# taz.de -- EU-Gelder in Italien: Wirtschaftswunder auf Italienisch
       
       > Italien erhielt 194,4 Milliarden Euro aus dem EU-Coronafonds. Was geschah
       > mit den Geldern? Ein Blick hinter die Kulissen vor Ort.
       
 (IMG) Bild: Die Auserwählten: Das beschauliche Bergdorf Campolo erhielt satte 20 Millionen Euro für den Wiederaufbau
       
       Vier weißhaarige alte Männer und ein brauner Pudel warten auf der Piazza.
       Da tritt Ilenia degli Esposti, 27 Jahre jung mit strengem Dutt, aus einem
       historischen Natursteinhaus auf die frisch gepflasterte Gasse hinaus.
       Hinter ihr ist die Baustelle noch in Betrieb, doch bald soll ihre Trattoria
       hier in Campolo, mitten in den Bergen der Emilia-Romagna, eröffnet werden.
       Wiedereröffnet, denn bereits in den Sechzigerjahren konnte man hier bei
       ihrer Großmutter speisen. Die Herrengruppe kennt die Trattoria Anna noch
       von früher. „Sie helfen mir und erzählen mir, wie es früher war“, sagt die
       junge Wirtin.
       
       Degli Esposti ist in Campolo aufgewachsen und kennt den Ort in- und
       auswendig. Wenige Sträßchen mit viel Steigung, geradezu ein weiter Blick
       über Wälder und Hügel, im Rücken der steinige Gipfel des Montovolo. Es ist
       still in den Gassen. Vielleicht auch, weil hier – je nachdem, wen man fragt
       – nur zwischen 10 und 30 Menschen durchgängig hier leben; im Sommer sind es
       mehr, wenn Menschen aus der Stadt in ihren Zweitwohnsitz kommen. „Dieser
       Ort liegt mir sehr am Herzen“, sagt sie. Aber nach dem Tod der Großmutter
       gab die Familie das Restaurant ab.
       
       Dann war es 15 Jahre lang geschlossen. Als es um den Verkauf des Gebäudes
       an die Gemeinde ging, hat die junge Frau einen Kloß im Hals gehabt. Doch
       nach der Renovierung aus öffentlichen Mitteln kam die Trattoria per
       öffentlicher Ausschreibung zurück in ihre Hand. Sie war die einzige
       Bewerberin.
       
       Dass diese Trattoria an diesem Ort renoviert und wieder eröffnet wird,
       grenzt an ein Wunder, und das Wunder hat einen Namen: Piano Nazionale di
       Riprese e Resilienza, kurz PNRR, zu Deutsch: „Nationaler Wiederaufbau- und
       Resilienzplan“. [1][194,4 Milliarden Euro hat Italien 2021 aus dem
       europäischen Coronafonds „Next Generation EU“ erhalten], der den
       Mitgliedsstaaten aus der Krise der Pandemie helfen sollte. Von den über 800
       Milliarden EU-Geldern bekam Italien das größte Paket bewilligt.
       
       Zum Vergleich: Der US-amerikanische Marshallplan für den Wiederaufbau nach
       dem Zweiten Weltkrieg sah für ganz Europa umgerechnet und
       inflationsbereinigt weniger als 160 Milliarden Euro vor. Eine einmalige
       Gelegenheit also – aber mit ordentlich Zeitdruck: Nach der EU-Zusage vom
       13. Juni 2021 hatte das Land genau fünf Jahre Zeit (bis 30. Juni 2026), um
       die Gelder im ganzen Land zu investieren.
       
       ## Campolo – das auserwählte Dorf
       
       20 Millionen Euro aus diesem Aufbaufonds sind hier in Campolo gelandet. In
       jeder italienischen Region gibt es ein Bergdorf, dem das Kulturministerium
       20 Millionen Euro für ein Projekt zur Verfügung stellte. Erklärtes Ziel:
       die Wiederbelebung der „borghi“, der kleinen Altstadtkerne insbesondere in
       bergigen Gebieten. Die Finanzierung hat ausdrücklich das Ziel der Kultur-
       und Tourismusförderung, nicht etwa der Verbesserung der allgemeinen
       Verkehrsanbindung.
       
       Wie sinnvoll ist es, einen derart kleinen Ort mit Millionen für Kultur und
       Tourismus zu überschütten? Hier, gut eine Autostunde entfernt von Bologna,
       ist der Aufbaufonds sehr greifbar. Das ganze Dorf ist herausgeputzt, die
       Gebäude sind frisch renoviert, neue Kabel und Leitungen sind teils noch
       etwas improvisiert über die Straße gespannt. Obwohl die Frist für die
       Gelder schon Ende Juni verstrichen ist, laufen an diesem Spätsommertag noch
       einige Arbeiten. Die neue Jugendherberge bekommt noch einen Bürgersaal und
       eine Fahrradwerkstatt im Souterrain, die Trattoria bereitet sich auf die
       Neueröffnung vor.
       
       Mit den 20 Millionen Euro hat die Gemeinde zuerst elf Immobilien in den
       Dörfern Campolo, La Scola und Riola gekauft und renoviert. Daraus sind
       Ferienwohnungen, eine Jugendherberge, kleine Apartmentwohnungen, eine
       Trattoria und ein Kulturzentrum entstanden. Auch der Sportplatz bekam neue
       Geräte und energiesparende Beleuchtung. Ganz im Sinne einer Investition in
       den Tourismus. Nur: Woher die Besucher:innen zukünftig kommen sollen,
       ist unklar.
       
       Mit dem Projekt wurde zwar auch eine Touristenattraktion unten im Tal, die
       Rocchetta Mattei, restauriert. Das historische Schloss soll als Magnet
       wirken. Doch während im Tal der Zug hält, ist Campolo ohne eigenes Auto
       kaum zu erreichen. Dafür hat die Gemeinde einen kleinen E-Bus gekauft, um
       einen Pendelservice einzurichten. Doch jetzt, da der Aufbaufonds offiziell
       beendet ist, gibt es kein Geld für eine:n Fahrer:in.
       
       Neben dem Tourismus setzt die Gemeinde mit dem Projekt auch auf Kunst und
       Handwerk, dazu gehören Künstlerresidenzen und die Aufwertung der
       traditionellen Steinmetzerei. Neu ist der Fortbildungskurs für
       Restaurateur:innen der Universität Bologna, an dem gerade der erste
       Jahrgang mit 20 Studierenden teilnimmt.
       
       ## Wir-schaffen-das-Energie
       
       „Wenn die Wahl auf uns gefallen ist, bedeutet das, dass unser Projekt
       Potenzial hat“, sagt Joanna Soroko überzeugt. Sie hat das Großprojekt „Da
       Campolo l’Arte fa Scola“ in den drei Orten vonseiten der Gemeinde
       begleitet. Während sie im bislang einzigen Gasthaus von Campolo von ihrem
       Herzensprojekt erzählt, grüßt sie die ein- und ausgehenden Personen,
       informiert sich über den Wurf Katzenbabys im Garten gegenüber, und muss
       darum kämpfen, ihren Espresso auch bezahlen zu dürfen. „Als ich ankam,
       wusste ich nicht genau, in welcher Abteilung ich landen würde. Als man mir
       dann aber dieses Projekt vorschlug, dachte ich: Wow, was für eine
       Möglichkeit!“
       
       Wenige Tage später erweist sich der Eröffnungsabend von Ilenia degli
       Espostis Trattoria als Erfolg: volles Haus. Sowohl die lokalen
       Einwohner:innen sind gekommen als auch diejenigen mit Ferienhäusern,
       die eigens aus der Stadt angereist sind. Langjährige Einheimische zeigten
       beim Betreten des Lokals Rührung. „Manch einer hatte Tränen in den Augen“,
       erzählt degli Esposti. Auch die Reservierungen sind vielversprechend. „Am
       Wochenende, vor allem Samstagmittag und Sonntagmittag, sind wir bis Mitte
       November ausgebucht“, so die Gastronomin.
       
       Für den Ort bedeutet das eine erhebliche Veränderung. „Es gab früher
       Abende, an denen wir hier zu viert in völliger Dunkelheit in der Bar saßen.
       Wir sagten immer, wir sind von Gott vergessen“, erzählt die Wirtin. „Meine
       Hoffnung ist, immer Bewegung und beleuchtete, offene Häuser hier zu sehen.“
       Und die Herren von der Piazza haben keine Zweifel: „Natürlich schafft sie
       das. Mit der Energie, die sie hat!“
       
       ## Eine Million Euro pro Angestellte
       
       Nur 60 Kilometer, aber über eine Autostunde entfernt, bewertet Anna Lisa
       Boni in ihrem Büro im Rathaus von Bologna den Aufbaufonds als „Geschenk des
       Himmels“. Sie ist als Stadträtin für EU-Fördermittel zuständig. Diese
       Meinung teilen auch ihre Kolleg:innen aus den umliegenden Gemeinden
       Grizzana Morandi und Ozzano dell’Emilia.
       
       Leicht gefallen ist es aber weder den kleinen noch den großen Gemeinden,
       die Geldflut in den Griff zu bekommen. „Wir sind durchgedreht“, erzählt
       Anna Lisa Boni ruhig. Projekte im Wert von rund 780 Millionen Euro hatte
       die Stadt umzusetzen. Dabei ist die Bologneser Stadtverwaltung mit rund
       4.000 Angestellten vergleichsweise gut aufgestellt.
       
       Anders sieht es in den kleinen Gemeinden im Apennin aus. Die
       Stadtverwaltung von Grizzana Morandi etwa besteht aus 21 Angestellten, die
       4.000-Einwohner-Gemeinde hat den Zuschlag für Aufbaufondsprojekte in Höhe
       von knapp 21 Millionen Euro bekommen. Rein mathematisch: 1 Million pro
       Angestellte. Joanna Soroko aus Grizzana Morandi sagt nach dem offiziellen
       Projektende im September 2026 klipp und klar: „Die Gemeinde war es nicht
       gewohnt, mit so viel Geld umzugehen.“
       
       Manche Kommunen haben deshalb auf Aufbaufondsfinanzierungen verzichtet.
       Ozzano dell’Emilia beispielsweise hat keine Gelder für die
       Hochwasserschäden beantragt. Laut Stadtrat Fabio Lanzarini lag die
       Schwierigkeit darin, geeignete Unternehmen zu finden, die diese Projekte
       innerhalb der EU-Frist umsetzen können. Denn der PNRR umfasst insgesamt
       knapp 300.000 Projekte, die in ganz Italien zwischen 2021 und 2026 liefen.
       „Selbst wenn ‚unbegrenzte‘ Mittel zur Verfügung stünden, hätten wir nicht
       die Fachkräfte, um die Bauvorhaben zu realisieren“, so Lanzarini.
       
       ## Verwaltung im Burn-out
       
       Einen genauen Einblick in die Schwierigkeiten haben Anna* und Marco*, die
       als externe Berater:innen viele Gemeinden in der Emilia-Romagna bei der
       Umsetzung der Aufbaufondsprojekte unterstützt haben. Sie möchten ihre
       kritischen Einblicke nur anonym teilen. „Das Hauptproblem bestand darin,
       dass das Reformpaket hastig und ohne Berücksichtigung des Gesamtkontexts
       geschnürt und dem Land von oben aufgezwungen wurde“, fasst Anna zusammen.
       Geschrieben hat die Regierung den nationalen Plan zwischen Herbst 2020 und
       Frühjahr 2021.
       
       Zeitgleich kämpfte Italien stark mit den Auswirkungen der Coronapandemie,
       im Dezember 2020 kam es zu einem traurigen Höhepunkt mit 993 Toten an einem
       einzigen Tag. Anfang 2021 zerbrach zudem die Regierungskoalition unter
       Giuseppe Conte, ihm folgte die Regierung unter Mario Draghi. Wie sollte
       Italien neben diesen Krisen einen strategischen Plan für ein
       milliardenschweres Investitionspaket entwerfen?
       
       Neben dem unausweichlichen Fachkräftemangel bei Dutzenden parallel
       laufenden Projekten sind die strikten Fristen des Aufbaufonds ein Risiko.
       Gerade wenn es zu Verspätungen bei Ausschreibungen kommt. Marco nennt ein
       paar Beispiele: „Eine Firma geht bankrott oder hat eine Antimafiasperre für
       öffentliche Verträge. Es gibt eine ganze Reihe von Problemen.“ Und dann ist
       da noch ein Punkt, den die Gemeindevertreter:innen durch die Bank
       ansprechen: der bürokratische Aufwand, der mit der Verwaltung und
       Abrechnung der Projekte einhergeht. Als „erdrückend“ bezeichnet Marco ihn.
       Das hat auch bei den Angestellten Spuren hinterlassen. „Viele erlebten
       einen Burn-out.“
       
       Um dem entgegenzuwirken, sah der Aufbaufonds das Projekt „1.000 Experten“
       vor, mit dem eintausend Expert:innen per öffentlicher Ausschreibung
       ausgewählt und den Gemeindeverwaltungen im ganzen Land zur Verfügung
       gestellt werden sollten. Auch hier bestimmte Zeitdruck das Vorgehen. Am 12.
       November 2021 veröffentlichte Italien die Ausschreibung, schon am 20.
       Januar 2022 war die Liste der ausgewählten Expert:innen online. Die
       jeweiligen Auswahlgespräche sollen zehn Minuten gedauert haben.
       
       Das Resultat: Lebensläufe wurden nicht ausreichend geprüft, die Expertise
       passte nicht zur Nachfrage. „Man hat uns sieben Experten zur Verfügung
       gestellt, die uns nichts genutzt haben“, sagt Anna Lisa Boni. Sie hätte
       lieber direkt Personen in der Stadtverwaltung angestellt.
       
       ## Und dann kam die Flut
       
       Dann kam im Mai 2023 ein Hochwasser historischen Ausmaßes. 17 Menschen
       verloren ihr Leben. Der materielle Schaden wurde auf knapp 9 Milliarden
       Euro geschätzt. Schnell wurden Stimmen laut, die forderten, Gelder aus dem
       Aufbaufonds einzusetzen. Das sah der Plan aber nicht vor.
       
       „Nach der Coronapandemie lagen die Prioritäten der Region bei der Schaffung
       von Arbeitsplätzen, der Industrie und dem Bauwesen“, sagt Beraterin Anna.
       Ökologischer Wandel: ja, aber mit Schwerpunkt auf erneuerbare Energien.
       „[2][Die Überschwemmungen 2023] und 2024 haben alle Statistiken […] über
       den Haufen geworfen. Wetterereignisse, von denen man bis dahin angenommen
       hatte, sie würden im Abstand von 50 oder 100 Jahren eintreten, haben
       innerhalb von zwei Wochen stattgefunden“, ergänzt Fabio Lanzarini, Stadtrat
       für öffentliche Bauvorhaben in der Gemeinde Ozzano, die von beiden Fluten
       getroffen wurde. Um hierfür Prävention zu betreiben, bräuchte es ein
       Projekt mit einer Laufzeit von mindestens zehn Jahren, sagt der externe
       Berater Marco. Der Aufbaufonds war jedoch nur auf fünf Jahre ausgelegt.
       
       Italien bat in Europa darum, den Plan anpassen zu dürfen, und konnte
       letztlich Gelder für Notfallmaßnahmen freigeben. Die Stadträtin in Bologna
       bestätigt: „Wir haben zwar Geld erhalten, aber nicht viel, und zudem erst
       im Laufe des Projekts.“ Trotzdem nutzte das Bologneser Rathaus die
       Ressourcen, um zerstörte Straßen zu reparieren. Dazu gehört die Via del
       Paleotto, die am Fluss Savena entlangführt und bei der Überschwemmung 2023
       in sich zusammenstürzte. Die Straße führte zum Kulturzentrum Paleotto11 und
       liegt direkt neben einem Park.
       
       Als die Straße zerstört wurde, waren neben dem Kulturzentrum auch
       Wohngebäude und die Schrebergartenanlagen nicht mehr erreichbar. Nach zwei
       Wochen wurde die Straße für Anwohner:innen wieder geöffnet. Dann kam
       das zweite Hochwasser anderthalb Jahre später. „Eine Schlammwelle hat
       buchstäblich das Kulturzentrum durchquert“, sagt Martina del Prete,
       Vorsitzende des Kulturzentrums. Der Schlamm war einen halben Meter hoch.
       Erst dieses Jahr konnte die Straße wieder für den normalen Autoverkehr
       freigegeben werden.
       
       Kurz zuvor waren über 1.100 Bäume im Park gefällt worden, um Platz für eine
       Hochstraße zu schaffen. Martina Del Prete sieht hier einen Zusammenhang.
       „Wahrscheinlich hat die Tatsache, dass entlang der Straße so viele Bäume
       gefällt wurden, dazu geführt, dass die Kraft des Flusses die Straße
       leichter durchbrechen konnte.“ Die Stadt investierte 600.000 Euro aus dem
       Aufbaufonds, um die Straße zu erneuern.
       
       Zunächst jedoch hieß es, die Gelder aus dem Fonds dürften nicht für
       Bodenversiegelung ausgegeben werden, da er, wie von Europa vorgegeben,
       unter dem Zeichen des ökologischen Wandels stand. „Nicht mal 1 Euro Asphalt
       darfst du abrechnen“, so Berater Marco, „und das ist auch sinnvoll.“
       Immerhin, im Fall der Flutschäden, die durch Bodenversiegelung verschärft
       werden, gab es eine Ausnahme für die beschädigten Straßen.
       
       ## Was am Ende bleibt
       
       Italien ist wiederaufgebaut. Ist es auch auf die nächste Katastrophe
       vorbereitet? Unmöglich ist das nicht. Das Risiko, in Campolo (oder in einem
       anderen der 21 ausgewählten Dörfer im Land) 20 Millionen Euro in einem
       kurzlebigen, oberflächlichen Aufschwung zu versenken, besteht. Die
       gemeinnützige Stiftung openpolis, die eine öffentliche Datenbank zum
       Aufbaufonds betreibt, schreibt Ende September: Noch immer gebe es „viele
       Projekte, zu denen keine Informationen vorliegen“.
       
       Auch die beiden externen Berater:innen Anna und Marco bestätigen
       Schwierigkeiten beim Monitoring und der Transparenz. „Wenn die Gemeinde
       keine Daten hochlädt, erfährst du nichts“, sagt Marco. Anna geht noch einen
       Schritt weiter: „Meiner Meinung nach ist das Monitoring völlig in den
       Hintergrund geraten. Man hat aufgehört, darüber zu sprechen, weil die
       Resultate ziemlich erschreckend waren.“
       
       Ganz anders klingt es, wenn man [3][Ministerpräsidentin Giorgia Meloni
       zuhört]. Sie betont über die Jahre immer wieder, Italien sei in Sachen Next
       Generation EU „auf dem ersten Platz“. Das stimmt unter einem Gesichtspunkt:
       Italien erhielt von allen EU-Ländern den größten Betrag. Doch was
       Projektfortschritte über die Jahre angeht, ist die Behauptung schwer zu
       halten. Prozentual gesehen, auf die Anzahl der Raten bezogen oder gar mit
       Blick auf für konkrete Projekte eingesetzte Gelder – bei diesen Aspekten
       war Italien meist runter vom Podium und sicherlich nicht auf dem ersten
       Platz.
       
       Am 30. Juni 2026, dem offiziellen Ablaufdatum des Aufbaufonds, war es still
       auf den Social-Media-Kanälen der Ministerpräsidentin. Ein umfassender
       Abschlussbericht oder ein Wirkungsmonitoring scheinen noch weit entfernt.
       Die italienische Wirtschaft konnte in den letzten Jahren auch dank der
       Rieseninvestments des Next Generation EU ein kleines Wachstum vorweisen.
       Inwiefern der Aufbaufonds tatsächlich Resilienz hergestellt hat, wird sich
       erst im Laufe der nächsten Jahre zeigen.
       
       Für die Gemeinden geht vorerst eine arbeitsintensive Zeit zu Ende. Anna
       Lisa Boni fasst es für die Bologneser Stadtverwaltung so zusammen: „Wir
       wissen nun, dass wir Wunder vollbringen können!“ Manche kleine Gemeinde hat
       sich erstmalig mit EU-finanzierten Projekten auseinandergesetzt und
       gelernt: Auch wir können an diese Fördertöpfe ran.
       
       Der Aufbaufonds fördert Projekte, für die sonst kein Geld dagewesen wäre.
       Fragt man Beraterin Anna, was am Ende bleibt, schießt ihr sofort „wenig“
       aus dem Mund. „Man sieht wenig davon, man spürt wenig davon, man spricht
       wenig darüber, man versteht nicht so recht, wohin dieses Geld geflossen
       ist.“ Marco neben ihr versucht es mit etwas Optimismus: „Letztendlich wurde
       vieles erreicht, vieles hätte jedoch besser gemacht werden können.“
       
       Anderthalb Kilometer weiter im Rathaus von Bologna zählt Anna Lisa Boni die
       für sie deutlichsten Veränderungen auf: Digitale Plattformen für die
       öffentliche Verwaltung und „die Straßenbahn, die Fahrradwege, die Elektro-
       und Wasserstoffbusse sowie die Schulen“ seien die sichtbarsten Projekte für
       sie.
       
       Und das Dörfchen Campolo erstrahlt nun in neuem Glanz, aber wiederbelebt
       ist die Gemeinde damit noch lange nicht. Mit der enormen Summe von fast 200
       Milliarden Euro hat sich Italien eine kaum stemmbare Last aufgeladen. Wie
       nachhaltig die Gelder in den letzten fünf Jahren verwendet wurden, wird
       erst die Zukunft zeigen. Joana Sokolos Vertrag ist jedenfalls schon Ende
       August abgelaufen. Wer zukünftig die Vielzahl an Projekten und Immobilien
       in den drei Ortschaften betreuen und mit Leben füllen soll, treibt sie um.
       Denn ohne die Sondergelder gibt es ihre Stelle nicht mehr.
       
       Ihr Blick schweift über die frisch renovierten Häuser, die neu gepflasterte
       Straße, die erneuerte Straßenbeleuchtung. Dann schaut sie einem wieder
       direkt in die Augen: „Am 30. Juni haben alle gesagt: ‚Es ist vorbei.‘ Aber
       jetzt wird’s erst wirklich spannend.“
       
       15 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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 (DIR) GNS
       
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