# taz.de -- Neue Kinder- und Jugendbücher: Wenn alle fest zusammenstehen
       
       > Klimakatastrophe und Patriarchat. Johanna Schaible, Caryl Lewis, Andrée
       > Poulin und Sophie Casson machen in ihren aktuellen Kinder-und
       > Jugendbüchern Mut.
       
 (IMG) Bild: Immer folgt ein neuer Tag: Johanna Schaibles Bilderbuch „Guten Morgen – Gute Nacht“
       
       Es gibt heitere Tage voller Freude und Tage, die dunkler sind als die
       Nacht.“
       
       Johanna Schaibles Bilderbuch „Guten Morgen – Gute Nacht“ entwickelt in
       seinem eigenen Rythmus eine Dramaturgie aus facettenreichen Gegensätzen.
       Hell und dunkel, Tag und Nacht, nachdenklich oder unbeschwert. Eine Szene
       zeigt Kinder in der strahlenden Wintersonne am Schlittenhang. Auf der
       nächsten Seite sucht eine Ziegenherde in der Mittagshitze Schatten unter
       einem Baum. Und eine schemenhafte Darstellung von Zerstörung folgt einer
       sommerlichen Badeszene am Wasser.
       
       Die stimmungsvollen, doppelseitigen Illustrationen der Schweizer Künstlerin
       begleiten Menschen, Tiere, Landschaften an verschiedenen Orten der Welt
       durch den Tag und die Nacht. Fließend verändern sich Lichtverhältnisse,
       Stimmungen und Situationen. Stimmig unterstreichen Gestaltung, Format und
       Typografie diese komplexe, assoziative Bilderzählung über Zeit und Raum.
       
       Damit knüpft Johanna Schaible mit ihrem zweiten Bilderbuch für Kinder
       inhaltlich an ihr Debüt an. „Es war einmal und wird noch lange sein“ (2021)
       wurde 2022 für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Virtuos
       gestaltet, erzählt das Buch von einer Reise in Vergangenheit, Gegenwart und
       Zukunft und fragt nach dem, was ist und was noch kommt.
       
       ## „Guten Morgen – Gute Nacht“
       
       Auch „Guten Morgen – Gute Nacht“ bringt verschiedene Erfahrungswelten
       visuell in einer ausdrucksstarken Mischtechnik zusammen. Dabei verbindet
       der Text angenehm zurückhaltend die unterschiedlichen Bedeutungsebenen.
       Während zwei Kinder vor dem Schlafengehen noch im Pyjama auf dem Teppich
       spielen, treffen sich manche Menschen spätabends vor einer Bar auf der
       Straße. Woanders wird tief in der Nacht im Scheinwerferlicht mit Baggern
       gearbeitet. Andere schlafen zu dieser Uhrzeit und reisen vielleicht durch
       Traumlandschaften.
       
       Schaibles flächige Illustrationen lassen genügend Raum für eigene Gedanken
       und Beobachtungen. Sie erzählen von den verschiedenen Stunden eines Tages,
       aber auch von den vielen parallel existierenden Lebenswelten.
       
       Die poetische Geschichte über Momente des Alltags und des Zusammenlebens
       ist als ungewöhnliches Wendebuch konzipiert. Mal von der ein oder anderen
       Seiten aufzuschlagen, beginnt die Erzählung dann morgens oder abends. Doch
       immer folgt auf die Nacht ein neuer Tag.
       
       *** 
       
       ## „Noch mal sehen wir nicht weg“
       
       Rechtsextreme und autoritäre Weltanschauungen sind in Deutschland wieder en
       vogue und setzen die demokratische Gesellschaft und ihre öffentlichen
       Institutionen deutlich unter Druck. Wie können Bücher Kinder für die
       besondere Bedeutung der Menschenrechte sensibilisieren? Die kanadische
       Autorin Andrée Poulin hat das Format einer Tierparabel gewählt, um über
       Toleranz und Zivilcourage zu sprechen. Ihr aus dem Französischen
       übersetztes Kinderbuch „Noch mal sehen wir nicht weg“ handelt von Willkür
       und Gewalt in einer idyllischen Kleinstadt am See.
       
       Den Ausgangspunkt in Poulins Geschichte bildet ein berühmtes, oft
       abgewandeltes Zitat des ehemaligen deutschen U-Boot-Offiziers und
       evangelischen Pfarrers Martin Niemöller (1892–1984). Es handelt von der
       eigenen Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der verfolgten Mitmenschen
       im Nationalsozialismus und endet mit der Zeile: „… Als sie mich holten, gab
       es keinen mehr, der protestieren konnte.“
       
       Als Erzähler tritt in Poulins Parabel ein junger Hund mit menschlichen
       Zügen auf, der den Leserinnen und Lesern von den Erfahrungen seines
       Großvaters berichten will. Damals wohnte der große Hund noch in einer Villa
       am „Friedlichen See“. In dem Ort lebten andere Hunde wie er friedlich mit
       Rotfüchsen, Wölfen, Kojoten und Wüstenfüchsinnen zusammen. Aber im
       Hintergrund planten die finsteren Kaltschnauzen schon ihre brutale Aktion.
       Sie wollten, dass sich alles ändert.
       
       Die Illustratorin Sophie Casson hat mit einem Mix aus Ölkreide-Monotypien
       und Buntstiftzeichnungen den anthropomorphen Protagonisten der Parabel
       einen unverwechselbaren Ausdruck verliehen.
       
       ## Die ersten werden verschleppt
       
       Als Erstes trifft es die Rotfüchse mit ihrem auffälligen rostroten Pelz.
       Von den uniformierten Kaltschnauzen werden sie auf Pferdekarren getrieben
       und verschleppt. Der Großvater des Erzählers beobachtet vom Fenster seiner
       Hundefutterfabrik aus die Situation, aber er war kein Fuchs. Und eigentlich
       mochte er ihren strengen Fuchsgeruch noch nie. Danach trifft es die Wölfe,
       die vor Ort als Bauern leben. Ihnen nehmen die Uniformierten das Land weg.
       Dann sind die Kojoten an der Reihe und später werden die Wüstenfüchsinnen
       abgeholt. Für den großen Hund gibt es immer gute Gründe, nichts zu tun.
       
       Die klare, an Niemöllers Zitat angelehnte Textstruktur und Cassons
       lebendige Illustrationen kommunizieren recht deutlich das Anliegen dieser
       Geschichte. Doch Autorin Poulin geht auf Nummer Sicher. Mehr Fabel als
       Parabel richtet sich der erzählende Hund mit einer Hoffnung stiftenden
       Botschaft zum Schluss wieder an die junge Leserschaft.
       
       *** 
       
       ## „Wenn die Bienen schweigen“
       
       Ein totalitäres Regime erlebt auch die 14-jährige Jess in dem dystopischen
       Jugendroman „Wenn die Bienen schweigen“. In der postapokalyptischen
       Gesellschaft der Zukunft, die die Schriftstellerin Caryl Lewis in ihrem
       Buch beschreibt, hat die Klimakatastrophe längst stattgefunden. Die
       Menschen leiden unter extremer Hitze. Wasser und Lebensmittel sind knapp.
       In den unwirtlich gewordenen Städten herrscht Gewalt. Die Demokratie ist
       abgeschafft.
       
       Getrennt von ihrer Familie lebt Jess mit Hunderten Mädchen interniert und
       von den sogenannten „Müttern“ streng überwacht in einem riesigen Camp. Dort
       ist es die Pflicht der Mädchen, mit Pinseln die Obstblüte auf den Plantagen
       zu bestäuben, denn Bienen gibt es schon lange nicht mehr.
       
       Aus der Perspektive der Protagonistin schildert Caryl Lewis eine
       Gemeinschaft ohne Bücher, ohne Bildung, ohne Freiheit. Und diese Zukunft
       erscheint wie die dunkelste Vergangenheit. Doch Jess hat von ihrer Mutter
       heimlich das Lesen gelernt, liebt das Malen und erinnert sich noch gut an
       Erzählungen ihrer greisen Nachbarin vom Leben vor der Katastrophe. 
       
       Regeln und Verbote bestimmen den Alltag im Camp. Mit der ersten
       Menstruation werden den Mädchen öffentlich die langen Zöpfe abgeschnitten.
       Danach werden die jungen Frauen den für sie ermittelten Ehemännern
       übergeben. Für Jess ist das eine bedrohliche Vorstellung. Sie sehnt sich
       nach einem ganz anderen, selbstbestimmten Leben, das irgendwo im Norden des
       Landes noch möglich sein soll. Nur die verlässliche Freundschaft zu Cass,
       die das Stockbett mit ihr im Schlafsaal teilt, hilft die Entbehrungen im
       Camp zu ertragen.
       
       Mit psychologischem Gespür beschreibt die walisische Autorin glaubwürdig
       die Ängste, Hierarchien und Dynamiken der Teenager im Lager. Inmitten eines
       grausamen Systems betont der Roman flüchtige Momente von Zärtlichkeit,
       Empathie und Fürsorge. Als Eliot, einer der Wächter, Jess heimlich einige
       Farbtuben zusteckt, überschlagen sich bald die Ereignisse.
       
       Trotz Misstrauen nutzt sie diese Gelegenheit, schleicht nachts mit dem
       Blütenstaub-Pinsel aus dem Schlafsaal. „Ich gehe, so schnell ich kann, dann
       ragt die Wand vor mir auf. Sie ist zu gewaltig, als dass ich etwas über
       ihre genaue Höhe sagen könnte. Für mich ist sie jetzt und hier unterm
       Sternenhimmel nur eine große Leinwand. Eine endlose, perfekte, glatte,
       leere Leinwand.“ Mit dem Wandbild, das Jess dort sichtbar für alle
       hinterlässt, stößt sie für die Mädchen im Camp ein erstes Fenster zur
       Freiheit auf.
       
       8 Oct 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eva-Christina Meier
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kinder- und Jugendbücher
 (DIR) Schwerpunkt Frankfurter Buchmesse 
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