# taz.de -- Tattoos ohne Schmerz: Der Klub der gutartigen Masochisten
       
       > Ein Startup hat eine neue Tätowiermethode auf den Markt gebracht, die
       > Tattoos ohne Schmerzen verspricht. Keine gute Idee!
       
 (IMG) Bild: Ein Seemann der British Royal Navy wird tätowiert, um 1945
       
       Es ist schon lange her, dass ich mich habe tätowieren lassen. Die
       stundenlangen, schmerzhaften Sitzungen haben mir mit den Jahren den Spaß
       genommen. Anfangs half mir noch das Adrenalin, den Schmerz zu dämpfen –
       schließlich tat ich etwas Neues, Aufregendes. Doch je öfter ich mich unter
       die Nadel legte, desto mehr spürte ich die Stiche. Dann las ich kürzlich
       von einem Start-up in London, das offenbar die Lösung für Menschen wie mich
       entwickelt hat: schmerzfreie Tattoos, die mithilfe von Pflastern mit
       hauchfeinen Nadeln unter die Haut gebracht werden.
       
       Es klingt wie eine Lösung. Doch fühlt es sich nicht richtig an. Ist das
       Leiden beim Tätowieren wirklich ein Problem, das überwunden werden muss?
       
       [1][Der Begriff „Tattoo“] hat seinen Ursprung im tahitianischen Wort
       „tātau“, was je nach Quelle entweder auf das rhythmische Geräusch bei der
       traditionellen Tätowiermethode verweist oder so viel wie „Wunden schlagen“
       bedeutet. Schmerz spielte in der polynesischen Gesellschaft ursprünglich
       eine wichtige Rolle. So soll der Sohn des Häuptlings von Tahiti beim
       Tätowieren genau beobachtet worden sein, um herauszufinden, wie viel
       Schmerz er ertragen konnte. In Samoa wiederum hieß es, dass Tattoos für
       Männer das Äquivalent zu den starken Schmerzen seien, die eine Frau bei der
       Geburt ertragen muss.
       
       Auch in Europa spielte das Hautgefühl bei der Tätowierung eine wichtige
       Rolle. Bei der Gletschermumie Ötzi etwa befinden sich die Tattoos genau auf
       den Körpermeridianen, die man in der Akupunktur zur Schmerzlinderung
       benutzt. Tattoos und der sie begleitende Schmerz sind also seit jeher Teil
       von geheimnisvollen Ritualen und Initiationsriten.
       
       ## Aua – Awww
       
       Diese Riten gibt es im westlichen Mainstream so nicht mehr. Doch Schmerz
       erfüllt weiterhin eine wichtige Funktion. Zwar wird derjenige, der sich das
       Knie angehauen hat, das in den wenigsten Fällen genießen. Jedoch wird in
       der Wissenschaft das Phänomen des „Benign Masochism“ beschrieben, was
       übersetzt so viel wie „gutartiger Masochismus“ heißt. Demnach kann man
       Freude an eigentlich unangenehmen körperlichen Reizen empfinden –
       vorausgesetzt, das Gehirn signalisiert absolute Sicherheit.
       
       Das Tätowierstudio ist so ein sicherer, moderner Ritusraum. Denn in einer
       Zeit, in der sich die überwiegende Mehrheit von uns über viele Stunden
       hinweg im virtuellen Raum bewegt, markiert Schmerz eine gewisse Echtheit.
       Man spürt sich endlich mal wieder so richtig und ist im Klub derjenigen,
       die Schmerz Gefühlstaubheit vorziehen, dabei. Es wäre schade, wenn diese
       seltene Erfahrung verschwindet.
       
       Wohl auch deshalb lehnen heute viele [2][Tattooroutiniers] schmerzstillende
       Salben ab. Das heißt nicht, dass man Schmerz mögen muss. Ich finde ihn, wie
       gesagt, äußerst unangenehm und es gibt Stellen, die würde ich nicht oder
       nicht mehr unter eine Tattoomaschine halten – zum Beispiel meinen Ellbogen.
       Der ist komplett mit Farbe bedeckt.
       
       Das musste der [3][Tätowierer] damals zweimal machen. Er schwoll auf die
       Dicke einer Mango an. Tagelang konnte ich nur mit nach oben ausgestrecktem
       Arm einigermaßen schlafen. Wenn ich heute darauf zurückschaue, dann denke
       ich immer: Das Motiv habe ich mir wirklich verdient.
       
       4 Oct 2026
       
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