# taz.de -- Urteil gegen ägyptische Geheimdienstler: Zehn Jahre Haft für Folter und Tötung von Giulio Regeni
> 2016 wurde der 28-jährige italienische Doktorand Giulio Regeni in Kairo
> entführt. Wenige Tage später tauchte seine Leiche auf, voller
> Folterspuren.
(IMG) Bild: Die Eltern von Giulio Regeni vor der Urteilsverkündung im Gerichtsgebäude am Piazzale Clodio in Rom, Italien, am 28. 9. 2026
„Wahrheit für Giulio Regeni“. Auf Hunderten gelben Transparenten prangt
seit Jahren dieser Satz, an den Fassaden von Universitätsgebäuden quer
durch Italien, an Rathäusern oder auch Gewerkschaftssitzen. Giulio Regeni,
ein 28-jähriger Doktorand, wurde am 25. Januar 2016 in Kairo [1][entführt
und wenige Tage später an einer Autobahn tot aufgefunden], sein Körper von
Kopf bis Fuß von Spuren schwerer Folter gezeichnet.
Ein erster Schritt hin zur Wahrheit wurde am Montagabend in Rom getan. Dort
verurteilte ein Gericht drei ägyptische Geheimdienstmitarbeiter wegen
Beteiligung an der Entführung des jungen Italieners in Abwesenheit zu je 10
Jahren Haft. Für einen der drei hatte die Staatsanwaltschaft wegen Mordes
an Regeni lebenslang gefordert. Hier allerdings erging ein Freispruch
mangels Beweisen, ebenso wie der vorgesetzte General der drei Verurteilten
freigesprochen wurde.
Regeni hielt sich in Kairo auf, weil er seine Doktorarbeit an der
Universität Cambridge über die unabhängigen Gewerkschaften der fliegenden
Händler in Ägyptens Hauptstadt schreiben wollte. Doch schnell geriet er in
Verdacht, in Wirklichkeit Spion einer ausländischen Macht zu sein. Zu
diesem Verdacht trug vorneweg eine seiner Kontaktpersonen aus den
Gewerkschaften bei, die zugleich als Zuträger der ägyptischen Geheimdienste
tätig war.
Kurz nach Regenis Tod aber präsentierte die ägyptische Regierung die
angeblichen Täter: fünf tote, angeblich [2][bei einem Feuergefecht mit der
Polizei gestorbene Kleinkriminelle], bei denen auch der Reisepass und
andere Dokumente Regenis „gefunden“ wurden. Angesichts zahlreicher
Widersprüche brach diese vermeintliche Spur jedoch schnell zusammen.
## Ägyptens Regierung tat alles, um den Prozess zu behindern
Italiens damaliger Botschafter in Kairo ebenso wie die Staatsanwaltschaft
Rom gingen dagegen sofort von dem Verdacht aus, dass Regeni einer
„inoffiziellen Festnahme“ der Geheimdienste zum Opfer gefallen war. Und in
einer ersten Phase lieferte Ägyptens Justiz selbst wichtige Beweise, zum
Beispiel die Verhörprotokolle jenes Gewerkschafters, der Regeni ans Messer
der ägyptischen Dienste geliefert hatte. In jenen Verhören fielen auch die
Namen der jetzt in Rom verurteilten Geheimdienstler.
Danach aber setzte das in Kairo regierende Regime unter General Abdel
Fattah al-Sisi alles daran, die Ermittlungen und den [3][seit 2021
laufenden Prozess] gegen die mutmaßlichen Täter zu behindern. So weigerte
Ägypten sich, die Adressen der Beschuldigten mitzuteilen, damit ihnen die
Anklage zugestellt werden konnte. Das italienische Verfassungsgericht
verfügte jedoch schließlich, dass auch ohne Zustellung der Anklage
verhandelt werden könne, da sicher davon auszugehen sei, dass die
Angeklagten bestens informiert seien. Sie selbst erschienen nie vor Gericht
und wurden dort von durch die italienische Justiz bestellten
Pflichtverteidigern vertreten.
Neben den anfangs von der ägyptischen Justiz zur Verfügung gestellten
Dokumenten spielten Zeugenaussagen eine wichtige Rolle. Zeugenaussagen wie
die eines Ägypters, der am selben Tag wie Regeni verhaftet und in der
Nachbarzelle des geheimen Gefängnisses untergebracht worden war. Er
berichtete von den unmenschlichen Schreien des jungen Italieners, die er
anhören musste.
Auf der Basis dieser Beweisführung erging jetzt das Urteil von drei Mal
zehn Jahren Haft gegen die angeklagten ägyptischen Geheimdienstoffiziere.
Regenis Familie zeigte sich zufrieden mit dem Schuldspruch, auch wenn das
Gericht den Mordvorwurf gegen einen der Angeklagten fallen ließ. „Wir
wollten die Wahrheit, wir haben Gerechtigkeit erhalten“, erklärte sie.
Weniger begeistert zeigt sich Italiens Außenminister Antonio Tajani,
schließlich ist der Diktator al-Sisi ein wichtiger [4][Partner Italiens zum
Beispiel auch bei der Flüchtlingsabwehr]. „Nicht Ägypten, sondern bloß drei
Personen sind verurteilt worden“, redete er den Schuldspruch klein und
schob nach, jetzt kämen ja noch „die zweite und die dritte Instanz“ des
Prozesses. Als „schändlich“ bezeichnete wiederum der oppositionelle Partito
Democratico die Worte des Ministers aus der Regierung Meloni und verlangte,
er solle sich im Parlament einer Aussprache stellen.
29 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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