# taz.de -- Justiz in Syrien: Auch in den eigenen Reihen gilt das Recht
> Bei Kämpfen an der syrischen Küste wurden im Jahr 2025 wurden vor allem
> alawitische Zivilist*innen getötet. Nun fallen die ersten vier
> Urteile dazu.
(IMG) Bild: Ein Angeklagter im Gerichtsgebäude von Aleppo während des Prozesses am 17. 09. 2026
Die neuen Machthaber in Syrien haben Gerechtigkeit und Gerichtsbarkeit
versprochen. Anfang der Woche gaben die internen Sicherheitskräfte gleich
drei Verhaftungen bekannt: des ehemaligen Luftwaffengenerals [1][Zakaria
Mohammad Sannoun] wegen Angriffen auf Zivilisten; des ehemaligen
hochrangigen Kommandeurs [2][Ahmad Mohammad Ismail] sowie des ehemaligen
Geheimdienstoffiziers Suleiman Ahmad Hassan. Die staatliche
Nachrichtenagentur veröffentlichte Fotos von ihnen in Häftlingskleidung.
Wie Aufarbeitung und Übergangsjustiz im neuen Syrien laufen, zeigt aber ein
anderer Fall. Niemand steht über dem Gesetz – auch nicht Angehörige der
Regierung. Das sollen die Gerichtsprozesse wegen der Massaker gegen
Zivilist*innen an Syriens Westküste zeigen. Auf [3][der Anklagebank vor
dem Militärgericht in Aleppo] saßen nicht nur Anhänger des gestürzten
Assad-Regimes, sondern auch Angehörige der neuen Behörden. Syriens
Regierung ließ die Prozesse sogar live im Fernsehen übertragen. Am
vergangenen Donnerstag fielen die Urteile gegen vier der Täter:
Todesstrafe, lebenslange Haft und 20 Jahre Haft, Freispruch.
[4][Die Massaker an Zivilist*innen an Syriens Westküste im März 2025]
gehören zu den blutigsten Ereignissen nach dem Sturz von Ex-Baschar
al-Assad. Damals hatten noch mit Assad verbündete Gruppen Sicherheitskräfte
der neuen Regierung angegriffen und getötet. Damaskus schickte daraufhin
rund 200.000 Kämpfer in die Gegend, es gab heftige Kämpfe.
Bei systematischen Hausdurchsuchungen sollen Angehörige der Streitkräfte
Berichten zufolge gefragt haben: „Bist du Alawit?“ – [5][also Teil der
Religionsgemeinschaft, der auch Assad angehört]. Über 1.400 Menschen wurden
getötet.
## Bald soll es weitere Urteile geben
Angeklagt sind nun sieben Assad-Anhänger und sieben Mitglieder der
derzeitigen Regierungstruppen und Sicherheitsbehörden, darunter des
Verteidigungs- und Innenministeriums. Sie sollen Zivilist*innen
getötet, Eigentum zerstört und geplündert haben.
Von den vier Urteilssprüchen betrifft nur einer ein Mitglied der neuen
Behörden. Basel Marai al-Hassan, Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums,
muss wegen vorsätzlichen Mordes für 20 Jahre ins Gefängnis. Während des
Prozesses hatte er Videobeweise bestritten, die ihn bei der Tötung eines
Zivilisten zeigten.
Hadi Qablan, Anhänger des Assad-Regimes, bekam das Todesurteil wegen
Anstiftung zum Bürgerkrieg und Mitgliedschaft in einer bewaffneten Bande.
Tahani Ahmad Schafik, ebenfalls Assad-Anhänger, bekam lebenslange Haft. Er
war laut Gericht Teil einer bewaffneten Bande, deren Ziel es war, zu
plündern und töten. Er hatte gestanden, Militärfahrzeuge geklaut und
weiterverkauft zu haben.
Hassan Halibia saß auf der Anklagebank wegen Aufstachelung zum Bürgerkrieg
und Angriffe auf Sicherheitskräfte. Das Gericht sprach ihn wegen mangelnder
Beweise frei. Er wird aus der Untersuchungshaft entlassen.
## „Einzelfälle“, so eine Kommission der syrischen Regierung
Nächsten Donnerstag möchte das Gericht weitere Urteile fällen. Zehn weitere
Menschen sind angeklagt.
Auf die Kämpfe an der Küste folgte deutliche internationale Kritik. Die
Übergangsregierung kündigte damals an, die Massaker transparent
aufzuarbeiten. Und richtete daraufhin die unabhängige Nationale
Untersuchungskommission ein. Laut dieser wurden mindestens 1.426 Menschen
getötet, darunter 238 Angehörige der Sicherheitskräfte.
[6][Die Täter waren aber viel mehr] als die bisher 14 Angeklagten. Die
Kommission zählte 298 Täter von Übergriffen auf alawitische
Zivilist*innen sowie 265, die demnach Regierungstruppen angriffen. Der
Kommission zufolge waren die Gräueltaten gegen Zivilist*innen
„Einzelfälle, nicht jedoch organisierte Taten“.
## Kritik an den Verfahren
Laut einer Untersuchung der Vereinten Nationen hingegen war die Gewalt
regierungstreuer Gruppen gegen Zivilist*innen „weitverbreitet und
systematisch“. Häuser seien gestürmt worden, Menschen nach ihrer Religion
befragt. „Alawitische Männer und Jungen wurden abgeführt, um hingerichtet
zu werden“, so der Bericht. Zu dem gleichen Ergebnis kommt auch die
[7][Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch].
Die Verfahren sind wichtig für Rechenschaftspflicht und Übergangsjustiz.
Beobachter*innen wie die syrische Menschenrechtsorganisation My Rights
Mena haben aber ernsthafte Bedenken, ob internationale Standards für faire
Verfahren eingehalten werden. Sie sagen, die Rechenschaftspflicht dürfe
nicht selektiv sein. Zudem müssten Opfer und ihre Familien einbezogen
werden und es brauche eine Wiedergutmachung für sie.
21 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://sana.sy/en/syria/2344297/
(DIR) [2] https://sana.sy/en/syria/2344132/
(DIR) [3] /Justiz-in-Syrien/!6131022
(DIR) [4] /Syrien-nach-dem-Sturz-von-Assad/!6074900
(DIR) [5] /Spannungen-im-neuen-Syrien/!6072781
(DIR) [6] /Spannungen-im-neuen-Syrien/!6072781
(DIR) [7] https://www.hrw.org/report/2025/09/23/are-you-alawi/identity-based-killings-during-syrias-transition
## AUTOREN
(DIR) Julia Neumann
## TAGS
(DIR) Aleppo
(DIR) Schwerpunkt Syrien
(DIR) Alawiten
(DIR) Baschar al-Assad
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Justiz in Syrien: In Aleppo beginnt ein historischer Prozess
Es ist der erste Prozess gegen Gewalttäter der Massaker an Alawiten im
März. Auf der Anklagebank sitzen auch Soldaten der Übergangsregierung.
(DIR) Syrien nach dem Sturz von Assad: Der große Horror
Anfang März wurden bei einem Massaker in Syrien hunderte vorwiegend
alawitische Zivilisten getötet. Die Überlebenden sammeln nun selbst Belege.
(DIR) Lage der Alawiten in Syrien: Eine Stadt im Zwielicht
Im syrischen Küstenort Tartus leben viele Alawit*innen. Auch Ex-Diktator
Assad ist Alawit. Jetzt fürchten viele von ihnen Rache. Ein Besuch.