# taz.de -- Menschen in der U-Bahn: Die Gespenster der U8
> Manche Leute in der U-Bahn sehen aus wie aus dem Sumpf gestiegen. Ist das
> schon das Symptom einer Psychose? Nur wer hat die? Die Realität selbst?
(IMG) Bild: Illustration: Donata Kindesperk/taz
Eisige Stille herrscht heute in der U8. Die Leute sitzen wie in Reihe
geschaltet da mit den Rücken zum Fenster und daddeln abwesend auf ihren
Smartphones herum. Der Langzug mit seinem komplett von vorne bis hinten
durchgezogenen Fahrgastraum biegt sich in den Kurven wie eine Palme im
Sturm, wobei ich ihm ehrfürchtig zuschaue.
An der Schönleinstraße steigt ein fast zwei Meter großer Obdachloser ein.
Er unterscheidet sich von all den anderen, die hier kontinuierlich
durchlaufen. Seine Kleidung ist so stark durchlöchert, dass sie kaum noch
existiert. Wie frisch aus einem Sumpf oder Grab gestiegen sieht er aus. Der
Schmutz lässt seine Haut in einem dunklen Grauton schimmern und – er weint.
Bitterlich und herzzerreißend.
Niemand reagiert auf ihn. Nicht ein Kopf hebt sich, während dieser weinende
Riese vom einen bis ans andere Ende des Zuges durch die lange Fahrgastgasse
schlurft. Als gäbe es ihn gar nicht. Er bettelt nicht, hält keine
Obdachlosenzeitung in die Höhe, weint einfach nur. Eine Szene, die ebenso
gut geträumt sein könnte.
Ich schiele auf den Screen zu meiner Linken. Er spiegelt das Gesicht seiner
Nutzerin, die sich einen Filter auf die Visage gelegt hat und kritisch das
Ergebnis beäugt. Ich schaue auf und der Fahrgastraum schlägt Wellen, samt
allen Doomscrollern und dem Riesen dazwischen, bis wir an der Boddinstraße
zum Stehen kommen. Winzig klein geworden, verlässt die Gestalt den Zug, wie
sie ihn betreten hat, und es wird wieder still.
„Zrückbleimbidde“, brabbelt der Zugführer durch die Lautsprecher und ich
frage mich, ob dies hier vielleicht erste Symptome einer Psychose sind. Nur
wer hat die? Ich? Die Realität selbst? Meine Zeitgenossenschaft? Dann
schließen die Türen, die frisch Zugestiegenen zücken ihre Phones und der
Betriebsauflauf nimmt ungestört seinen gewohnten Lauf Richtung Endstation.
22 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Maik Gerecke
## TAGS
(DIR) Kolumne Szene
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