# taz.de -- Überraschungssieg bei Rad-WM: Wunderbare Funkstille
> In einem denkwürdig wilden Straßenrennen wird der US-Amerikaner Brandon
> McNulty überraschend Weltmeister. Aber auch Mathieu van der Poel
> beeindruckt.
(IMG) Bild: Glücklicher Sieger: Der US-Amerikaner Brandon McNulty zelebriert seinen überraschenden WM-Erfolg schon vorzeitig
Selten wohl wirkte ein Geschlagener so glücklich. [1][Mathieu van der Poel]
wurde „nur“ Dritter in Montreal. „Nur Dritter“ muss man ja bei einem
Athleten sagen, der bereits Weltmeister auf der Straße und auf Gravel wurde
und gleich achtmal das Regenbogentrikot im Cyclocross eroberte. Jetzt aber
wurde der Niederländer lediglich Dritter, einen Platz schlechter übrigens
als bei der WM vor 52 Jahren in der gleichen Stadt sein Großvater Raymond
Poulidor. PouPous Enkel lächelte trotzdem. Er war einfach stolz auf sich.
„Natürlich hätte ich lieber das Regenbogentrikot geholt“, räumte er ein.
„Aber ich bin das Rennen gefahren, das ich fahren wollte“, sagte er dem
niederländischen Fernsehen.
Und was für ein Rennen fuhr er! 80 Kilometer vor dem Ziel folgte er einer
recht vorwitzig erscheinenden Attacke seines Dauerrivalen auf Schlamm und
Asphalt, [2][Wout van Aert]. Da mochte man noch denken, die bis auf das
Jahr 2011 zurückgehende Rivalität habe ihm für einen Moment die Sinne
getrübt.
Es lag jedoch ein großer Plan dahinter. „Ich wollte das Rennen hart
gestalten, wollte vor allem den Attacken der Favoriten an der kleinen Rampe
voraus sein.“ So nahm er die Einladung seines alten Rivalen dankbar an –
und distanzierte diesen nur zehn Kilometer später.
Gewonnen hat er dennoch nicht, weil hinter ihm die anderen Mitfavoriten
partout nicht aufgeben wollten. Die waren zwar weitgehend auf sich allein
gestellt, was die Verfolgungsjagd noch eindrucksvoller machte.
## Ortskenntnisse von Vorteil
Nicht auf sich allein gestellt war der spätere Sieger McNulty. Gleich drei
US-Amerikaner kamen in die Top 10. Und sie harmonierten auch prächtig.
McNulty kamen zudem seine Ortskenntnis und das Streckenprofil zugute.
Selbst hatte er das Eintagesrennen in Montreal 2025 gewonnen. Der frühere
Juniorenweltmeister im Zeitfahren hatte für die mehr als 30 Kilometer lange
Alleinfahrt auch noch die perfekten Beine.
Entgegen kam ihm als Außenseiter zudem der Übermut in den Reihen der
französischen Equipe. Die wollte für ihren Jungstar Paul Seixas das gut 273
Kilometer lange Rennen schon von Beginn an schwer machen und fuhr mit
enormem Tempo viele Helfer anderer Teams aus den Schuhen. Allerdings zogen
sich Seixas’ Helfer damit auch selbst den Stecker. Früh schon war kein
taktisches Reagieren mehr möglich. Seixas musste selbst mächtig arbeiten.
Am Ende bezahlte er dies mit Krämpfen.
Dass es so wild zuging, dass auch das hoch favorisierte belgische Team in
einigen Rennsituationen nicht souverän wirkte, lag auch am fehlenden Funk.
Van der Poel, aktivster Fahrer des WM-Rennens, genoss es sichtlich. „Das
ist das Beste überhaupt: Rennen ohne Ohrstöpsel. Das sorgt immer für die
spannendsten Rennen. Dann muss man wirklich instinktiv fahren und genau das
mache ich am liebsten“, frohlockte er.
Was neben den Ohrstöpseln ebenfalls fehlte, und angesichts des hoch
spannenden Rennens wohl nur von wenigen ehrlichen Herzens vermisst wurde,
war der große Dominator des Radsports. [3][Tadej Pogačar war
verletzungsbedingt nicht am Start.] Ersticken sonst die natürlich auch sehr
epochalen Solofluchten des Slowenen jeglichen Initiativgeist bei der
Konkurrenz im Keime, so konnten sich jetzt alle Kräfte frei entfalten. Die
Franzosen spielten ihren Part mit Seixas.
Van Aerts Vorstoß war eher eine Verzweiflungstat. Früh hatte Co-Kapitän
Remco Evenepoel sein Unwohlsein eingestanden. „Ich war heute einfach nicht
gut genug. Blöd, dass das ausgerechnet an solch einem Tag passiert“,
resümierte Evenepoel.
Überhaupt war das Verhalten vor den Mikrofonen ein exaktes Abbild des
Rennens: Hart, direkt, ohne Schnörkel und Ausflüchte. Man wünscht sich mehr
Rennen ohne Funk – und einen Tadej Pogačar, der nach seiner Genesung zum
Wohle des Radsports die anderen mehr gewähren lässt.
28 Sep 2026
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(DIR) Tom Mustroph
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