# taz.de -- Olympisches Boxen: Dann muss es eben Nikita machen
> Bei den Europameisterschaften hoffen die deutschen Boxer auf einen: den
> Superschwergewichtler Nikita Putilov. Ein Quereinsteiger mit
> Perspektiven.
(IMG) Bild: Kann karibisches Können kontern: Nikita Putilov (li.) bei einem Kampf gegen den Kubaner Adonis Bell Iznaga, Köln 2023
Sensible Gemüter könnte das eventuell unter Druck setzen, wenn sie an einem
hochkarätigen internationalen Wettbewerb plötzlich der oder die letzte
verbliebene Aktive ihres Landes sind – für Nikita Putilov ist das nur „ein
doppelter Ansporn“. Der 23-jährige Athlet im Elitekader des [1][Deutschen
Boxsport-Verbands (DBV)] versteht mit Stress solcher Art „zum Glück relativ
entspannt“ umzugehen, wie er von sich selbst sagt.
Das hat mehrere Gründe. Erstens ist er seit je „eher der ruhigere Typ“.
Zweitens hat er gelernt, seinem eigenen, erkennbar großen Potenzial zu
vertrauen, denn „Kampfsport ist eins gegen eins, da kann dir keiner direkt
helfen.“ Und drittens hat er in der tragenden Rolle des „Last Man Standing“
inzwischen eine gewisse Übung.
„Jetzt ist nur noch Nikita da“ oder „Dann eben Putilov“: In diesem Sprech
haben Trainer und Betreuer des DBV intern schon öfter den Wasserstand
festgehalten, wenn es auf [2][großer Bühne um Medaillen] ging. So wie
zuletzt im Juni, als der in Leipzig aufgewachsene Sohn russischer
Zuwanderer beim Weltcup im chinesischen Guiyang Silber gewann; es war der
einzige deutsche Podestplatz.
Und wer weiß, ob es in Sofia nicht ähnlich kommt, wenn da 400
Boxer*Innen von Donnerstag an bei den [3][Europameisterschaften] um die
Titel in allen Limits kämpfen. So hoch wie das Superschwergewicht mit dem
imposanten physischen Format (1,97 Meter und etwa 106 Kilogramm) wird
schließlich niemand der zwölf weiteren Aktiven im deutschen Team (acht
Männer, vier Frauen) aktuell gehandelt.
## Hoffnung auf und für Olympia
Der ehemalige Schwimmer, den ein Freund mit 14 Jahren ins Gym zog, hat sich
nach eigener Darstellung gleich beim ersten Training „ins Boxen verliebt“.
Er war schon damals so gut wie ausgewachsen und hat ganz allmählich noch
etwas an Gewicht zugelegt.
So bewegt er sich heute mit auffälliger Geschmeidigkeit und erstaunlichem
Tempo im Ring: ein schlagstarker Konterboxer, dem Trainer David Hoppstock
mit viel Geduld die nötigen Finessen beigebracht hat. Die EM-Titel bei den
Junioren, bei der U19 und der U22 sowie die deutsche Meisterschaft bei den
Senioren (2024) bestätigten, dass da ein Ausnahmetalent heranreift.
Außerdem muss es einen Grund geben, warum [4][Humberto Horta Dominguez] den
Youngster am zentralen Stützpunkt in Heidelberg so intensiv studiert – was
impliziert, dass er ihn auch akribischer als andere korrigiert. Der zum
Jahresbeginn verpflichtete Cheftrainer aus Kuba hat in Putilov offenbar
eine der größten Hoffnungen für das [5][olympische Turnier 2028 in Los
Angeles] ausgemacht. Seither vergeht kaum eine Woche ohne neue Anregungen,
mit denen der kleine, energische Mann den Schützling noch beweglicher, also
ein bisschen karibischer machen will.
## Die Gewichtsklasse der ganz Großen
Da dürfte auch Prestige mitspielen: In welcher Gewichtsklasse zählte
maximaler Erfolg so viel wie in der obersten, wo [6][George Foreman],
[7][Teófilo Stevenson] oder Lennox Lewis ihre legendären Karrieren
begründeten?
Die hohe Aufmerksamkeit tut Putilov gut. Er war zunächst in ein Loch
gefallen, als die Entscheider im Verband statt seiner den etwas älteren
Kölner [8][Nelvie Tiafack] für Olympia 2024 in Paris nominierten – und
dafür Bronze zurückbekamen. Danach verspürte er ein halbes Jahr lang „keine
richtige Lust aufs Boxen, das Ziel hat gefehlt“.
Doch mit dem neuen, hoch dekorierten Chefcoach und der zentralisierten
Struktur wurden gerade frische Impulse gesetzt. „Seitdem ist schon ein
guter Sprung nach vorn zu sehen“, sagt Putilov. Und: „Man hat ein gewisses
Vertrauen, weil er schon so viele erfolgreiche Athleten entwickelt hat.
Vielleicht ist man ja der Nächste …“
Noch ist Putilov bei den Senioren nicht der Dominator, an dem sich alle
Mitbewerber orientieren. Dieser Nimbus gilt derzeit eher für den drei Jahre
ältere Kasachen [9][Aibek Oralbay], der ihn im Finale des Weltcups in China
erneut besiegte. Doch konnte jeder bei der Gelegenheit sehen, dass der
Abstand zwischen den Konkurrenten geringer geworden ist. Daraus darf der
Auszubildende der Feuerwehr („Bisher aber nur Theorie“) einige Bestätigung
für seine Medaillenträume ziehen, in Sofia wie in Los Angeles, und weiter
geht der Fahrplan vorerst nicht. Auch wenn ihn mancher Promoter bereits
vergeblich zu Profiboxabenden eingeladen hat, um irgendwann mit ihm ins
Geschäft zu kommen.
Nette Versuche, gibt der Umworbene zwischen zwei Trainingseinheiten am
Stützpunkt in Heidelberg zu verstehen. „Aber bei mir ist erst mal Olympia,
und je nachdem, was mir das für Wege öffnet, kann ich dann immer noch
entscheiden.“ Nikita Putilov bleibt gern unaufgeregt.
17 Sep 2026
## LINKS
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(DIR) [7] https://blogs.taz.de/latinorama/revolutionar-mit-boxhandschuh/
(DIR) [8] https://www.teamdeutschland.de/team/details/nelvie-raman-hess-tiafack
(DIR) [9] https://boxrec.com/de/box-am/867397
## AUTOREN
(DIR) Bertram Job
## TAGS
(DIR) Boxen
(DIR) Schwerpunkt Olympische Spiele 2024
(DIR) Amateursport
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