# taz.de -- Wirtschaftspsychologe über Networking: „Auch Introvertierte können Netzwerken“
> Smalltalk kann anstrengend sein, berufliche Kontakte wären aber
> praktisch. Ein Wirtschaftspsychologe erklärt, was Introvertierte beachten
> müssen.
(IMG) Bild: Für Intrvertierte kann ein harmloser Smalltalk schon anstregend werden
taz: Herr Wolff, man geht davon aus, dass es ähnlich viele
[1][introvertierte wie extravertierte Menschen] gibt. Was unterscheidet
sie?
Hans-Georg Wolff: Aus Kontakt zu anderen schöpfen Introvertierte anders als
Extravertierte keine Energie, sondern büßen diese dabei eher ein. Im
Arbeitskontext zum Beispiel sind das diejenigen, die es eher anderen
überlassen, das Gespräch in der Kaffeeküche zu beginnen. In und nach
Situationen mit viel Kontakt zu einer Vielzahl von Menschen, etwa bei
Konferenzen oder Messen, brauchen sie auch mal Zeit für sich, um sich zu
erholen. Generell reden sie vielleicht etwas weniger, sind zurückhaltend
und haben tendenziell weniger Kontakte.
taz: Können Introvertierte also weniger gut netzwerken?
Wolff: Nein, auch Introvertierte können das. Es ist nur eben anstrengender
für sie, weil es weniger ihrem Naturell entspricht. Ihre Netzwerke sind
meist kleiner als die der Extravertierten. Weit verzweigte Netzwerke sind
zum Beispiel gut, um schnell an neue Informationen zu kommen. In kleineren
Netzwerken sind die Kontakte in der Regel aber enger und man kann dafür
eher Unterstützung erwarten. Teams profitieren aber davon, wenn es beide
Typen von Netzwerkenden in ihren Reihen gibt.
taz: Ist [2][Networking] überhaupt so wichtig?
Wolff: Für unsere Untersuchung haben wir eine Gruppe an Arbeitnehmenden
nach ihrem Netzwerkverhalten gefragt und dann zu verschiedenen Zeitpunkten
über vier Jahre nachgeschaut, wie sich ihr Bruttojahreseinkommen entwickelt
hat. Tatsächlich hat sich dabei gezeigt, dass sich die Gehälter von den
Personen, die viel netzwerkten, und denen, die es weniger taten, mit den
Jahren auseinanderentwickelt hatten. Personen, die unterdurchschnittlich
häufig netzwerkten, konnten ihr Gehalt um 5 Prozent pro Jahr steigern,
diejenigen, die überdurchschnittlich stark netzwerkten, um 7,5 Prozent.
Analog zum Zinseszinseffekt potenziert sich diese Differenz natürlich über
die gesamte berufliche Laufbahn noch stärker.
taz: Im letzten Jahr haben Sie die Daten eines weiteren Messzeitpunktes,
acht Jahre nach Beginn der Messungen, veröffentlicht …
Wolff: Ja, die relativieren die vorherigen Ergebnisse etwas. Es hat sich
gezeigt, dass es einen Unterschied macht, ob ich meine Netzwerke innerhalb
oder außerhalb der eigenen Organisation habe. Und dieser gehaltssteigernde
Effekt, der hat sich bei Männern vor allem für das interne Networking
gezeigt und für Frauen eher, wenn sie ihre Kontakte über die eigene
Organisation hinaus aufbauen und pflegen.
taz: Was hat [3][das Geschlecht damit zu tun]?
Wolff: Dass Frauen sich eher nach außen hin vernetzen, könnte daran liegen,
dass man sich in der Regel gerne mit Menschen vernetzt, die einem ähnlich
sind. Und Ähnlichkeit wird auch durch das Geschlecht bestimmt. Einige
Unternehmen sind eben noch immer so organisiert, dass Frauen dort nicht so
viele weibliche, gleichgesinnte Ansprechpartnerinnen finden und sich darum
eher nach außen vernetzen.
taz: Ihre Kollegin, die Psychologin Laura Wingender, konnte im Labor
belegen, wie anstrengend Networking, besonders für introvertierte Menschen,
ist. Wie hat sie das gemacht?
Wolff: In dem Experiment wurde eine Gruppe in zwei geteilt. Die eine sollte
strategisch netzwerken, während die andere nur entspannt plauderte.
Anschließend fand ein vermeintlicher Süßigkeitenprodukttest statt. Dabei aß
die Netzwerk-Gruppe messbar mehr schokolierte Erdnüsse, da ihre
Selbstregulationsfähigkeiten vom vielen Netzwerken geschwächt waren. Dem
zugrunde liegt die Tatsache, dass Willenskraft und Selbstkontrolle wie ein
Akku funktionieren, der sich durch mentale Anstrengung entleert. Nur eine
Handvoll der über 200 Teilnehmenden aß die gesamte ihnen zur Verfügung
stehende Menge Süßigkeiten. Sie alle waren aus der Networking-Gruppe.
taz: D iese Ergebnisse wurden auf echten Business-Events überprüft. Wurde
da auch protokolliert, wer am meisten Schokolade isst?
Wolff: Bei der Erhebung hat ein Griffkrafttrainer geholfen, bei dem die
Dauer des Zusammendrückens stärker von Willenskraft als von Physis abhängt:
Nach der Veranstaltung haben die Gäste die Anstrengung beim Zusammendrücken
deutlich kürzer ausgehalten als vorher. Auch in der realen Situation waren
sie also vom Netzwerken erschöpft. Extravertierte hatten dabei mehr Kraft
übrig als Introvertierte. Weniger Zurückhaltung gehört zu ihrem
alltäglichen Verhaltensrepertoire.
taz: Können Introvertierte dann überhaupt selbst Führungskraft werden?
Wolff: Extraversion und damit verbundene Eigenschaften, die auch beim
Netzwerken zum Tragen kommen – wie das Gesellige und auch eine gewisse
Dominanz –, spielen auch für Führungserfolg eine große Rolle. Zumindest ist
das in Branchen wie im Journalismus oder in der Politik so. Als
Leuchtturmwärter:in etwa ist Networking natürlich sowieso kein
wichtiges Kriterium.
taz: Aber es kommt nicht nur auf Extraversion an, oder?
Wolff: Nein, tatsächlich weiß man auch, dass nur etwas weniger als 30
Prozent des Führungsverhaltens genetisch bestimmt sind. Das bedeutet, gut
70 Prozent der Fähigkeit, eine gute Führungskraft zu sein, werden durch
Umweltfaktoren oder gezieltes Lernen geprägt. Ich denke, auch
Introvertierte können sich damit auseinandersetzen, wie man eine gute
Führungskraft wird. Und sie können auch lernen, wie sie erfolgreich, aber
energiesparend netzwerken.
taz: Haben Sie da konkrete Tipps?
Wolff: Beim externen Netzwerken, etwa auf einem Networking-Event muss man
sich der sozialen Interaktion nicht stundenlang ohne Pause aussetzen. Schon
drei oder vier Minuten alleine an die frische Luft zu gehen, kann eine
Auszeit sein. Kolleg:innen von mir buchen während Konferenzen gerne ein
Zimmer im Konferenzhotel, um sich dort zwischendurch kurz aufs Ohr zu
legen. Auch Abwechslung zu erzeugen, etwa beim Spielen am Tischkicker, kann
helfen, die soziale Batterie wieder aufzuladen.
taz: Was können Organisator:innen von Netzwerkveranstaltungen tun, um
die Bedürfnisse introvertierter Teilnehmender zu berücksichtigen?
Wolff: Sie können vor Ort Rückzugsmöglichkeiten etwa durch Ruheräume zu
schaffen. Bei der Raumgestaltung sollte außerdem Abwechslung gegeben sein.
Etwa durch Angebote wie Posterwände, auf denen sich Teilnehmende alleine
etwas durchlesen können.
taz: Wie sieht es beim internen Netzwerken, etwa beim gemeinsamen
Mittagessen mit Kolleg:innen, aus?
Wolff: Solche Situationen würde ich als introvertierte Person etwas stärker
planen. Extravertierte sind da spontaner. So wie man auf einer Konferenz
einen Elevator Pitch, also eine Kurzvorstellung zu sich und seiner Arbeit,
parat haben kann, kann man sich auch für den Smalltalk beim Lunch oder in
der Kaffeeküche ein paar Dinge zurechtlegen. Am besten hat man für den
Gesprächseinstieg immer zwei oder drei unverfängliche Themen im Kopf. Um
aus einem längeren Gespräch wieder herauszukommen, kann man guten Gewissens
sozial akzeptierte Ausreden nutzen. Da wird sich niemand wundern.
taz: Sie haben auch digitales Netzwerkverhalten untersucht, etwa auf
LinkedIn. Ist das eine Alternative für Introvertierte?
Wolff: Grundsätzlich funktioniert Netzwerken auch im Internet nach dem
Matthäusprinzip – also wer hat, dem wird gegeben, sodass die
Extravertierten auch online im Vorteil sind. Sie posten mehr, liken mehr,
sind da einfach aktiver. Dennoch puffert digitales Netzwerken den
Erschöpfungseffekt etwas ab. Einen Beitrag oder Kommentar auf LinkedIn kann
man besser vorbereiten oder in Ruhe durchdenken.
17 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Laura Patz
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