# taz.de -- Mit wem sollen wir zusammenhalten?: Tag der deutschen Spaltung
       
       > Der gesellschaftliche Zusammenhalt hat sich verbessert – wie blöd. Am Tag
       > der Deutschen Einheit sollten wir uns auf unsere Unterschiede besinnen.
       
 (IMG) Bild: Am Tag der Spaltung wird die Fahne entsorgt
       
       Die Bertelsmann-Stiftung ist glücklich. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt
       verbessert sich – trotz schwachem Gerechtigkeitsempfinden“, heißt es in
       einer neuen [1][Studie der Stiftung].
       
       Auch zum Tag der Deutschen Einheit werden wieder Politiker*innen aller
       bürgerlichen Parteien davon reden, dass wir zusammenfinden, uns vertragen
       und gegen eine Spaltung ankämpfen müssen. Aber ist Spaltung wirklich immer
       schlecht? Brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt?
       
       Hinter der Grundidee des gesellschaftlichen Zusammenhalts verbirgt sich
       eine patriotische Exklusivität und ein fehlendes Klassenbewusstsein. Denn
       der „gesellschaftliche Zusammenhalt“ ist halt nur auf eine Gesellschaft
       bezogen, nämlich auf unsere, auf die tolle, deutsche Gesellschaft.
       
       Rechte meinen damit das weiße, deutsche Volk, Bürgerliche einfach die
       Menschen, die zufällig auf diesem Bereich Erde leben. Mit diesen Menschen
       sollen wir jetzt zusammenhalten, auch wenn sie den ganzen Tag nur Rasen
       mähen, Golf spielen oder andere vollkommen fremde Interessen und
       Weltanschauungen haben. Was verbindet mich mehr mit einer Person aus Goslar
       oder Mönchengladbach als mit einer aus Zürich oder Kabul?
       
       ## Mehr Spaltung wagen
       
       Ich habe mehr Zusammenhalt mit einer türkischen, linken, kinobegeisterten
       Studierenden auf verzweifelter Wohnungssuche in Istanbul als mit meinem
       deutschen Vermieter oder einer rassistischen Polizistin, die beide gerade
       zufällig in derselben Stadt wie ich wohnen.
       
       Ich habe mir nicht ausgesucht, mit diesen Menschen in einer Gesellschaft zu
       sein, und ich bin von ihnen durch meine Werte oder meine Klasse
       abgespalten. Denn Spaltung ist etwas Gutes, nur so können die großen
       Konflikte gelöst werden.
       
       Diese Gesellschaftsrollen sind nicht natürlich, sie sind nicht gottgegeben
       und können für die Freiheit aller geändert werden. Mieter und Vermieter,
       Arbeitnehmer und Arbeitgeber, politische Entscheider*innen und
       Betroffene, Kapitalbesitzer und Lohnabhängige sind gespalten. Diese krassen
       Gegensätze müssen aufgebrochen werden, damit eine Einheit aller Menschen
       entstehen kann – ein richtiger Zusammenhalt eben.
       
       Andreas Pinkwart von der Bertelsmann-Stiftung fasst die bürgerliche
       Gegenthese dazu gut zusammen: „Wir brauchen ein neues konstruktives
       Miteinander. Der Staat braucht das Engagement der Bürger*innen. Aber
       berechtigte Anliegen der Bürger*innen sind seitens des Staates zu
       berücksichtigen, Belastungen durch nötige Reformen sind in fairer Weise zu
       gestalten.“
       
       ## Zu viele Deutschlandflaggen
       
       Pinkwart sagt durch die Blume, dass wir für eine perfekte Gesellschaft ein
       paar Reförmchen, aber vor allem hart arbeitende Bürger*innen brauchen.
       Wir brauchen also einen „gerechteren“ Lohn für eine „gerechte“ Ausbeutung,
       obwohl es diese vom Prinzip her nicht geben kann.
       
       Natürlich sollen alle auch zufrieden und dankbar mit ihrer vermeintlich
       selbst verschuldeten Position in der Gesellschaft sein. In Deutschland gibt
       es dafür den Sozialstaat, damit das Elend der Ärmsten in Grenzen gehalten
       wird und nicht noch mehr Menschen als ohnehin schon [2][auf der Straße
       leben.]
       
       Doch es gibt auch gute Neuigkeiten aus der Studie: Die Verbundenheit mit
       dem Gemeinwesen stagniert, genauso wie das Vertrauen in die
       Bundesregierung. Noch niedriger ist der errechnete Gerechtigkeitsindex, der
       gesunken ist – die Menschen erkennen die ökonomische Ungleichheit in
       Deutschland. Diese Ungleichheit hat in Deutschland einen [3][Höchststand
       erreicht,] auch die Armut nimmt zu.
       
       Der Tag der deutschen Einheit wird auch dieses Jahr begleitet werden von
       einem Stolz auf Deutschland und vielen kleinen Deutschlandfähnchen –
       vielleicht noch ein paar mehr als in den vergangenen Jahren. Rechte wissen,
       wie man spaltet, aber auf Kosten von POCs, queeren Menschen, Flintas und
       [4][Arbeitnehmer*innen.]
       
       Gerade am 3. Oktober sollten wir aber die Deutschlandfahnen runterreißen
       und uns bewusst machen, was uns wirklich unterscheidet. Macht den Tag der
       Deutschen Einheit zum Tag der deutschen Spaltung!
       
       2 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Zusammen_in_Vielfalt/Religionsmonitor_Kompakt_Gesellschaftlicher_Zusammenhalt_2026.pdf
 (DIR) [2] /Obdachlosigkeit-in-Berlin/!6206793
 (DIR) [3] https://www.boeckler.de/de/podcasts-22421-ungleichheit-in-deutschland-auf-dem-hochststand-74168.htm
 (DIR) [4] /Analyse-zu-AfD-Wahlprogramm/!6057715
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gustav Cattapan
       
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