# taz.de -- Rechtsextremismus in Lippoldsberg: Buchhändlerin wegen Nazi-Propaganda verurteilt
> Das Amtsgericht Kassel glaubt einer extrem rechten Verlegerin, dass sie
> mit braunem Gedankengut nichts zu tun habe. Dabei hatte sie NS-Propaganda
> vorrätig.
(IMG) Bild: Die rechtsextreme Buchhändlerin stritt ab, eine braune Gesinnung zu haben – das Amtsgericht Kassel glaubte ihr
Paketeweise wurde der Buchhändlerin Nazi-Propaganda der übelsten Art
geliefert, immer wieder, manchmal mehrmals in der Woche. Zu Dutzenden kamen
bei Margret Nickel im nordhessischen Lippoldsberg nachgedruckte Schriften
führender Nationalsozialisten an, von Joseph Goebbels, Heinrich Himmler
oder Alfred Rosenberg. Dazu Bücher, in denen die Shoah geleugnet wird, und
jede Menge weitere zutiefst antisemitische Pamphlete. Am Dienstag wurde die
82-Jährige deshalb wegen Volksverhetzung und Verwendens verbotener
NS-Symbole zu einer 20-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt.
Dabei hatte die Angeklagte in der Verhandlung vor dem Kasseler Amtsgericht
beteuert: Sie habe nichts von dem bestellt, was ihr [1][der Neonazi-Verlag
„Der Schelm“] da ins Haus geschickt habe. Nichts bezahlt. Und auch nicht
weiterverkauft. „An wen soll ich es schicken, wenn ich keine Werbung dafür
gemacht habe? An den lieben Gott?“, fragte Nickel. „Gibt es einen Nachweis,
dass ich das gemacht habe?“ Ungefragt habe sie die Lieferungen bekommen,
behauptete sie, das ganze Jahr 2020 über. Und sie hätte sie ja
zurückgesendet. Aber es habe leider keine Absenderadresse auf den Paketen
gestanden.
Während der rechtsextreme Anwaltsaktivist Björn Clemens als Verteidiger auf
Freispruch plädierte, folgte das Gericht der Staatsanwaltschaft und befand:
Für eine Verurteilung reiche es aus, dass die Buchhändlerin die
volksverhetzenden Schriften vorrätig gehalten habe. Es nahm der Angeklagten
jedoch ab, dass sie mit den Inhalten der Machwerke nichts habe zu tun haben
wollen: „Wir glauben, dass Sie diese Gesinnung nicht haben“, sagte die
Vorsitzende des Schöffengerichts – und sorgte im Publikum damit für
ungläubiges Gelächter.
## Klar rechtsextreme Biografie
Denn das, was Margret Nickel sonst so verkauft, ist gar nicht allzu anders.
In Lippoldsberg bei Kassel verwaltet die rüstige Rentnerin das Erbe des
NS-Vordenkers Hans Grimm („Volk ohne Raum“). Grimm (1875-1959) hatte in dem
kleinen Dorf an der Weser gelebt und 1951 den Klosterhaus-Verlag mit
angeschlossener Buchhandlung gegründet, den Nickel bis heute betreibt. Im
Angebot ist ungefähr alles, was ideologisch am rechten Rand zu finden ist.
Nur strafrechtlich Relevantes geht zumindest nicht offen über den
Ladentisch.
Die laut Gericht einer braunen Gesinnung unverdächtige Angeklagte engagiert
sich zudem seit Jahren im Vorstand der rechtsextremen Gesellschaft für
freie Publizistik (GfP). Gegründet 1960 von ehemaligen NSDAP- und
SS-Mitgliedern, versteht sich die Vereinigung als überparteiliches
Sammelbecken für den Kulturkampf von rechts. Bis heute spielt die
Relativierung der NS-Verbrechen und der Kampf gegen den
Volksverhetzungsparagrafen, der die Leugnung der Shoah unter Strafe stellt,
dabei eine zentrale Rolle. Nickels Buchhandlung dient der GfP als
Sekretariat.
Und auch mit dem Verlag „Der Schelm“ hatte Nickel schon vor den angeblich
unerwünschten Lieferungen zu schaffen: Bis Ende 2019 übernahm sie für den
Neonazi [2][Adrian Preißinger], der den Verlag 2014 in Leipzig gegründet
hatte, die Auslieferung von Büchern. Der heute 62-Jährige hatte sich nach
der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens gegen den „Schelm“ ins Ausland
abgesetzt und brauchte konspirative Vertriebsstrukturen. Wegen ihrer
Mitwirkung war Nickel bereits 2024 vom Amtsgericht Leipzig zu einer
15-monatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden, die nun im Kasseler Urteil
aufging. Im selben Jahr verurteilte das Dresdner Oberlandesgericht drei
weitere „Schelm“-Beteiligte und stufte ihr Tun dabei als Mitgliedschaft in
einer kriminellen Vereinigung ein.
Preißinger selbst wird von den Behörden in Moskau vermutet. Von dort
betreibt er seinen Handel mit Nachdrucken von NS-Propaganda, einschließlich
Hitlers „Mein Kampf“, mit Hitler-Büsten und Hitler-Bildern, mit Schriften
von Shoah-Leugnern und anderen glühenden Antisemiten ungehemmt weiter –
offenbar mithilfe eines Helfernetzwerks in Deutschland.
Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe ermittelt gegen acht Beschuldigte wegen
des Verdachts der gemeinschaftlichen Volksverhetzung in mindestens 488
Fällen. Im März wurden Wohnungen und Geschäftsräume in Baden-Württemberg,
Bayern, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und Sachsen sowie in Spanien und
Polen durchsucht. Wie ein Sprecher der Anklagebehörde mitteilte, läuft
derzeit die „umfangreiche Auswertung der sichergestellten elektronischen
Datenträger“.
30 Sep 2026
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(DIR) Joachim F. Tornau
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