# taz.de -- Rechtsanwältin zu patriarchaler Gewalt: Männer und ihr strukturelles Problem
> Bei patriarchaler Gewalt hilft die bisherige Politik nicht weiter. Zudem
> ist Deutschland gar nicht antipatriarchal und besonders fortschrittlich,
> wie der Bundeskanzler meint, sagt Christina Clemm.
(IMG) Bild: Im Kampf gegen Gewalt geht es um Grundsätzliches: Rechtsanwältin Christina Clemm in Berlin-Kreuzberg
[1][taz FUTURZWEI] | Christina Clemm ist Rechtsanwältin für Familienrecht
und Strafrecht in Berlin-Kreuzberg. Ihre thematischen Schwerpunkte sind
Gewalt gegen Frauen, sexualisierte und queerfeindliche Gewalt, sexueller
Missbrauch, Vergewaltigung sowie rassistische und rechtsextrem motivierte
Straftaten. Clemm engagiert sich dafür, die Perspektiven von Opfern
sexualisierter Gewalt zu verstehen und Vorurteile abzubauen.
taz FUTURZWEI: Wozu Männer, Frau Clemm?
Christina Clemm: Das ist ja eine unsinnige Frage.
taz FUTURZWEI: Aha. Ihre Begründung?
Christina Clemm: Ich weiß nicht so recht, was ich mit dieser Frage anfangen
soll. Wir leben in einer Gesellschaft, die verschiedene Geschlechter hat,
dazu gehören auch Männer. Die Frage ist doch viel mehr, was ist nur mit so
vielen Männern los und was müssen sie tun, damit man mit ihnen etwas
anfangen kann.
taz FUTURZWEI: Im Laufe der letzten Monate wurde in Teilen der
Gesellschaft, genauer gesagt, in unseren, die Frage erörtert, ob man als
Frau mit Männern überhaupt irgendetwas anfangen können soll oder ob man das
nicht einfach besser lässt.
Christina Clemm: Es gibt ja dieses wirklich sehr interessante Buch der
Philosophin Manon Garcia Mit Männern leben…
taz FUTURZWEI: … über den Prozess im Fall von Gisèle Pelicot, die von ihrem
Mann über Jahre betäubt und von ihm und fast siebzig anderen Männern
vergewaltigt wurde …
Christina Clemm: Ich glaube, diese Frage stellen sich viele, ob man es sich
in der aktuellen Situation zumuten kann, mit Männern zu leben, bei all dem,
was wir immer wieder über gewalttätige Männer hören, erleben, erfahren
müssen. Es gab ja auch kürzlich diesen hohen Kriminalbeamten, der gefragt
wurde: Was raten Sie Frauen? Und er antwortet: Besser keine Beziehung mit
einem Mann eingehen.
taz FUTURZWEI: Wie sehen Sie denn grundsätzlich die Lage?
Christina Clemm: Äußerst schwierig. Ich würde aber sagen, diese plakativen
Dinge helfen uns überhaupt nicht weiter, sondern wir müssen sehr genau
hinsehen, die Probleme identifizieren und -anerkennen und daran arbeiten,
wie wir endlich eine andere, bessere gesellschaftliche Situation schaffen.
taz FUTURZWEI: Sie schreiben ja in Ihrem Buch Gegen Frauenhass, dass es
zwar jede Menge Aktivistinnen in Deutschland gibt, aber keine intensive
Veränderung, übrigens auch im Unterschied zu anderen Ländern. Spanien zum
Beispiel. Worauf führen Sie das zurück?
Christina Clemm: Es gibt in Deutschland insgesamt wenig Veränderungen hin
zu einer vielfältigen, offenen Gesellschaft, die keine Menschenverachtung
produziert. Ich glaube, in der herrschenden Politik gibt es grundsätzlich
und in Bezug auf patriarchale Strukturen eine sehr geschickte
Befriedungspolitik. Immer wieder wird suggeriert, wir seien doch relativ
fortschrittlich, gleichberechtigt, aufgeklärt und den anderen ginge es ja
noch viel schlechter.
taz FUTURZWEI: Stimmt nicht?
Christina Clemm: Wir sind ziemlich schlecht im europäischen Vergleich was
Care-Arbeit, was gleichberechtigte Bezahlung, also Gender-Pay-Gap, was
Gendermedizin, was geschlechtsbezogene Gewalt betrifft. Es gibt schon viele
engagierte Menschen, die in Beratungsstellen arbeiten, in Frauenhäusern, in
Institutionen, die eigentlich zur Bekämpfung geschlechtsbezogener Gewalt da
sind …
taz FUTURZWEI: ... aber?
Christina Clemm: Die sind immer am absoluten Limit, können sich kaum
wehren. Auch das ist ein Teil dieser perfiden Befriedungspolitik.
taz FUTURZWEI: Warum ist es in Spanien dann anders?
Christina Clemm: Ich kann Ihnen das im Einzelnen auch nicht erklären, aber
in Spanien gab es einzelne Fälle von ermordeten Frauen, die wirklich
massive feministische Proteste auf den Straßen ausgelöst haben. In
Deutschland ist ein Femizid vielleicht ein kurzer Aufreger. Dann wird so
getan, als würde man jetzt aber wirklich etwas ändern. In Wahrheit werden
Femizide schulterzuckend hingenommen. Proteste werden eingefriedet und
mittlerweile in der aktuellen Politik ja auch sofort diskreditiert.
taz FUTURZWEI: Wir sehen [2][dieses Heft] als Lernprozess für uns Männer.
Wenn das Patriarchat eine Struktur ist, die der ganzen Gesellschaft, ihren
Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen zugrunde liegt: Wie kommt man dahin,
dass Männer das in Ihrem Sinne als ihr Problem angehen?
Christina Clemm: Indem man bereit ist, sich mit dem Problem
auseinanderzusetzen und Erkenntnisse gewinnt.
taz FUTURZWEI: Die Erkenntnisse selber ändern ja noch nichts. Man muss
andere Verkehrsformen etablieren.
Christina Clemm: Ja, das muss man. Aber Aufklärung ist ein erster Schritt.
Beim Problem der geschlechtsbezogenen Gewalt bedeutet das zu fragen: Was
haben wir denn für Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit? Wie erziehen
wir Kinder, wie gehen wir in den Schulen mit all diesen Fragen um? Was
bedeutet es, Gewalt zu erfahren, Diskriminierungserfahrungen zu machen? Was
bedeuten Traumatisierungen? Wir müssen das alles sehr konkret und sehr
grundlegend immer wieder fragen und erklären und eben auch andere
Verhaltensmuster aufzeigen, so wie wir miteinander leben wollen und können.
taz FUTURZWEI: Lassen Sie uns in die Falle tappen und sagen, wir gehören zu
den Männern, die sich gerne einreden, dass wir eine
liberal-emanzipatorische Gesellschaft sind, die enorme Fortschritte gemacht
hat nach dem Barbarismus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zum
Beispiel schlagen wir unsere Kinder nicht mehr. Wir müssen uns aber dem
stellen, dass wir unsere Frauen immer noch schlagen und dass Sie jetzt
sagen, das ist systemisch und aus einem patriarchalen System heraus, zu dem
wir auch gehören. Verstehen wir das richtig?
Christina Clemm: Ja, das verstehen Sie richtig. Dieses Beispiel, dass wir
unsere Kinder nicht mehr schlagen, stimmt natürlich auch nicht ganz. Viele
Kinder werden noch misshandelt, aber es hat da tatsächlich einen Wandel
gegeben, dass es zumindest in der Öffentlichkeit nicht mehr ganz so
anerkannt ist, wenn man Kinder körperlich züchtigt. Das heißt ja aber noch
lange nicht, dass respektvoller Umgang mit Kindern gelehrt würde. Alles,
was an Kinderschutz da ist, wird auch gerade gekürzt. Und wenn wir gerade
Männlichkeitsbilder sehen, die wieder zunehmend gewaltvoll sind, dann
bedeutet das natürlich auch, dass Kindern wieder beigebracht wird, dass
Gewalt okay ist, okay im Miteinander, aber auch im Verhältnis von Eltern
und Kindern.
taz FUTURZWEI: Die patriarchalen Verhältnisse haben sich nie geändert?
Christina Clemm: Nein. Es haben sich bestimmte Dinge geändert, bestimmte
Gesetze, Frauen dürfen mittlerweile einen Arbeitsvertrag unterschreiben,
ohne ihren männlichen Vormund oder ihren Ehemann zu befragen, sie dürfen
eigene Konten und eigenes Geld haben, sie dürfen sich auch scheiden lassen,
Vergewaltigung in der Ehe ist strafbar, aber insgesamt haben sich die
patriarchalen Verhältnisse nicht wirklich geändert. Wir sehen ja seit
vielen Jahren eine Zunahme von geschlechtsbezogener Gewalt, die ein
wichtiger stabilisierender Faktor ist für die patriarchale Struktur.
taz FUTURZWEI: Weil?
Christina Clemm: Weil das Frauen hemmt, tatsächlich gleichgestellt zu sein.
Das eine ist die ausgeübte Gewalt, die Bestrafung durch Gewalt, wenn eine
Frau aus einer Ehe ausbricht, wenn eine Frau sich anders verhält als es das
Geschlechterstereotyp vorsieht, sich anders bewegt, in der Stadt, nachts
etwa. Entweder erleben Frauen tatsächlich Gewalt oder sie müssen jedenfalls
Angst davor haben, Gewalt zu erfahren. Und wenn sie diese Gewalt erleben,
dann werden sie dafür auch noch beschämt, weil sie angeblich zu naiv waren
und sich nicht hinreichend geschützt haben. Das stabilisiert die männliche
Vorherrschaft.
taz FUTURZWEI: Blaming the Victim ist gerade bei sexualisierter Gewalt ein
habitualisiertes Phänomen?
Christina Clemm: Ja. Ich will erstmal nicht auf die strafrechtliche Schiene
gehen, denn einige Handlungen sind nicht strafbar und dennoch verwerflich.
Nehmen wir die #MeToo-Fälle der letzten Jahre. Wenn Frauen hören müssen,
man wisse doch, was backstage passiert, sie seien ja blöd und naiv, weil
sie hingegangen seien. Wenn die Frau zu dem Regisseur aufs Hotelzimmer
geht, sei doch klar, dass dieser Sex wolle. Sie wisse doch, was passiert,
wenn sie den zu kurzen Rock trägt, nachts durch den Park geht oder wenn sie
sich einen solchen Mann aussucht.
taz FUTURZWEI: Die Logik ist: Was der Mann macht, ist halt so, deshalb
sollte die Frau nichts machen, was dazu führen kann?
Christina Clemm: Genau. Im Gericht höre ich immer mal wieder vom
sogenannten Auswahlverschulden, dass die Frauen also selbst schuld sind,
wenn sie sich einen Mann oder einen Partner gesucht haben, der eine
bestimmte Herkunft hat, der vielleicht auch stark und kräftig ist, der ein
bestimmtes männliches Verhalten zeigt. Und dann wird der Frau zumindest
eine Mitschuld gegeben, wenn sie sich diesen Mann ausgesucht und ihn nicht
sofort verlassen hat, als er das erste Mal gewalttätig wurde.
taz FUTURZWEI: Wir haben ein Rollback, mit dem rechtspopulistische Parteien
Kundschaft generieren, indem sie ein entschieden patriarchales
Männlichkeitsbild propagieren. Aus Ihrer Sicht ist das aber nicht das
entscheidende Problem, sondern das sind wir, also die
liberal-emanzipatorisch-sein-wollenden Männer. Wie gehen wir das an?
Konzentrieren wir uns auf Rechtsböse, damit wir fein raus sind?
Christina Clemm: Wir sollten uns auf alles gleichzeitig konzentrieren.
Natürlich müssen wir dem autoritären rechtsextremen Rollback etwas
entgegensetzen. Die Rechtsextremen treiben den Antifeminismus voran. Aber
was wir in der CDU sehen, ist auch ein antifeministischer Rollback und der
geht bis weit in die Gesellschaft hinein. Gleichzeitig müssen wir aber auch
in unseren eigenen Reihen gucken, denn geschlechtsbezogene Gewalt gibt es
auch hier. Fortschrittliche Männer sollten sich auch längst dafür zuständig
fühlen, endlich aktiv gegen geschlechtsbezogene, patriarchale Gewalt
einzutreten.
taz FUTURZWEI: Was ist die Methode? Wir haben diese Antibewegungen,
Antifaschismus, Antirassismus, Anti-Antifeminismus, ja super, aber das ist
ja keine Methode, um Menschen zu überzeugen, die in anderen Strukturen
denken und leben.
Christina Clemm: Die Methode ist, sich selbst zu hinterfragen und die
politische Dimension zu verstehen: Inwiefern profitieren ich und andere von
patriarchalen Strukturen, inwiefern beschäftige ich mich selbst mit der
geschlechtsbezogenen Gewalt, inwiefern spreche ich mit anderen Männern
darüber, warum nehmen wir hin, wie massiv und weit verbreitet die
geschlechtsbezogene Gewalt ist, was können wir tun? Ganz basic: Sage ich
bei jedem sexistischen Witz, nee, das ist überhaupt nicht in Ordnung? Gucke
ich darauf, wie mein Umfeld mit Sexismus umgeht? Wann spreche ich andere
Personen an und sage ihnen, das ist nicht in Ordnung, wie fördere ich
antisexistische Strukturen? Männer sprechen viel zu wenig miteinander
darüber, wie sie sich selbst verhalten und was sie ändern können, wie sie
mit möglichen eigenen Grenzüberschreitungen umgehen.
taz FUTURZWEI: Jette Nietzard war kurze Zeit Bundesvorsitzende der Grünen
Jugend und sagte als solche, dass die Unschuldsvermutung vor Gericht gelte,
aber nicht in ihrer Partei gelten dürfe. Das bedeutet: Jeder, der
beschuldigt wird, ist Täter.
Christina Clemm: Die Unschuldsvermutung ist etwas, was wir aus dem
Strafprozess kennen und brauchen. Wenn der Staat sein härtestes Mittel
anwenden will, einem Menschen die Freiheit zu nehmen oder andere Strafen zu
erlassen, dann muss die Unschuldsvermutung selbstverständlich gelten. Es
kann aber gesellschaftlich nie ausreichen, das Problem der Strafjustiz zu
überlassen, ein Problem erst dann anzuerkennen, wenn es eine
strafrechtliche Verurteilung gibt. Das Strafrecht ist, wie das gesamte
Rechtssystem zutiefst patriarchal geprägt. Deutlich wird dies etwa bei den
presserechtlichen und äußerungsrechtlichen Verfahren. Frauen wird es
verunmöglicht, über sexualisierte Gewalt zu sprechen, Täter profitieren
davon.
taz FUTURZWEI: Das ist die eingeübte Strategie des Patriarchats?
Christina Clemm: Ja. Frauen, die es wagen auszusprechen, sie seien Opfer
sexualisierter Gewalt geworden, bekommen sofort einen Maulkorb durch
Unterlassungserklärungen und Strafandrohungen. Sie dürfen oft überhaupt
nicht mehr darüber reden, Aufklärung wird verunmöglicht. Das ist natürlich
eine fatale Entwicklung. Wir müssen über diese Vorwürfe miteinander
sprechen können. Natürlich gibt es auch Menschen, die die Unwahrheit sagen,
aber bei sexualisierter Gewalt nicht in größerem Maße als sonst. Deswegen
muss man einen Verdacht äußern können, wir müssen das miteinander
verhandeln und dürfen dies nicht ausschließlich einem Strafprozess
überlassen. Schon deshalb nicht, weil nicht alle sexualisierte Gewalt
strafbar ist. Es wird dieses Schreckgespinst der falschen Verdächtigung
aufgebaut, als müsste ein jeder Mann immer befürchten, durch einen falschen
Vorwurf vernichtet zu werden.
taz FUTURZWEI: Stimmt nicht?
Christina Clemm: Nur in sehr seltenen Fällen, wie bei anderen
Falschbeschuldigungen auch. Wenn, dann ist es selbstverständlich schlimm
und darf nicht geduldet werden. Aber in der Regel ist es genau umgekehrt,
Männer werden beschuldigt und es geschieht nichts. Selbst wenn sie Taten
einräumen oder verurteilt werden, verlieren sie nicht ihr Ansehen, ihre
Karrieren oder Ähnliches. Sehen Sie sich nur Trump an.
taz FUTURZWEI: Von all den Männern, die zum Netzwerk des verurteilten
Sexualstraftäters Jeffrey Epstein gehören, sitzt kein einziger im
Gefängnis. Das ist irre.
Christina Clemm: Ja. Nicht nur in den USA, auch hier wird nicht ordentlich
ermittelt, werden Netzwerke nicht aufgedeckt und müssen Betroffene Sorge
haben, wenn sie es wagen, sich zu äußern.
taz FUTURZWEI: Welcher Form von Gesetzesnovellierung bedarf es, um die
Situationen zu ändern? In Spanien ist es einfacher für Frauen, sich zu
wehren.
Christina Clemm: Das spanische Modell beinhaltet eben nicht nur bestimmte
Strafgesetze oder familienrechtliche Regelungen: Das ist ein Gesamtkonzept,
das mit Gesetzen, mit Kampagnen, mit Förderung von bestimmten
Schutzeinrichtungen, aber eben auch Bildungsangeboten, verpflichtenden
Fortbildungen arbeitet. Dort wurde verstanden, dass die geschlechtsbezogene
Gewalt ein gesellschaftliches Problem ist, das auf allen Ebenen bekämpft
werden muss. Es als Gesamtproblem ganz oben in der Politik anzusiedeln, das
hat Spanien verändert. Wenn man jetzt unsere Justizministerin ansieht, ...
taz FUTURZWEI: ... die SPD-Politikerin Stefanie Hubig …
Christina Clemm: ... sie macht richtige Gesetzentwürfe, aber das kann nicht
reichen. Es hilft nichts, die „Nur Ja heißt Ja“-Regelung im
Sexualstrafrecht einzuführen, aber gleichzeitig nicht die
Staatsanwaltschaften besser auszustatten, keine Gelder für
Aufklärungskampagnen zu vergeben und Präventionsarbeit in diesen Bereichen
zu streichen. Das macht überhaupt keinen Sinn.
taz FUTURZWEI: Die Fußfessel?
Christina Clemm: Die Fußfessel wird Männer nicht grundsätzlich davon
abhalten, ihre Frauen zu töten. Vielleicht und hoffentlich verhindert sie
in ein paar wenigen Fällen, dass ein paar Frauen nicht schwerste Gewalt
erleben müssen. Die Fußfessel wird immer nur im Ausnahmefall angelegt
werden können. Und auch härtere Strafen bringen nichts. Die
generalpräventive Wirkung von höheren Strafandrohungen ist gleich null. Wir
brauchen schnelle Strafen, schnelle Konsequenzen. Wir müssen aber eben vor
allem in Prävention Geld stecken. Vor die Gewalt kommen. Und dieses Geld
wird ja überhaupt nicht bereitgestellt, sondern gestrichen. Wir brauchen
Gewaltprävention in Kitas, Schulen, Ausbildungsstätten, Universitäten. Wir
müssen schon Kindern erklären, dass es nicht in Ordnung ist, wenn der Vater
die Mutter schlägt und dass nicht sie schuld daran sind.
taz FUTURZWEI: Jede dritte in Deutschland lebende Frau erlebt sexualisierte
oder körperliche Gewalt, nur 2,7 Prozent der Betroffenen zeigen den Partner
an, bei sexualisierter Gewalt 3 Prozent. Sie sagen ihren Mandantinnen auch,
sie sollten nicht von einer Verurteilung ausgehen?
Christina Clemm: Erstmal muss man feststellen, dass es für Frauen
offensichtlich keine Option ist, sich an den Staat zu wenden. Es gibt kein
Vertrauen. Ich rate niemandem von einer Anzeige ab, ich sage aber immer:
Wenn Sie nur unter der Bedingung Anzeige erstatten, dass er am Ende
verurteilt wird, dann würde ich es lassen. Ein Ermittlungs- und
Strafverfahren ist ein mühsamer Weg mit vielen Zumutungen und meist werden
die Beschuldigten nicht verurteilt. Aber es gibt auch andere Gründe für
Betroffene, Strafanzeigen zu erstatten. Etwa, weil sie hoffen, dass ihre
Kinder oder andere vor ihm geschützt werden, weil sie wollen, dass er weiß,
dass er sie nicht mundtot gemacht hat, weil er vielleicht kurz Sorge vor
einer Verurteilung hat.
taz FUTURZWEI: Das ist eine starke Motivation?
Christina Clemm: Ja. Viele Betroffene geben sich selbst schuld, dass sie
hätten verhindern müssen, dass eine Nächste verletzt wird. Manche sagen
auch, ich kann doch hier nicht als Feministin in der Öffentlichkeit stehen
und selbst diese Gewalt erlebt haben und schweigen.
taz FUTURZWEI: Vertreten Sie auch bundesdeutsche Frauen, die aus islamisch
geprägten Kulturen kommen und ihren Mann anzeigen?
Christina Clemm: Ja.
taz FUTURZWEI: Unsere Unterstellung ist, das sind ganz wenige.
Christina Clemm: Ich habe ja mein Büro in Kreuzberg. Direkt auf der Grenze
zu Neukölln. Ich vertrete Menschen verschiedenster Herkünfte, die dort in
dem Umkreis leben, aber auch bundesweit. Ich vertrete Frauen, die in
Obdachlosenunterkünften leben, die anschaffen gehen, die alleinerziehend
mit sehr wenig Geld sind, Frauen, die viel Gewalt auf der Flucht erfahren
haben, aber auch Frauen, die in Zehlendorf in einer Villa leben, die selbst
Vorstände von irgendwelchen Unternehmen sind oder in der Öffentlichkeit
stehen. Es ist wirklich der Durchschnitt der Bevölkerung. Und die Täter
sind es auch.
taz FUTURZWEI: Beim Rätseln über die AfD reden wir kaum darüber, dass diese
Partei zu großen Teilen von Männern gewählt wird. Besonders in ländlichen
Gebieten Ostdeutschlands, weil viele Frauen dort weggegangen sind. Die
ganzen Social-Media-Plattformen sind auch alles Männerunternehmen. Kriegt
man für das Problem größere Aufmerksamkeit, wenn man die Optik mal weiter
aufmacht?
Christina Clemm: Ich würde das sagen, und es ist richtig. Wenn ich Vorträge
zu Antifeminismus halte, dann kommen durchaus auch mal linke Männer.
Antifeminismus, Rechtsextremismus, geschlechtsbezogene Gewalt – inwiefern
sind das wichtige Bestandteile des Rechtsextremismus? Man muss Rassismus,
Klassismus und Antifeminismus natürlich zusammen diskutieren und
kommunizieren. Wer sind die Tech-Unternehmen und wie stützen sie das
Patriarchat, welche Bündnisse gibt es, womit finden sie zueinander? Wie
werden Feministinnen und queere Menschen unterdrückt und gesilenced von
diesen und sind frauenverachtende Erzählungen essenziell?
taz FUTURZWEI: Gibt es religiös-kulturelle Strukturen, die besonders fatal
für Frauen sind?
Christina Clemm: Wer das Phänomen geschlechtsbezogener Gewalt dadurch
erklärt, dass wir islamistisch geprägte Parallelgesellschaften hätten, die
schuld daran seien, will das Problem nicht bekämpfen, sondern Rassismus
schüren. Es ist meist nicht der fremde Mann, sondern schlicht der eigene.
Diese Gewalt gibt es in allen Gesellschaftsschichten.
taz FUTURZWEI: In unserem anderen Gespräch sagt Güner Balcı, das sei eine
typische Strategie von linksgrünen Milieus, das Problem als
„antimuslimischen Rassismus“ wegzuschieben.
Christina Clemm: Es ist jetzt nicht so, dass Islamisten feministisch sind,
im Gegenteil, sie sind massiv antifeministisch. Aber es ist nicht der
muslimische Glaube. Die Tech-Milliardäre sind auch anti-feministisch, die
AfD ist es, die MAGA-Bewegung. Ich will gar nicht abstreiten, dass
bestimmte patriarchale Verhältnisse das Problem verstärken und wir diese
sehen und bekämpfen müssen. Aber nicht nur diese. In den Frauenhäusern
befinden sich überproportional viele migrantische und ökonomisch prekär
lebende Frauen.
taz FUTURZWEI: Warum ist das so?
Christina Clemm: Die wohlhabende weiße deutsche Frau geht nur im
Ausnahmefall in ein Frauenhaus. Sie wird sich eher auf der Flucht vor ihrem
Mann eine Ferienwohnung, ein Hotel oder Unterschlupf bei Verwandten oder
Bekannten suchen. Sie hat ein ganz anderes Netz als die Frau, die unter
beengten Verhältnissen in einer Geflüchtetenunterkunft oder mit ihrer
Familie in einer kleinen Wohnung lebt, die kein familiäres Umfeld hat, das
sie unterstützen kann und auch kein eigenes Geld, um sich einen Fluchtort
zu leisten. In der letzten Mitte-Studie kam heraus, dass eher in den
höheren gesellschaftlichen Schichten antifeministische Thesen
weitergetragen werden.
taz FUTURZWEI: Sind Collien Fernandes und auch Gisèle Pelicot für Sie Role
Models und Changemaker?
Christina Clemm: Man muss schon auch sehen, dass alle Frauen, die sich
namentlich so öffentlich äußern können, sehr gute Bedingungen haben, um
sich zu äußern. Man kann sie schlecht anzweifeln und kaum beschämen.
Bessere Beweise als bei Pelicot sind kaum vorstellbar und dennoch hat man
versucht, sie zu diskreditieren. Am Ende konnte man nicht behaupten, dass
sie die Taten auch wollte, dass sie unvorsichtig gewesen sei, selbst
schuld. Das sind aber Ausnahmefälle. Aber ja, diese öffentlich werdenden
Frauen haben etwas verändert. Ich begleite seit vielen Jahren
Vergewaltigungsprozesse, fast immer haben wir dafür die Öffentlichkeit
ausgeschlossen. Mittlerweile habe ich viele Mandantinnen, die das nicht
wollen, die in der Öffentlichkeit über die widerfahrene Gewalt sprechen.
Man soll sehen und darüber berichten, was ihnen widerfahren ist und wer die
Täter sind.
taz FUTURZWEI: Bundeskanzler Friedrich Merz steht Pars pro Toto für den
Mann in der Mitte der Gesellschaft, der nicht versteht, was das Problem ist
und dann einfach sagt: Was wollt ihr, ich habe doch auch eine Frau und zwei
Töchter?
Christina Clemm: Nein, Merz versteht nicht nur das Problem nicht, sondern
er ist ignorant. Genau diese Ignoranz beinhaltet ja Frauenhass genauso wie
Rassismus. Zu sagen, ich sehe keinen Rassismus können Weiße, die nicht von
Rassismus betroffen sind. Und genau so macht das Merz. Im Grunde sagt er:
Das Problem gibt es doch gar nicht oder nur von den fremden Männern. Meine
Töchter und meine Frau haben es immer gut bei mir, ich kann gar kein
Antifeminist sein. Er ignoriert nicht nur, was so viele Betroffene
berichten, sondern nutzt geschlechtsbezogene Gewalt für seinen Rassismus.
taz FUTURZWEI: Ihr zentraler Satz: Antifeminismus ist der Kitt, der
religiöse Fanatiker und Rechtsextreme mit der Mitte der Gesellschaft
verbindet. Wenn das so ist: Mit wem wird denn dieses Problem gelöst? Ich
muss das doch mit mir und anderen Männern in der Mitte der Gesellschaft
lösen.
Christina Clemm: Ja, Männer müssen aktiv gegen Antifeminismus eintreten.
Warum distanzieren sich angeblich fortschrittliche Männer nicht schon
längst von patriarchaler Gewalt und verstehen, wie wichtig diese für das
bestehende System ist. Warum wollen sie nicht längst selbst nicht mehr der
Kitt sein, nicht mitmachen, nicht profitieren, sondern endlich etwas
verändern, um für eine wirklich freie und offene Gesellschaft einzustehen.
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe taz
FUTURZWEI N°38 mit dem Titelthema „Wozu Männer?“ [3][Hier bestellen im taz
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23 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Peter Unfried
(DIR) Harald Welzer
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