# taz.de -- Weltklassecoach für das deutsche Boxen: Retter aus Kuba
> Humberto Horta Dominguez ist neuer Cheftrainer von Deutschlands
> olympischen Boxern und Boxerinnen. Nicht nur die Aktiven erhoffen sich
> viel von ihm.
(IMG) Bild: Training für Olympia: Humberto Horta Dominguez
Humberto Horta Dominguez hat die Gabe der natürlichen Autorität. Er muss
sich nicht aufplustern oder inszenieren, wenn er die weitläufige
Trainingshalle fürs [1][Boxen] am Olympiastützpunkt in Heidelberg betritt.
Die zwei Dutzend Aktiven, die sich da in drei Hochringen und dazwischen
tummeln, registrieren ihn sofort. Der eine oder die andere legt dann eher
noch an Tempo und Ehrgeiz zu.
Die wachsamen, forschenden Augen des 59-jährigen gebürtigen Kubaners haben
schließlich Tiefenschärfe. Sie sehen beinahe alles: die richtigen und die
nicht ganz richtigen Bewegungen, das passende und das falsche Timing für
den nächsten Schlag, die nächste Finte, den nächsten Schritt. Das haben
diese Augen in den letzten 40 Jahren in erster Linie gemacht, in höchster
Auflösung.
Für den weitgereisten Boxlehrer ist die technisch-taktische Qualität seiner
Schützlinge immer noch das, was über Sieg und Niederlage entscheidet. „Die
ganze Welt trainiert Kondition“, wird er später mithilfe eines Übersetzers
erklären. „Die ganze Welt macht Krafttraining. Die ganze Welt schlägt auf
den Sandsack. Aber die Taktik macht den Unterschied.“ Deshalb müsse man das
Training entsprechend aufbauen, um in der Weltspitze mitsprechen zu können.
So hat er es in 24 Jahren als verantwortlicher Coach der kubanischen
Junioren gehalten. Wie auch danach, als Trainer bzw. Co-Trainer der besten
Senioren in Russland, Aserbaidschan und Frankreich. Und überall habe er die
gleiche, geradlinige Kommunikation praktiziert, wie er betont: „Du musst
dem Athleten auf alles eine Antwort geben können, die ihn überzeugt.
Immer.“
## Nachhaltige Hochleistungsstrukturen erwünscht
Sind das die richtigen Ansätze, um auch in Deutschland erfolgreich zu sein?
Im Vorstand des [2][Deutschen Boxsport-Verbandes] (DBV) geht man fest davon
aus. Er hat den renommierten Übungsleiter aus der berühmten Boxnation zum
1. Februar dieses Jahres als neuen Cheftrainer verpflichtet. In dieser
Funktion soll er „nachhaltige Hochleistungsstrukturen“ aufbauen, damit die
im ‚Perspektivkader‘ gebündelte nationale Elite sich Schritt um Schritt
immer stärker auf Medaillenrängen platzieren“ könne. So steht es in einer
Pressemitteilung, die zur Personalie gestreut wurde. Darin heißt es weiter,
dass Horta Dominguez die Fähigkeiten habe, „das Team dahin zu bringen, wo
wir einst mal waren“.
Die melancholische Referenz dürfte sich auf die Jahre nach der
Wiedervereinigung beziehen, als der Verband vor allem von der aufwendigen
Nachwuchsarbeit der DDR profitierte. So konnte er 1992 bei den Olympischen
Spielen in Barcelona mit Torsten May und [3][Andreas Tews] gleich zwei
Turniersieger stellen, zwei weitere Boxer holten Silber und Bronze. Drei
Jahre später sprangen bei der Heim-WM in Berlin gar zehn Podiumsplätze
heraus.
Diese Phase ist jedoch längst vorbei. Seit 2000 ist für deutsche Starter
und Starterinnen bei Olympia allenfalls mal eine Bronzemedaille drin. So
wie beim Turnier 2024 in Paris, als der dritte Platz des Kölner
Superschwergewichts [4][Nelvie Tiafack] eine dürftige Bilanz aufhellte.
Außer ihm hatten sich bloß noch ein weiterer Athlet und eine Athletin des
DBV fürs Turnier qualifizieren können.
Es geht also um Aufbruch und eine längere zurückzulegende Strecke, doch für
den Entwicklungshelfer aus [5][Kuba] liegt eben darin der besondere Reiz.
„Als ich auf Kuba, in Russland und Aserbaidschan gearbeitet habe, war immer
schon alles da“, lässt Horta Dominguez übersetzen. „Das war viel leichter.
Aber Deutschland hatte auch einmal dieses Niveau, und nun wollen wir dahin
zurückkommen. Es gefällt mir, dass wir den Weg von diesem Punkt aus
beginnen. So sieht man die Früchte der Arbeit viel mehr.“
## Trainieren durch die Wettbewerbe
Das eingeschlagene Tempo ist hoch. Horta Dominguez war erst ein paar Tage
im Amt, da bat er die Eliteboxer:innen samt den vier in Heidelberg
angesiedelten deutschen Trainern zum [6][Höhentraining] in den
französischen Teil der Ardennen. Anschließend lobte er „eine sehr gute
Disziplin und Motivation“. Dann folgten das hochkarätig besetzte
Strandja-Turnier in Sofia, bei dem der 23-jährige Nikita Putilov Bronze im
Superschwergewicht gewann, und eine intensive Trainingsphase im
Olympiastützpunkt. Sie sollte die Aktiven auf den ersten Weltcup der Saison
vorbereiten, der vom 20. bis zum 26. April im brasilianischen Foz do Iguaçu
steigt. Bis Ende Mai kommen zwei, drei weitere Turniere und mehrere
Trainingslager dazu.
So viel Betrieb war in der Vergangenheit selten bis nie. Aber der neue
Cheftrainer will damit dem erhöhten Rhythmus der Weltelite Rechnung tragen.
„Früher trainierte man für einen bestimmten Wettbewerb“, erklärt er. „Heute
trainiert man vor allem durch die Wettbewerbe. Das ist ein großer
Unterschied.“
Die nötigen Reisespesen zahlt der DBV einstweilen gern. Für dessen Mitte
2025 berufenen Präsidenten Farid Vatanparast ist der neu verpflichtete
Routinier schlicht „genau der Mann, den ich gesucht habe“. Das bezieht sich
nicht nur auf die Vielzahl von Medaillen, die Horta Dominguez mit seinen
Athleten an olympischen und WM-Turnieren geholt hat – darunter Legenden
ihres Sports wie Guillermo Rigondeaux, Roniel Iglesias oder [7][Odlanier
Solis]. Sondern auch auf sein Konzept einer vorsichtigen Zentralisierung
mit starken regionalen Stützpunkten sowie Heidelberg als Zentrum der Elite.
Und die erklärte Vision, Deutschland erneut „unter die Top-7-Nationen“
bringen zu wollen.
„Dieser Mann hat zu hundert Prozent mein Vertrauen“, sagt Vatanparast, „so
wie ich auch sein Vertrauen habe. Wir haben beide das gleiche Ziel.“ Der
oberste Funktionär musste unter den Entscheidern im Verband „sehr viel
Überzeugungsarbeit“ leisten, wie er sagt, um latente Skepsis zu
verscheuchen. Manch einer moserte, dass es auch geeignete deutsche
Kandidaten für den Cheftrainerposten geben müsse.
## Blick in die Augen genügt
Außerdem wurde die Sprachbarriere ins Feld geführt. Beides hatte auch mit
der gemischten Bilanz von Horta Dominguez´ Vorgänger Eddie Bolger zu tun.
Der Ex-Coach aus der irischen Nationalstaffel war 2017 verpflichtet worden,
um mit dem DBV-Kader neue Wege einzuschlagen. So ganz drang er in knapp
sieben Jahren mit seinen Vorstellungen aber nie zu allen Aktiven und
anderen Trainern durch.
Bolgers Mission glückte vor allem deshalb nur zum Teil, weil frühere
Vorstände zu echten Veränderungen kaum bereit waren: Man wollte einen
gewaschenen Buckel haben, ohne dabei nass zu werden. Deshalb zählen
Bedenken wegen der Sprache für Vatanparast wenig. „Wenn ein Athlet fünf
Stunden am Tag immer die gleichen Kommandos hört, braucht er dem Trainer
bald nur in die Augen zu sehen, um zu wissen, was der von ihm will“, ist
der Münsteraner mit iranischen Wurzeln überzeugt. „Das könnte auch auf
Chinesisch sein.“
Horta Dominguez selbst verweist bei dem Thema gern auf die Bilanz
kubanischer Trainer im Ausland. In Paris haben sie 2024 in Diensten von
Usbekistan (Männer) beziehungsweise der VR China (Frauen) die
erfolgreichsten Staffeln am Turnier gestellt – ohne Kenntnis der jeweiligen
Landessprache.
Der untersetzte Mann vertraut jenseits der Karibik einer Handvoll Zettel,
auf denen er Schlüsselbegriffe seines Sports in der fremden Sprache
notiert. Für alles weitere greift er nun im Zweifel auf seinen
Diagnostiktrainer Frank-Josef Fischer zurück. Der hat als junger Boxer
etliche Jahre lang auf Kuba gelebt sowie trainiert, auch unter ihm.
Zusammen ergibt das ein ungleiches, aber gut eingespieltes Paar, das schon
zum nächsten olympischen Turnier in Los Angeles 2028 Erfolge liefern will.
Etwa durch mehr deutsche Teilnehmer:innen, und möglichst auch durch einige
Medaillen. Danach bemisst sich nach wie vor der Umfang der Unterstützung
für den DBV durch den Deutschen Olympischen Sportbund und das
Bundesministerium des Innern.
## Aufbruchstimmung in Heidelberg
„Wir haben gute Athleten“, sagt Horta Dominguez; die rund 880 Vereine
zwischen Flensburg und Füssen sowie die fünf weiteren Bundesstützpunkte
gewährleisteten „eine solide, technische Ausbildung“. Vor dem Hintergrund
wollten sie bei Olympia „gute Dinge erreichen“. Trotzdem dürften längst
nicht alle in 27 Monaten bereits auf dem persönlichen Zenit sein. Außerdem
verfügen autokratisch regierte Nationen wie Usbekistan oder Kasachstan
inzwischen über weit mehr Mittel zur Sichtung und Ausbildung ihrer
Boxtalente. Beide haben Kuba überflügelt und teilten bei der WM 2025 in
Liverpool alle zehn Goldmedaillen für die Männer unter sich auf.
Am Stützpunkt in Heidelberg macht sich unterdessen jene Aufbruchstimmung
breit, die namhafte Trainer wohl in allen Sportarten auslösen. „Alle
merken, dass da jemand mit besonderen Kompetenzen vor ihnen steht“, hat
DBV-Sportdirektor Paul Döring registriert. „Alle ziehen bei den hohen
Trainingsumfängen voll mit und wollen auf die Turniere mitgenommen werden.
Sie spüren, dass gute Leistungen belohnt werden.“ Überdies fragen laut
Präsident Vatanparast immer mehr Aktive aus allen Ecken der Republik an, ob
und wann sie in Heidelberg vorboxen dürfen. Auch das bestätigt ihn in
seiner Personalentscheidung.
So geht die erste Runde wohl an den neuen Entrenador mit dem
unbestechlichen Blick. Dass der Kampf damit noch nicht entschieden ist,
muss ihm niemand erklären.
18 Apr 2026
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