# taz.de -- Pflegereform, aber richtig: Helft den Alten!
> Statt die alten Deutschen würdelos dahinsiechen zu lassen, könnten sie
> ein ordentliches Leben und Sterben haben. Ein Vorschlag von
> taz-FUTURZWEI-Kommentator Udo Knapp.
(IMG) Bild: Würde oder Verwahrlosung am Lebensende – quo vadis, Deutschland?
[1][taz FUTURZWEI] | Die Bevölkerung der Bundesrepublik schrumpft. [2][Laut
Statistischem Bundesamt] wird sie von heute 83,3 Millionen Bürgern auf etwa
74,7 Millionnen im Jahr 2070 zurückgehen. In den nächsten Jahrzehnten wird
die Bevölkerungspyramide (unten breit, in der Mitte abnehmend und sich oben
bis ins nichts verkleinernd) auf den Kopf gestellt. Immer weniger Junge und
erwerbstätige Erwachsene werden immer mehr Alten gegenüberstehen, die in
immer größerer Zahl ein Lebensalter von 100 Jahren erreichen. Deshalb wird
vom einem „Altenberg“ gesprochen, dessen Abschmelzen den Alltag in unserer
Gesellschaft die nächsten Jahrzehnte bestimmen wird. Nur um die Gesamtzahl
der Bevölkerung in seiner gegenwärtigen Größe zu erhalten, müssten jährlich
bis zu 490.000 Erwerbstätige in die Bundesrepublik einwandern, wovon nicht
ausgegangen werden kann.
Den Alten, von denen heute jeder zweite über 85jährige, professionelle,
stationäre oder ambulante Altenpflege braucht, soll mit der
Pflegeversicherung ein würdevolles, Leben und Sterben ermöglicht werden.
Die Pflegeversicherung wurde von Norbert Blüm und der CDA, dem
christlich-demokratischen Arbeitnehmerflügel der CDU 1995 im Bundestag
durchgeboxt. Die Einführung der Pflegeversicherung kann mit gutem Grund als
Meilenstein einer parteiübergreifenden Politik des sozialen Ausgleichs in
der alten Bundesrepublik betrachtet werden und dem Beginn einer
systematischen Pflegepolitik. Demographische Tatsachen der Zusammensetzung
und der Altersstrukturen der Bevölkerung haben eine kaum aufzuhebende
Wirkung auf die Pflegepolitik. Diese Tatsachen werden positiv oder negativ,
rational oder dann doch wieder nur primär politisch in der Debatte um die
richtige Pflegepolitik genutzt. So ist schon mit dem genauen Auflisten der
Geburten eines Jahres unmittelbar klar, was die Gesellschaft an
Kindergärten, Schulen, Lehrstühlen, Krankhäusern, Pflegeheimen und Straßen
vorhalten muss, um ihren Kindern, die beste Infrastruktur für ihre
Entwicklung zur Verfügung zu stellen. Im politischen Alltag werden
demographische Tatsachen als eher lästig empfunden oder gleich, wie bei der
Einführung der Pflegeversicherung, weitgehend ignoriert.
## Eine langfristig aufgelegte Pflegeplanung wäre möglich
Die heutigen Finanzierungsprobleme der Pflegeversicherung sind die Folge
dieser Ignoranz. Es war immer klar, dass bei einem längeren Leben der
Alten, zum Beispiel, die Zunahme der Demenz- oder Alzheimer-Erkrankungen zu
höherem Pflegeaufwand und steigenden Kosten führen würde, die durch die
Beiträge der Versicherten nicht abgedeckt werden können.
Es war immer klar, dass nur gute Tariflöhne auf Dauer den Personalmangel in
der Pflege begrenzen können. Es war klar, dass die Zulassung privater
Pflegekassen und ein privater Pflegemarkt neben der Spaltung der
Versicherten die Pflege aller Versicherten hohem Niveau behindert, ja
erschwert.
Es war abzusehen, dass die Kosten der gesetzlichen Pflegeversicherung von
2005 mit damals 17, 9 Milliarden Euro sich auf heute 73,8 Milliarden
vervierfachen würden. Gleiches gilt für das Finanzierungsdefizit der
Pflegeversicherung, das 2027 bei gleichbleibenden Leistungen auf 7,5 und im
Jahr 2028 auf 15. Milliarden Euro ansteigen wird.
Es ist hinreichend bekannt, wie viele Alte die Gesellschaft die nächsten
Jahrzehnte versorgen und pflegen muss. Die Fachpolitiker wissen ganz genau,
was für die Alten bis ins Jahr 2070 sachlich, finanziell und im Umfang
gebraucht wird. Eine langfristig aufgelegte Pflegeplanung auf der Grundlage
dieser Daten wäre möglich.
## Wichtige Säule des Sozialstaates demoliert
Die Enkelkinder Blüms und die sprachlos gewordene CDA der CDU demontieren
stattdessen lieber im Einklang mit der SPD die Pflegeversicherung durch die
Reduktion ihrer Pflegepolitik auf den am Ende nicht erreichbaren Ausgleich
von Einnahmen und Ausgaben durch Beitragserhöhungen und Leistungskürzungen.
Bei einer Fortsetzung dieser Politik wird eine wichtige Säule des deutschen
Sozialstaates wissentlich demoliert. Viele Alte sind verunsichert, müssen
aber zur Kenntnis nehmen, dass ihre Verwahrlosung am Lebenssende von
breiten Kreisen der Politik nicht nur hingenommen, sondern sogar exekutiert
wird. Beim Abwägen der Marktmacht auf der politischen Agora zählen für sie
die laut krähenden Jungen und die ohnehin schon stark belasteten
Erwachsenen im Arbeitsleben mehr als die zurückhaltend vor sich mümmelnden
Alten.
Dabei gibt es Alternativen zur deutschen Pflegepolitik, etwa in
[3][Dänemark]. Sicher ist eine Vergleichbarkeit der sozialen Systeme beider
Staaten im Hinblick auf die Zahl ihrer Bürger- (etwa sechs Millionen Dänen
zu 83 Millionen Deutsche) nur eingeschränkt plausibel. Aber von der
Philosophie und der Zustimmung der Bürger Dänemarks zu ihrer Pflegepolitik
ließe sich viel abgucken.
In Dänemark hat jeder Bürger einen gesetzlichen verbrieften Anspruch auf
alle Pflegemaßnahmen, die er für ein würdevolles Lebensende braucht. Die
gesamte Pflegearbeit ist als Pflichtaufgabe bei den Kommunen angesiedelt.
Eine besondere Pflegeabgabe, wie in Deutschland, gibt es nicht. Die
Rundumpflege wird komplett aus den öffentlichen Gesundheitshaushalten
finanziert. Dieses einfache Modell ließe sich auch auf die Bundesrepublik
übertragen. Dazu müssten im Konsens und genau berechnet, die allgemeinen
Einkommenssteuern linear bis zu dem Betrag erhöht werden, mit dem die
jeweiligen Pflegekosten für alle zu finanzieren wären.
Steuererhöhungen für alle, das wäre ein Weg zu einer menschenwürdigen
Pflege. Rechenmodelle dazu gibt es bereits. Allerdings hat keine der
deutschen Parteien der Mitte die Alten mit einem solchen Angebot auf ihrem
Schirm. In der SPD gab es mit dem Vorschlag zu einer Bürgerversicherung
Ansätze in eine solche Richtung, politikwirksam wurden sie nicht.
Eine abschließende Frage: Warum sollten die Jungen und die Erwachsenen in
Deutschland ihre Eltern und alle Alten lieber schlechtversorgt dahinsiechen
lassen, statt sie über höhere Steuern und vom Staat würdevoll und gut
versorgt, aus unser aller Leben zu verabschieden?
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5 Oct 2026
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