# taz.de -- Nachruf Christina Thürmer-Rohr: Eine großartige Suchende
       
       > Am 10. September starb die Sozialwissenschaftlerin, feministische
       > Theoretikerin und Musikerin Christina Thürmer-Rohr. Sie prägte die
       > Frauenbewegung.
       
 (IMG) Bild: Christina Thürmer-Rohr im April 1988 in Berlin
       
       Denken. Reden. Schreiben. Musik machen – die 1936 geborene [1][Christina
       Thürmer-Rohr] hatte das Glück, dies alles tun zu können auf ihre eigene und
       eigensinnige Weise. Und sie wusste darum, dass das ein Glück war.
       
       „Eigentlich müsste ich dankbar sein“, sagte Thürmer-Rohr einst. Wie nur
       wenigen Frauen in Deutschland seien ihr immer alle Türen offengestanden.
       Dass sie Orgel spielen, dass sie studieren und promovieren konnte, dass ihr
       die Stellen an den Universitäten angetragen wurden, dass sie sich aussuchen
       konnte, was sie tun will. Dass sie ihre Meinung sagen konnte, öffentlich.
       Alles Glück. Auch dass sie gehört worden sei, selbst mit unangenehmen
       Ideen.
       
       Schon während ihres Philosophie- und Psychologiestudiums in Freiburg und in
       Heidelberg nämlich registrierte sie, dass die Rolle der Frau in der
       Gesellschaft nicht gleichwertig war. Als die [2][Frauenbewegung in den 70er
       Jahren] wuchs, war sie eine derjenigen, die sich dafür einsetzten, dass
       dieser gesellschaftliche Aufbruch Momentum entwickelte.
       
       Ab 1976 hatte Thürmer-Rohr an der Pädagogischen Hochschule in Berlin
       unterrichtet und den Studienschwerpunkt „Frauenforschung“ gegründet; sie
       engagierte sich im Verein zum Schutz misshandelter Frauen und wechselte
       1980 an die Technische Hochschule in Berlin, wo sie den Fachbereich
       Erziehungswissenschaften aufbaute und Studien in Feministischer Theorie,
       Menschenrechte und Erinnerungskultur forcierte. Mehr als zwei Jahrzehnte
       lang war sie Pädagogikprofessorin an der Technischen Universität, dabei
       klar parteiisch für Frauen. Es ist die Zeit, in der sie mit ihren Ideen
       stark in die Frauenbewegung hineinwirkte.
       
       ## Stadtplanerin und Rockmusikerin
       
       Aber [3][Thürmer-Rohr war auch 68erin], war zudem Stadtplanerin, war von
       1977 bis 1983 neben ihrer Arbeit an der Universität Rockmusikerin in der
       Frauenband Außerhalb, und als Studentin Existenzialistin. Denn früh hatte
       sie etwas verstanden: „Es ging um Wahrnehmung, es ging um die Regie über
       mein Leben.“
       
       Thürmer–Rohr ist anerkannt, auch weil sie unberechenbar war. In einem
       feministischen Status quo hat sie sich nie eingerichtet. Ihre Triebfeder
       sei Veränderung, betonte sie immer wieder. Als das Patriarchat durch die
       Frauenbewegung auf den Prüfstand kam und Männer in einem Akt der
       Vereinfachung als Täter, Frauen als Opfer dastanden, war es Thürmer-Rohr,
       die die Gegenthese dazu auf die deutsche Befindlichkeit herunterbrach:
       Frauen sind auch Täterinnen. Und Mittäterinnen. Dies zwinge unter anderem
       zu einer ganz anderen Lesart und Ursachenforschung des Nationalsozialismus.
       Die Mittäterinnenthese polarisiert bis heute.
       
       Dennoch: Veränderung war das Leitmotiv, auf das Thürmer-Rohr bestanden hat.
       Der Gedanke, „dass Nichts so bleiben muss, wie es ist“, habe sie geprägt.
       Sie hat es ja doch selbst erlebt. Ihre Kindheit war vom Lärm des
       Nationalsozialismus und Krieg übertönt, ihr Vater war Pfarrer und
       überzeugter Nazi. Er starb 1941 im Frankreichfeldzug. Nach dem Krieg wuchs
       sie mit Mutter und älterer Schwester in Bethel auf, wo ihr Großvater, ein
       Nazigegner, nicht nur Diakon, sondern auch Bürgermeister war.
       
       ## Auf der Suche nach dem Dialog zwischen beiden Extremen
       
       Thürmer-Rohr hat sich in ihren Schriften immer wieder mit der Ausgrenzung
       des weiblichen Denkens beschäftigt. Weil sie jedoch gegen Stillstand war,
       hat sie sich auch mit Marxismus und politischer Ethik, mit Globalisierung
       und Demokratie, mit Nationalsozialismus und Freiheit auseinandergesetzt.
       Und seit der Wiedervereinigung, die doch etwas zusammenführen sollte,
       beschäftigte sie sich mit dem, was Menschen auseinandertreibt: der
       Wiedervereinigung also. Den Dialog zwischen beiden Extremen suchte sie.
       
       Dialog suchte sie auch in der Musik. Mit ihrer Lebensgefährtin, der
       Musikerin Laura Gallati zusammen entdeckte sie, dass Bachs Kunst der Fuge
       und Arendts „Übungen im politischen Denken“ im Grunde dasselbe wollen wie
       sie: am Thema bleiben, nach Wesentlichem suchen, auf Wesentlichem bestehen,
       in Verständigung treten. Sie war eine großartige Suchende.
       
       Die letzten Jahrzehnte ihres Lebens entwickelte sie so denkend, redend,
       schreibend und musizierend eine Synthese zwischen unserer Gegenwart und
       deren Vergangenheit, zwischen Philosophie und Musik. Und zwischen dem, wie
       ein Leben sein kann und dem, wie es ist.
       
       29 Sep 2026
       
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