# taz.de -- Zukunft des Wintersports: Schussfahrt in den Klimawandel
       
       > In Sölden beginnt die Saison im alpinen Skiweltcup. Der frühe Termin im
       > Herbst hat sich etabliert, doch es gibt Kritik daran – auch unter
       > Sportlern.
       
 (IMG) Bild: Wintersport im milden Herbst: Trainingsfahrt vor dem Weltcupauftakt in Sölden
       
       Einhundertprozent Schneegarantie. Das Versprechen prangt in fetten weißen
       Lettern auf der Website von Sölden, einem der größten Gletscherskigebiete
       Österreichs. Im Hintergrund sieht man Touristen, die Pisten hinunterrasen.
       Überall liegt Schnee: auf den Skihütten, den Berghängen und vor allem auf
       den Abfahrtspisten.
       
       Die Wirklichkeit sieht anders aus: Wer seinen Blick in den vergangenen
       Wochen auf die über 3000 Meter hoch gelegenen Hänge in Tirol gerichtet hat,
       stellt fest, dass Schnee auch in diesem Herbst dort Mangelware war. Das
       Alpenskigebiet lud mit seinen grünen Wiesen eher zum Wandern denn zum
       Skifahren ein. Selbst oben auf den Gletschern hat es konstant über null
       Grad Celsius. Eigentlich keine guten Voraussetzungen für Wintersport.
       
       Dass sich trotzdem ein schneeweißes Band inmitten der Felsen den
       Rettenbachgletscher hinunterzieht, liegt am Saisonauftakt im Ski-Weltcup.
       An diesem Wochenende brettern die besten Skifahrer:innen der Welt im
       Riesenslalom den Abhang wieder hinunter: am Samstag die Frauen mit der
       Rekordsiegerin Mikaela Shiffrin (USA) und ihrer deutschen Herausforderin
       Emma Aicher. Am Sonntag folgen die Männer, bei denen der Brasilianer Lucas
       Pinheiro Braathen als Favorit ins Rennen geht. Alexander Schmid gilt als
       aussichtsreichster Deutscher auf der knapp 1.200 Meter langen Strecke mit
       bis zu 68 Prozent Gefälle.
       
       Dem Großspektakel in Sölden folgen bis Saisonabschluss in Sun Valley (USA)
       im März 2027 noch weitere 39 Rennen für die Frauen und 42 für die Männer in
       der Abfahrt, im Slalom, Riesenslalom und Super-G, unter anderem in
       Kitzbühel, Garmisch-Partenkirchen oder Bormio.
       
       ## Wintersport im Herbst
       
       Nach dem Sölden-Wochenende steht bis zu den Slalomrennen am 14. November im
       finnischen Levi zunächst eine dreiwöchige Pause an. Doch der frühe
       Saisonstart in Sölden hat sich etabliert. Seit 2000 beginnt der Weltcup
       jedes Jahr im hinteren Ötztal. Immer im Oktober.
       
       Es gibt allerdings auch lautstarke Kritik am Großevent, zu dem auch in
       diesem Jahr wieder 30.000 Zuschauer erwartet werden. Die frühe Ansetzung,
       die milden Herbsttemperaturen und mangelnder Naturschnee werden dabei
       thematisiert. „Es ist einfach ein künstlich erzeugter Beginn des Winters,
       der nicht der Natur entspricht“, sagt Ursula Bittner von [1][Greenpeace in
       Österreich]. „Da hat niemand etwas davon, außer die Wirtschaft in Sölden.“
       
       Doch die scheint davon ordentlich zu profitieren. „Bilder mit Schnee und
       blauem Himmel erzeugen Emotionen. Wenn diese Bilder rausgehen, das
       bestätigen mir viele Kollegen aus der Branche, bekommen sie die ersten
       Buchungen“, erklärt Jakob „Jack“ Falkner, der langjährige Geschäftsführer
       der Bergbahnen Sölden. Seine Lifte fahren zwar fast das ganze Jahr, große
       Gewinne werfen sie aber nur im Winter ab. Deshalb gilt in Sölden: Je früher
       das Skigebiet öffnet, desto profitabler wird das Unternehmen.
       
       ## Zubetonierte Gletscherspalten
       
       Tatsächlich bildet der Weltcup in Sölden eine hervorragende Werbefläche für
       Tourismus und Sport. Er liefert Publicity, um die Aufmerksamkeit eines
       Millionenpublikums bereits im Herbst auf den Wintersportort in Tirol zu
       richten. Man gehe sogar so weit, dass für das Skigebiet ins fragile
       Ökosystem eingegriffen werde, meint Bittner. „Wegen der Klimakrise geht der
       Gletscher zurück. Um auf ihm weiterfahren zu können, muss man massiv
       eingreifen. Sie sind da mit riesigen Baggern und mit Sprengungen
       vorgegangen und haben teilweise die Gletscherspalten zubetoniert.“
       Tatsächlich hat der Gletscher, wie die FAZ [2][berichtet], seit den 1980er
       Jahren mehr als die Hälfte seiner Fläche eingebüßt.
       
       Von der Greenpeace-Kritik will Philipp Falkner, gleichzeitig Präsident des
       Organisationskomitees hinter dem Weltcup-Rennen, nichts wissen. „Dass die
       Gletscher zurückgehen, ist ein natürlicher Vorgang, den es auf der Welt
       fast überall gibt. Dadurch ist sehr viel Gestein eisfrei geworden. Das hat
       man begradigt und saniert“, weist er die Kritik zurück. Man habe sich alles
       genehmigen lassen.
       
       Dem Vorwurf, zu stark in die Natur einzugreifen, sehen sich viele
       Skigebiete seit Jahren ausgesetzt. Vor allem das Roden von Wäldern zum
       Ausbau neuer Liftanalagen oder Pisten, sowie der Energie- und
       Wasserverbrauch für die künstliche Beschneiung werden kritisch betrachtet.
       „Wir brauchen nicht mehr Skigebiete in Österreich. Die wir haben so zu
       gestalten, dass sie möglichst nachhaltig sind, das wäre ein Ziel“, sagt
       Greepaece-Sprecherin Bittner.
       
       [3][Der fehlende Naturschnee] wird nicht nur in Sölden immer mehr zum
       Problem. Bis zum Jahr 2100 könnte die Schneefallgrenze in den Alpen auf
       rund 1.700 Meter steigen. Aktuell liegt sie bei 1.000 Metern. Die
       Konsequenzen wären unabsehbar, befinden sich doch etwa in Österreich
       weniger als die Hälfte der Pistenkilometer auf der prognostizierten Höhe,
       in Deutschland sogar nur rund 10 Prozent. Mit künstlicher Beschneiung wird
       das Problem nicht zu lösen sein. Sie ist eigentlich nur bei
       Minus-Temperaturen möglich, also oberhalb der Schneefallgrenze, und
       benötigt zudem sehr viel Energie.
       
       ## Schnee aus dem Depot
       
       Um das Herbst-Rennen möglich zu machen, setzt Sölden deshalb in erster
       Linie auf Schneedepots. Dafür werden gegen Ende des Winters große Mengen an
       Kunstschnee produziert, der den Sommer über unter schützenden Folien
       eingelagert wird. Im Herbst kann dann auf die Reserven zurückgegriffen
       werden. Was auch dringend nötig ist: Der Großteil der Strecke musste
       vollständig mit Schnee aus dem Depot angelegt werden.
       
       Die nötige Energie für den Kunstschnee soll zukünftig in Sölden auch aus
       der neuen Gletscher-Photovoltaikanlage gezogen werden, die in diesen Winter
       in Betrieb geht. Rund 14 Millionen Euro hat sie gekostet. Auf fast 3.000
       Metern Höhe steht der „Solarwald“, dessen Design an Star-Wars-Technologie
       erinnert. „Ein Viertel unseres gesamten Stromverbrauchs können wir damit in
       Zukunft decken“, sagt Falkner.
       
       Dabei liegt das größte Umweltproblem des Skitourismus gar nicht auf dem
       Hang. Es sind die An- und Abreise, die ökologisch besonders ins Gewicht
       fallen. „Drei Viertel der Emissionen werden allein dadurch freigesetzt“,
       betont Bittner. Auf öffentliche Verkehrsmittel zurückzugreifen sei deshalb
       besonders wichtig. Kostenlose Shuttlebusse, wie sie an diesem Wochenende
       angeboten werden, seien deshalb eine gute Idee.
       
       Aber reicht das? Einen direkten Bahnanschluss im 3.000-Seelen-Ort gibt es
       nicht, der nächstgelegene Bahnhof im Inntal liegt 40 Kilometer entfernt.
       Auch deshalb reisen die meisten Gäste, in Tirol waren es in den vergangenen
       Jahren rund 89 Prozent, nach wie vor mit dem Auto an. Eine Gästebefragung
       2024 ergab, dass vor allem der Gepäcktransport, Bequemlichkeit und die
       Anreisedauer von der Bahnreise abschrecken.
       
       [4][Das massive Reiseaufkommen im Wintersport wird auch im Profizirkus
       infrage gestellt]. Der Schweizer Slalomspazialist Daniel Yule, der in
       Sölden nicht am Start steht, meint zum Rennkalender des Internationalen
       Skiverbands Fis: „Die Speed-Fahrer fliegen dieses Jahr zweimal in die USA.
       Einmal am Anfang der Saison und dann noch mal für das Finale. Ist das nicht
       ein bisschen viel Reiserei? Macht das wirklich Sinn?“
       
       Denn die Erderwärmung stellt zunehmend auch den Spitzensport vor Probleme.
       „Es wird immer schwieriger, Orte zu finden, an denen man gut trainieren
       kann. Man muss schauen, dass es in ein paar Jahren Schneesport überhaupt
       noch gibt. Weil wenn wir das so weitermachen, wird es wegen des
       Klimawandels keinen Schnee mehr geben“, sagt Yule.
       
       Der 33-Jährige fordert deshalb ein Umdenken von der Fis: „Es ist mir
       wichtig, dass dieses Thema angenommen wird, denn der Skisport ist meine
       Leidenschaft. Wir müssen versuchen, ihn so zu schützen, dass zukünftige
       Generationen auch noch Ski fahren können.“
       
       Doch ein solches Umdenken scheint Zeit zu brauchen. Zeit, die die
       Alpengletscher vielleicht nicht mehr haben. Dem Event in Sölden tut das
       erst mal keinen Abbruch. „Wir möchten zukünftig gern ein doppeltes
       Wochenende“, sagt Falkner. Zwei Wochenenden hintereinander sollen es sein.
       Wegen der Nachhaltigkeit.
       
       23 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://greenpeace.at/
 (DIR) [2] https://www.faz.net/aktuell/reise/klimawandel-gletschersterben-in-den-alpen-18116932.html
 (DIR) [3] /Klimawandel-in-den-Alpen/!6062900
 (DIR) [4] /Petition-an-das-Olympische-Komitee/!6152208
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Lautenschläger
       
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