# taz.de -- Frauen im KZ Ravensbrück: Widerstand auf allen Ebenen
       
       > Die Gedenkstätte Deutscher Widerstand zeigt eine neue Ausstellung. Zu
       > sehen sind Frauen, die im KZ Ravensbrück inhaftiert waren, sich den Nazis
       > aber nicht beugten.
       
 (IMG) Bild: Die Ausstellung geht den Biografien von 16 Frauen nach, die in Ravensbrück inhaftiert waren, und stellt ihre Aktionen vor
       
       Es kommt nicht so häufig vor, dass ein Regierungsmitglied ein Kuchenrezept
       vorstellt. Genau das aber tat vergangene Woche Robin Mishra,
       Abteilungsleiter für Erinnerungskultur bei Staatsminister Wolfram Weimer.
       Der Anlass war kein Kindergeburtstag, sondern eine Ausstellungseröffnung.
       Es geht da um den Widerstand von Frauen im [1][Konzentrationslager
       Ravensbrück]. Das Rezept betrifft einen Bananenkuchen, geschrieben hat es
       auf Französisch und in Versform die 1907 geborene Französin Germaine
       Tillion, die in Ravensbrück inhaftiert war. Auf Deutsch geht es so:
       
       „Bananen zerdrücken schälen – in 150 g Butter einarbeiten – Nüsse gemahlen
       – Zitronenschale, Zucker nach Belieben“
       
       Nun gab es im KZ Ravensbrück für die Gefangenen weder Bananen noch Nüsse,
       kaum Zucker und schon gar keine Butter. Das Bananenkuchenrezept ist auch
       gar kein Rezept. Sondern ein Akt des Widerstands. Legt man nämlich die
       Anfangsbuchstaben der Zeilen im französischen Original nebeneinander,
       ergibt sich das Wort „Binz“. So lautete der Nachname von Dorothea Binz, der
       stellvertretenden Oberaufseherin im KZ. Ein weiteres Rezept von Germaine
       Tillion hat eine „Sauce nach englischer Art“ zum Inhalt und ergibt, auf
       dieselbe Weise gelesen, den Namen von Fritz Suhren, dem Lagerkommandanten
       von 1942 bis 1945. Die getarnten Informationen sollten dafür sorgen, dass
       die Täter nach dem Sieg der Alliierten nicht davonkommen.
       
       Ein britisches Gericht verurteilte Dorothea Binz 1947 zum Tode. Das Urteil
       wurde am 2. Mai 1947 in Hameln vollstreckt. Suhren wurde 1950 durch ein
       französisches Militärgericht zum Tode verurteilt und hingerichtet.
       
       Germaine Tillion gelang es, 1945 einen Film mit Fotos medizinischer
       Experimente aus dem KZ zu schmuggeln. Ein Jahr später veröffentlichte sie
       das erste wissenschaftliche Buch über Ravensbrück. Später engagierte sich
       die Ethnologin gegen Folter in Algerien und dem Irak. Sie starb 2008 im
       Alter von einhundert Jahren.
       
       ## Widerstand kleingeredet
       
       Der Widerstand von Frauen in Konzentrationslagern ist nach der Befreiung
       lange kleingeredet worden. Den in Ravensbrück inhaftierten Frauen wurde in
       der DDR die „Hingabe für die nächste Generation“ zugeschrieben, nicht aber
       der Kampf gegen ihre Unterdrücker, so Andrea Genest, Leiterin der Mahn- und
       Gedenkstätte im ehemaligen KZ. Die Reduzierung auf die Mutterrolle wird dem
       Einsatz der Verfolgten nicht gerecht. „Wir haben uns widersetzt, wo wir nur
       konnten“, lautet der Titel der Schau, die noch bis zum 4. April 2027 in der
       [2][Gedenkstätte Deutscher Widerstand] gezeigt wird und die das veraltete
       Bild korrigiert.
       
       Dabei musste der Widerstand innerhalb eines Konzentrationslagers
       zwangsweise andere Formen annehmen als Proteste außerhalb von Lagermauern.
       Oft verbergen sich hinter dem großen Wort Widerstand vermeintlich kleine
       Aktionen. Doch das waren sie nicht. Unter den brutalen Haftbedingungen war
       jede noch so kleine Tat mit extremen Risiken verbunden. Dass sie trotzdem
       durchgeführt wurden, zeigt eindrücklich, dass sich diese Frauen nicht von
       ihren Peinigern bezwingen ließen.
       
       Die von Stefanie Steinbach kuratierte Ausstellung geht den Biografien von
       16 Frauen nach, die in Ravensbrück inhaftiert waren, und stellt ihre
       Aktionen vor. Weitere 60 werden in einer Medienstation vorgestellt.
       
       Da ist Ilse Hunger, geboren 1910 und aktiv im Umfeld der illegalen KPD.
       Nach einer Haftstrafe kam sie nicht etwa frei, sondern wurde von der
       Gestapo nach Ravensbrück überstellt. Dort manipulierte sie Einsatz- und
       Transportlisten und unterschlug Strafanordnungen. 1945 konnte sie vom
       Todesmarsch der Gefangenen flüchten. Die 1908 geborene Erna Ludolph
       verweigerte den Hitlergruß. Als Zeugin Jehovas sollte sie ihrem Glauben
       abschwören, was sie verweigerte. In Ravensbrück lehnte sie es ab,
       Nähtäschchen für Soldaten anzufertigen, und kam deswegen in Dunkelarrest.
       
       Elisabeth Krug, Jahrgang 1900, hat in Köln als Prostituierte gearbeitet.
       Als „Asoziale“ kam sie 1938 in das erste Frauen-KZ Lichtenburg in Prettin
       an der Elbe, das in einem Schloss mitten im Ort untergebracht ist. Ein Jahr
       später wurde das KZ Lichtenburg zugunsten des neu errichteten Lagers
       Ravensbrück geschlossen. In Ravensbrück stahl sie Lebensmittel, die sie an
       ihre Mitgefangenen verteilte. Elisabeth Krug zählte zu den Gefangenen, die
       Anfang 1942 in der „Euthanasie“-Anstalt Bernburg ermordet wurden.
       
       Gefangene schädigten absichtlich Werkzeuge und Maschinen, mit denen
       feinmechanische Geräte für die Rüstung produziert wurden. Geradezu genial
       war der Einfall von Frauen, die für die SS Strümpfe herstellen mussten. Sie
       strickten die Ware an den Fersen zu eng und mit unregelmäßigen Maschen –
       Blasen an den Füßen von Wehrmachtsoldaten waren die Folge.
       
       Die in Ravensbrück inhaftierten Frauen kamen aus ganz Europa. Sie brachten
       nicht nur ihre politischen Überzeugungen, sondern auch besondere
       Fähigkeiten mit. Die niederländische Kunstlehrerin Aat Breur fertigte
       Zeichnungen mit Szenen aus dem Lager und Porträts der Gefangenen an. Auf
       einem ihrer Bilder sieht man einen Handwagen, darauf verstorbene Gefangene,
       die zum Krematorium gebracht wurden. „Zeichnen ist für mich, was für andere
       Erzählen ist“, hat sie erklärt. Die Jüdin [3][Olga Benario] war überzeugte
       Kommunistin und hielt in Ravensbrück literarische und politische
       Volkshochschulkurse ab. Sie wurde wie Krug in Bernburg ermordet.
       
       Etwa 28.000 Häftlinge überlebten das KZ Ravensbrück nicht. Nur den
       allerwenigsten Frauen gelang die Flucht. Eugenia Kocwa zählte zu ihnen. Die
       Polin zog selbst genähte Zivilkleider an und entkam nach Berlin, wurde
       erneut festgenommen, floh zum zweiten Mal und versteckte sich bis zur
       Befreiung.
       
       An diese Frauen zu erinnern ist eine Aufgabe, die bleibt, auch nach dieser
       Ausstellung.
       
       29 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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