# taz.de -- Film „Alte Liebe“ von Andreas Dresen: Sich gemeinsam erinnern bringt mehr als bloß Zwietracht
> Andreas Dresen besetzt in seiner Romanverfilmung „Alte Liebe“ Dagmar
> Manzel und Joachim Król als betagtes Paar. Seine Kunst liegt im präzisen
> Inszenieren.
(IMG) Bild: Lasch geworden? Lore (Dagmar Manzel) und Harry (Joachim Król) in „Alte Liebe“
Es liegt auf der Hand, warum das Kino lieber von der Liebe zwischen jungen
Menschen erzählt als von der zwischen alten. Nicht nur, dass Erstere
konventionell gesehen die „schöneren“ sind. Die „alte Liebe“ stellt man
sich zwangsläufig auch immer etwas langweilig vor. Von wegen eingespielte
Routinen und einträchtiges Nebeneinander und so. Nicht gerade aufregender
Erzählstoff, so das gängige Vorurteil.
Dem gegenüber steht die Tatsache, dass die Generation Ü60 in Deutschland
bald schon ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmacht. Seniorenthemen
verkaufen sich. Elke Heidenreichs „Altern“ war das meistverkaufte Buch im
Jahr 2024. Ihr zusammen mit Exmann Bernd Schroeder verfasstes,
halbautobiografisches Buch „Alte Liebe“ wurde 2009 nicht nur zum
Bestseller, sondern lebte dank zahlreicher Bühnenfassungen noch lange nach.
Aktuell touren etwa Mariele Millowitsch und Walter Sittler damit durch die
Republik.
Für die Filmfassung hat man Andreas Dresen und seine langjährige
Drehbuchautorin Laila Stieler engagiert, eine Wahl, die absolut
einleuchtet. Man hat Dresen als einen Realismus-Spezialisten im Kopf, der
mit bewundernswertem Fingerspitzengefühl Alltag in seiner gewöhnlichsten
Alltäglichkeit zu inszenieren weiß, und Laila Stieler als ihm zuarbeitende
Autorin, die Sensationalistisches vermeidet, selbst wenn es um große Themen
geht wie in [1][„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“] oder den
[2][antifaschistischen Widerstand der „Roten Kapelle“ in „In Liebe, Eure
Hilde“].
Wenig überraschend ist es deshalb, dass Stieler und Dresen zwar die Vorlage
„von West nach Ost“ umgeschrieben haben, dabei aber sämtlichen Themen, die
aktuell mit großer Polemik debattiert werden, auf geschmeidig-sanfte Weise
ausweichen.
## Garten als Lebensinhalt
Dagmar Manzel und Joachim Król verkörpern Lore und Harry, ein Paar im
Rentenalter, das auf vier Jahrzehnte Ehe zurückschauen kann. Irgendwo am
Rand des östlichen Berlins bewohnen sie ein Häuschen mit erstaunlich großem
Garten. Während Harry sich dessen Bepflanzung seit seiner Pensionierung zum
Lebensinhalt gemacht hat, meint Lore ihren Job in der Stadtteilbibliothek
nicht aufgeben zu können, weil ohne sie alles zusammenbrechen würde. In
Wahrheit ist es wahrscheinlich umgekehrt, begreifen die
Kinozuschauer*innen selbstverständlich bald.
Um die „Liebe“ zwischen den beiden Protagonist*innen steht es zu Beginn
des Films nicht gerade zum besten. Harry wünscht sich, seine Frau würde
sich mehr für ihn interessieren, Lore grollt ihrem Mann wegen lang
vergangener Kränkungen. Sie keifen sich an und widersprechen einander wie
aus Prinzip. Als die Einladung der erwachsenen Tochter eintrudelt, die
einen Mann aus dem Westen zu ihren dritten Ehemann machen möchte, sind sie
sich für einen kurzen Moment einig in ihrem Ressentiment dagegen. Lore gibt
ihren Widerstand jedoch schnell auf, Harry behauptet noch lange, nicht zur
Feier nach Leipzig mitgehen zu wollen.
Ein Zyklus der Jahreszeiten von Frühling bis Winter strukturiert den Film,
der sich ganz auf Harry und Lore konzentriert. In den Sommerferien kommt
die Enkelin Laura zu Besuch, die sich aber vor den Großeltern hinter ihrer
Playstation verbarrikadiert. Christoph Hein und Clemens Meyer tauchen in
leicht klamaukigen Cameos als Gäste von Lores Stadtteilbibliothek auf. Aber
dramatisches Gewicht haben einzig und allein die Szenen zwischen den
Eheleuten.
## Routine des Streitens
Einmal mehr zeigt sich hier die große Kunst von Dresen: Durch das präzise
Inszenieren noch der kleinsten Verrichtungen gelingt es ihm von der nach
außen fast unsichtbaren, nach innen aber essenziellen Entwicklung zu
erzählen, die Lores und Harrys Beziehung in diesem Jahr durchläuft. Davon,
wie sie aus ihrer Routine des Streitens und der gegenseitigen Abwehr doch
wieder zu mehr Zugewandtheit und Zärtlichkeit finden. Und wie das
gemeinsame Erinnern nicht mehr nur alte Zwietracht bestärkt, sondern eine
neue Verbundenheit begründet.
Das alles ist fein gespielt – Manzel und Król scheint der Stoff auf den
Leib geschnitten – und so stimmungsvoll auf die Leinwand gebracht, dass es
berührt, ohne kitschig zu wirken.
Gleichzeitig erscheint es doch wie eine verpasste Chance. So findet zwar
das Klischee vom „reichen Wessi“ Eingang ins Drehbuch, perfekt mit Verweis
auf ererbten Wohlstand und der Verantwortung fürs Entlassen von Tausenden
von Arbeitenden im Osten, über Harrys und Lores Lebensläufe, die von den
Umbrüchen der Wende im Guten wie im Schlechten doch nachhaltig geprägt sein
müssten, erfährt man so gut wie nichts. Weder reden die beiden je darüber,
wie sie den Übergang von DDR zu BRD erlebt haben, noch reflektieren sie,
dass sie es allem Anschein nach doch sehr gut getroffen haben mit Haus und
Garten und gütlichem Auskommen.
Im Konflikt mit der Tochter wird einiges angedeutet, aber nie ausgeführt.
Anders als alle Dresen-Filme bisher verlässt man diesen deshalb mit dem
Wunsch nach mehr spezifischen, sprechenden Details.
7 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Barbara Schweizerhof
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