro, wo das
       > experimentelle Musikfestival Out.Fest stattfindet. Inklusion trägt hier
       > zum utopischen Sound bei.
       
 (IMG) Bild: Die serbische Künstlerin Manja Ristić tritt beim Out.Fest auf
       
       Es hat sich der experimentellen Musik verschrieben, das Festival Out.Fest
       in Portugal, doch sein erstes Lied zum Auftakt des Konzertreigens ist ein
       Spiritual, eine afroamerikanische Hymne aus dem 19. Jahrhundert: „Swing
       Low, Sweet Chariott“, gesungen von JJJJJerome Ellis. Leise und eindringlich
       klingt Ellis’ Stimme, während er eine Treppe im Mittelgang des Auditoriums
       hinauf schreitet. Der Ort ist das Kulturzentrum Cabós Gonçalves, benannt
       nach dem Gründer der Sozialistischen Partei in Barreiro.
       
       In der heruntergekommenen Industriestadt am Fluss Tejo gegenüber dem
       touristischen Disneyland Lissabon gelegen, findet die 22. Ausgabe des
       Out.Fest statt. Dass die Eröffnung im ehemaligen Lebensmittellagerhaus der
       portugiesischen Eisenbahn eine ganztägige Konferenz unter dem Motto „These
       Abilities: Perspectives on Music & Disability“ ist, liefert einen Hinweis
       auf den freigeistigen Charakter des Festivals.
       
       Die Schreibweise JJJJJerome ist Absicht. Ellis stottert und bekennt sich
       dazu. Der US-Künstler mit karibischen Wurzeln möchte auch die Musik zum
       Stottern bringen. Die stolpernde Sprechweise des 37-Jährigen, seine Ansagen
       und Songtexte werden auf der Leinwand hinter der Bühne live
       verschriftlicht. Stottern sorgt für Unberechenbarkeit, Verwunderung und
       Improvisation, erklärt JJJJJerome, und stimmt damit auf das Festival ein.
       „Swing Low, Sweet Chariott“ singt er übrigens flüssig.
       
       Musiktherapeut Paulo Jacob stellt das Orchester Ligados às Máquinas vor. In
       ihm komponieren Rollstuhlerfahrende mithilfe von digitalen Tools wie
       MakeyMakey und Audacity eigene Popsongs, die ausdrücklich so genannt werden
       dürfen. Zur Inspiration dienen ihnen dabei Hits von Superstars wie Queen
       und [1][Frankie Goes To Hollywood]. Tanzbarkeit scheuen die Rollifahrer
       nicht. Die multibegabten Protagonisten des Dokumentarfilms „Os Heróis
       Indianos Romanos Africanos“ halten es genau so.
       
       ## Kein Elfenbeinturm, nirgends
       
       Das gleichnamige Bandkollektiv hat 2024 die 20. Ausgabe des Out.Fests
       eröffnet und schaut sich nun selbst auf der Leinwand an. Am Eröffnungstag
       ist klar, auf dem Out.Fest wird kein Elfenbeinturm errichtet. Dafür ist für
       die kommenden vier Tage im Kellergeschoss eines Restaurants am Platz des 1.
       Mai die Filminstallation „The Movement Of People Working“ von [2][Phill
       Niblock] (1933–2024) zu sehen.
       
       Der mehrstündige Stummfilmteil, die minimalistische Musik läuft unabhängig,
       zeigt Szenen manueller Plackerei aus den Siebziger- und Achtzigerjahren.
       Niblock führt nach China, Lesotho, Puerto Rico, Hongkong, Mexiko, Ungarn,
       Peru, Brasilien und eben Portugal, in Länder, die zur Entstehungszeit des
       Filmes im Ballsaal des Neoliberalismus am Katzentisch saßen. Dass sich das
       geändert hat, ist auch in Barreiro zu bemerken.
       
       Eines der ersten Bilder von Barreiro sind die Schlickfischer, Tagelöhner
       und Illegale, die in der Ebbe des Tejo mit Metallrechen Meeresfrüchte
       ernten. Ihr Fang erhält dann im nordspanischen Galizien einen
       Herkunftsstempel, wird zurück nach Portugal importiert und landet auf dem
       Tisch. Nach ihrer Schicht im Schatten der Industrieruinen von Barreiro
       verschwinden die Tagelöhner auf Fahrrädern oder zu Fuß in ihre unter Palmen
       bröckelnden Behausungen.
       
       Szenen wie diese sollte sich vergegenwärtigen, wer an einem der Konzertorte
       des Out.Fests unter Wandgemälden, die den [3][internationalistischen Geist
       der Nelkenrevolution] im Portugal der Siebzigerjahre atmen, utopische
       Sounds hört. Fast schon wie ein archaischer Kontrapunkt wirkt die
       Performance „Berrante“ von Xavier Paes und Inês Tartaruga Água. In der
       städtischen Kulturhalle schleifen und ziehen sie zwei überlebensgroße,
       angespitzte Holzpfähle wieder und wieder über den Boden des Foyers und
       lassen ein vulkanisches Brodeln und Dröhnen erklingen. Darüber umkreist und
       umtanzt sich das Duo, geht aufeinander zu und wieder auseinander.
       
       Paes und Tartaruga Água bringen Körperlichkeit in die experimentelle Musik,
       sie werden das an den folgenden drei Abenden an anderen Orten mit jeweils
       neuen Performances tun: In einem Blumenladen spannt Paes eine Bahn
       Zeichenpapier auf eine Resonanzfläche und trommelt darauf mit der Spitze
       eines Bleistifts, die natürlich nicht lange hält und erneuert werden muss.
       Anspitzen ist Teil der Performance, an deren Ende ein Bild entstanden ist.
       
       ## Holzkreisel auf Resonanzboden
       
       Wieder als Duo bringen Paes und Tartaruga Água am dritten Abend Holzkreisel
       auf einem Resonanzboden in Schwingung. Je nach ihrem Auftrittswinkel
       entstehen hochfrequente Töne und überlagern sich zu feinem, metallischem
       Gewirr. Ab und wann büchsen einige der Kreisel aus und schreddern über den
       Fußboden, das sind dann die Stotterer. Als die Kreisel Schwung verlieren,
       legen sich Paes und Tartaruga Água zu ihnen und pusten. Dann neigen sich
       die Kreisel, brummen und fallen um.
       
       Zum Parforceritt gerät hingegen der Auftritt des indonesischen Duos
       Senyawa: Sänger Rully Shabara und Perkussionist Wukir Suryadi drehen auf
       dreizehn, was eigentlich nur auf zwölf geht und spielen passenderweise in
       der ehemaligen Feuerwache Industrialsound, wie das Genre einmal gedacht
       war. Shabara meint es ernst, wenn er den zornigen Schamanen gibt; mittels
       eines Gestells aus Bambus, Leder und Draht rollt ihm Suryadi dazu
       rhythmische Miniaturen und Meteoriteneinschläge aus. Senyawa machen
       Wutmusik für Friedfertige. Als der Autor dieser Zeilen im Gespräch bemerkt,
       Geschichte studiert zu haben, antwortet Rully Shabara nicht ohne Unterton:
       „Das heißt europäische, nehme ich an.“
       
       In der Jazzschule von Barreiro interpretiert die britische
       Improvisationskünstlerin Maggie Nicols palästinensische und jüdische Texte.
       Der Auftritt der Sängerin, Pianistin und Tänzerin darf als der musikalisch
       traditionellste der gesamten Festivalausgabe gelten und wirft die Frage
       auf, ob auf militärisches und monetäres Bombardement mit musikalischem
       Bombardement geantwortet werden muss. Nicols tut das ausdrücklich nicht und
       spielt den zweiten Standard des Festivals, „Autumn Leaves“, komponiert von
       Joseph Kosma auf ein Gedicht von Jacques Prévert, ins Englische übertragen
       von Johnny Mercer.
       
       ## Situationistische Stadtrundfahrt
       
       Auch in Barreiro fallen im Herbst die Blätter, aber sie tun das unter einer
       schon tropischen Sonne und auf ausgedörrtem Boden. Drei Monate lang ist die
       serbische Geigerin und Klangkünstlerin Manja Ristić in Barreiro unterwegs
       gewesen und hat Sounds gesammelt. „Wahrscheinlich haben mich die Leute für
       verrückt gehalten“, sagt sie, nachdem sie ihre noch unbetitelte Komposition
       vorgestellt hat, ein Klangstück, das wie der Soundtrack einer
       situationistischen Stadtrundfahrt wirkt.
       
       Die Glocken der Hafenkirche, das Blubbern des Sumpfes, an dem sinnigerweise
       die Immobilien des 21. Jahrhunderts angesiedelt sind, und der zeitlose
       Gesang der Vögel, Verkehr, Transport und Gesprächsfetzen. Live präsentiert
       Ristić das mit Geige, zwei Hydrophonen, die den Klang von Badesalz
       aufnehmen, und dem chinesischen Nachbau einer Plasmalampe des Erfinders
       Nikola Tesla. Es blitzt im gläsernen Globus. Am Ende lässt Manja Ristić
       eine Rettungsdecke rascheln.
       
       Out.Fest ist ein Festival, das finanzielle Förderung erhält, aber nicht
       danach klingt. Ihm und der Stadt, die es beherbergt, sei gewünscht, dass es
       das weiterhin tun kann; und, wie der Komponist Gustavo Costa auf der
       Eröffnungskonferenz betont hat, dass die Kunst nicht zur Concierge der
       Gentrifizierung wird.
       
       8 Oct 2026
       
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