# taz.de -- Gentrifizierung in Kreuzberg: Was vom Kotti übrig bleibt
       
       > Die Gewerbeflächen vom Neuen Kreuzberger Zentrum werden saniert – das ist
       > nötig, aber zu welchem Preis? 84 Gewerbetreibende bangen ums Überleben.
       
 (IMG) Bild: Symbol für kulturelle Vielfalt: Das NKZ am Kottbusser Tor
       
       Es regnet in Strömen auf die runtergerockten Passagen des Neuen Kreuzberger
       Zentrums (NKZ) am U-Bahnhof Kottbusser Tor. Ercan sitzt mit besorgter Miene
       unter einem Schirm vor seinem Laden und spricht über die vom Eigentümer
       angekündigten Sanierungspläne: „Zwei Jahre sind eine lange Zeit.“
       
       Ungefähr so lange sollen die Bauarbeiten dauern. Insgesamt 84
       Gewerbetreibende müssen für diesen Zeitraum übergangsweise woanders
       unterkommen. „Wir können doch nicht einfach so lange nach Spandau. Und
       wenn, wer garantiert unsere Rückkehr?“ Der langjährige Betreiber des
       szenebekannten Café Kotti ist hier eine Art Onkel für alle. „Hier fühlen
       wir uns zu Hause, hier wollen wir bleiben“, sagt er.
       
       Das NKZ ist ein riesiger Siedlungskomplex aus den 1970er Jahren und besteht
       aus dem Hauptgebäude, einem Wohnblock mit 295 Wohnungen, das sich von der
       Skalitzer bis zur Reichenberger Straße hinzieht und mittig von der
       Adalbertstraße unterführt wird. Hinzu kommen 15.000 Quadratmeter
       Gewerbefläche, teilweise untergebracht in den Ladenzeilen des Hauptgebäudes
       und zusätzlich in zwei gegenüberliegenden Flachbauten.
       
       Die Gegend um den U-Bahnhof Kottbusser Tor gilt als Symbol für die
       kulturelle Vielfalt des Bezirks. [1][Gleichzeitig gerät das Kottbusser Tor
       immer wieder mit weniger Erfreulichem in die Schlagzeilen.] Die Drogenszene
       ist in weiten Teilen des Areals allgegenwärtig. Es wird offen gedealt und
       konsumiert. Täglich kommt es zu [2][gewaltvollen Szenen] – auch tagsüber.
       Die Kosten dafür trägt auch das ansässige Gewerbe, dessen Alltagsbetrieb
       durch Kriminalitätsbelastung und zunehmende Verwahrlosung teilweise stark
       beeinträchtigt wird.
       
       ## Nicht sachgerecht saniert
       
       Mehr noch: Während das weiß-gelb gestrichene Hauptgebäude des NKZ
       einigermaßen gepflegt erscheint, geben die bröckelnden, mit einem
       schmutzigen Film überzogenen Fassaden der Flachbauten Aufschluss über ihren
       desaströsen Zustand. Der Komplex ist seit seiner [3][Erbauung in den 1970er
       Jahren] bis auf wenige Ausnahmen von seinen mehrfach wechselnden
       Eigentümern nicht sachgerecht instandgesetzt worden.
       
       Deswegen kündigte die [4][landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag],
       die das NKZ 2017 von einem privaten Unternehmen übernahm, schon vor
       mehreren Jahren umfassende Sanierungsarbeiten an. Als die Gewerbetreibenden
       vor den Sommerferien über die Details informiert wurden, war der Schreck
       bei vielen dennoch groß.
       
       Alle Gewerbetreibende, die derzeit in Flachbau West untergebracht sind,
       sollten bis Oktober 2026 ihren Betrieb einstellen – und das für mindestens
       18 Monate. Flachbau Ost und weitere Gebäudeteile würden zeitversetzt
       folgen. Betroffen wären damit insgesamt 84 Gewerbetreibende.
       
       Während viele von diesen mit unbefristetem Mietvertrag ihre Kündigung schon
       erhalten haben, sollen befristete Verträge in Absprache mit den
       Gewerbetreibenden per Aufhebungsverfahren beendet werden. Zwar sichert die
       Gewobag offiziell Ausgleichsregelungen und Unterstützung bei Umzügen zu.
       Neue Mietverträge gibt es allerdings, wenn, dann erst nach Abschluss der
       Bauarbeiten, so die Gewobag auf taz-Anfrage.
       
       ## Leere Versprechen
       
       Vielen geht das zu weit. „Wir fühlen uns im Dunkeln gelassen“, sagt Berrin
       vom Café und Backhaus Simitdchi letzten Donnerstag bei einer
       Mieterversammlung. „In einem Gespräch mit der Gewobag im Juni wurde uns
       gesagt, wir sollen komplett leerräumen“. Ihr Laden gehört zu den größten im
       westlichen Flachbau. Auf die Frage ihres Mannes nach Ersatzräumen habe die
       Gewobag gesagt, sie hätten nichts, „nicht mal ein Lager, wo wir unsere
       Sachen unterstellen können“. Andererseits seien sie mehrmals aufgefordert
       worden, den Aufhebungsvertrag zu unterschreiben, so Berrin.
       
       Dirk vom Vierte-Welt-Laden geht weiter. „Ich glaube, die Gewobag hat gar
       kein Interesse, die Gewerbe- und Sozialstruktur zu erhalten und auch keine
       Vision im Umgang mit den Gewerbetreibenden.“ Ihre angekündigte Rückkehr
       hält er für ein leeres Versprechen. „So wie die Sache gehandelt wird,
       werden diese zwangsweise unter die Räder kommen“, so seine Sorge. „Ein
       kleiner Gewerbemieter kann nicht mal eben zwei Jahre überbrücken, da viele
       hier von der Hand in den Mund leben“.
       
       [5][René Peréz Domínguez], dessen Partei Die Linke bei der Berlin-Wahl im
       Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg mit Abstand die meisten Stimmen bekam und
       der zur Versammlung eingeladen hatte, kann die Sorgen nachvollziehen. „Ich
       finde diesen Umgang schwierig für eine landeseigene
       Wohnungsbaugesellschaft“. Im Vorfeld sei er mit mehreren Gewerbetreibenden
       ins Gespräch gekommen. „Da war bei sehr vielen das Gefühl, sie seien jetzt
       hier raus und können nach zwei Jahren nicht mehr wiederkommen.“
       
       Für ihn sei wichtig, „dass der Kotti nicht gentrifiziert wird und hier bald
       ein Starbucks aufmacht“. Er wolle sich dafür einsetzen, dass, das Gewerbe
       erhalten bleiben kann. „Formal sieht das die Gewobag zwar auch so, macht
       aber nichts, um genau das abzusichern und den Mietenden die Möglichkeit zu
       geben zu planen“, so Peréz Domínguez. Gerade die Forderung einer Aufhebung
       der befristeten Verträge gegen eine noch nicht festgelegte
       Entschädigungssumme sei bemerkenswert. „Das schafft eine schwierige
       Verhandlungssituation.“ Seine Botschaft: „Nichts unterschreiben und
       rechtliche Beratung suchen.“
       
       ## Bezirkliche Wirtschaftsförderung
       
       Wie es weitergeht, entscheidet sich auch an der Berliner Regierungsbildung.
       Peréz Domínguez versichert, den Fall zur Debatte stellen zu wollen und
       prüfen zu lassen, ob unter anderem bezirkliche Wirtschaftsförderung ins
       Spiel gebracht werden kann. Dafür sei eine geschlossene Erklärung mit
       gemeinsamen Forderungen der Gewerbetreibenden nötig.
       
       Der öffentliche Druck zeigt Wirkung. Inzwischen hat die Gewobag den
       Baubeginn auf Februar 2027 und damit die Räumungsfrist auf Ende Januar
       verschoben und mehreren kleineren Betrieben Übergangsräume zugewiesen. Ein
       weiteres positives Signal setzt Mieterratsmitglied Wolfgang Moser. Von der
       zuständigen Sachbearbeiterin habe er vor einigen Tagen die mündliche
       Bestätigung für eine Gewerbemieterversammlung erhalten. Ob das zutrifft,
       blieb bis Redaktionsschluss unbeantwortet.
       
       15 Oct 2026
       
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