# taz.de -- 15 Jahre Occupy Wall Street: Als die Wall Street abgeriegelt wurde
       
       > In den USA verhalf die Occupy-Bewegung einer Linken zu großer
       > Wirkungsmacht. Doch für einen basisdemokratisch öffentlichen Raum war in
       > New York auf Dauer kein Platz.
       
 (IMG) Bild: Proteste der Bewegung Occupy Wall Street am 28. September 2011 vor der New Yorker Börse
       
       Denkt man heute an den Nachmittag des 17. September 2011 in New York
       zurück, erscheint es unwirklich, dass aus den Ereignissen jener Stunden
       eine globale Bewegung mit nachhaltiger Wirkung entstanden ist. Occupy Wall
       Street kam scheinbar aus dem Nichts. Den Sommer über hatte in New York
       lediglich etwa Diffuses in der Luft gelegen. Linke und anarchistische
       Gruppen hatten sich regelmäßig und mit gewisser Dringlichkeit im Tompkins
       Square Park getroffen. Dort war die Erinnerung an die Straßenkämpfe der
       90er Jahre, bei denen es um das Recht auf öffentlichen Raum für jeden ging,
       noch vorhanden.
       
       Die Enttäuschung darüber, dass aus der Finanzkrise von 2008 nichts Neues,
       sondern nur eine noch mächtigere und unumstößlichere Version der
       neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entstanden war, hatte
       sich zu einem tiefen Frust verhärtet.
       
       In sozialen Medien und Chatgruppen kursierte zugleich die unkonkrete Idee
       von Occupy Wall Street als situationistisches Spektakel, geboren von Kalle
       Lasn und seiner subversiven Zeitschrift Adbusters. Irgendwann legte dann
       irgendwer wahllos einen Termin dafür fest.
       
       So versammelten sich am Nachmittag im Finanzbezirk Grüppchen und
       Neugierige, um zu sehen, ob sich tatsächlich etwas tun würde. Es tat sich
       etwas, doch hatte es nicht im Entferntesten den Charakter eines
       organisierten Protests. Kleine Gruppen von Demonstranten spielten Katz und
       Maus mit der Polizei. Manche drangen auf die Wall Street vor, wo sie vom
       Balkon eines Edelrestaurants von feixenden Financiers verspottet und
       sarkastisch angefeuert wurden.
       
       ## Eine basisdemokratische Utopie
       
       Es entspann sich ein fast humoristisches Hin und Her, bis die Polizei die
       Wall Street abriegelte. Die Menge zog sich in den nahen Zuccotti Park
       zurück, eine unscheinbare Betonplaza. Weil der keine offizielle Schließzeit
       hatte, verbrachten einige die Nacht dort.
       
       Eine Woche später hatten 500 Besetzer den Park in ein Lager samt
       basisdemokratischer Utopie verwandelt. Zu den zwei täglichen
       Vollversammlungen kamen Tausende. Jeder konnte das Wort ergreifen, es
       wurden Themen von Reichensteuer bis Korruption in der Politik,
       Bankenregulierung, kostenlose Bildung bis hin zur Komplettreform der
       US-Demokratie angesprochen.
       
       Das „People’s Mic“ – das Mikrofon des Volkes – machte die Veranstaltungen
       zu einem beinahe spirituellen Ritual. Es bildeten sich Arbeitskreise und
       Diskussionsgruppen, die von Marx-Lektüre bis zur Hilfe beim Erstellen von
       Lebensläufen reichte. Es entstand eine Infrastruktur mit Essensausgaben,
       Sanitäranlagen, medizinischer Versorgung und Bibliothek.
       
       Als dann Prominente von [1][Slavoj Zizek] über Sean Penn bis Michael Moore,
       Susan Sarandon und Judith Butler auftauchten, als Occupy sich in Städten
       rund um die Welt verbreitete und es Sympathiekundgebungen aus
       verschiedensten politischen Ecken gab, [2][machte sich immer mehr Euphorie
       breit]. Der Soziologe Mark Greif erklärte, man werde so lange den Zuccotti
       Park besetzen, bis die US-Demokratie repariert sei.
       
       ## Auf die Euphorie folgt der Kater
       
       Natürlich kam es nicht so weit. Der konservative Bürgermeister Michael
       Bloomberg hatte sich lange zurückgehalten, doch war klar, dass die Stadt
       einen basisdemokratisch angeeigneten und unreguliert genutzten öffentlichen
       Raum auf Dauer nicht tolerieren würde. Am 15. November räumte die Polizei
       den Zuccotti Park. Es folgte eine Massendemonstration, wie New York sie
       lange nicht erlebt hatte.
       
       Doch bald befiel ein großer Kater die globale Linke. Die Energie von Occupy
       war nicht in Programme, Forderungen oder gar konkrete politische Erfolge
       umgesetzt worden. Das wurde der Bewegung als Versagen angekreidet.
       
       Ausgerechnet Slavoj Žižek nahm in New York die Occupy-Bewegung in Schutz.
       Es sei nicht ihre Aufgabe gewesen, Forderungen und Programme so zu
       formatieren, dass sie innerhalb der existierenden Institutionen, die ja
       kritisiert wurden, konventionell messbare Fortschritte erzielen. Vielmehr,
       so Žižek, sei Occupy eine Antwort gewesen, auf die es nun eine Frage zu
       finden gelte.
       
       15 Jahre später zeichnen sich Fragen ab. Während der Invasion von
       Minneapolis durch ICE etwa gab es einen effektiven Widerstand disparater,
       aber wohlorganisierter linker und Bürgergruppen. Ihre horizontale
       Organisationsform ging direkt auf Occupy zurück, verfeinert durch neue
       digitale Werkzeuge und erprobt während der Massenproteste der
       Black-Lives-Matter-Bewegung.
       
       ## Occupys Erben setzen repressives Regime unter Druck
       
       Diese Organisationsformen spielen inzwischen in der institutionellen
       Politik der USA eine große Rolle. Das Netzwerk Indivisible etwa, das mit
       Dutzenden anderen verzahnt ist, kann jederzeit an jedem Ort des Landes
       Tausende oder gar Hunderttausende mobilisieren. Die unhierarchische
       horizontale Linke, die direkten Erben von Occupy, können KandidatInnen in
       Ämter bringen. Sie können Informationen über die Aktivitäten von
       ICE-Truppen blitzschnell verbreiten und somit ein repressives Regime unter
       Druck setzen.
       
       Vielleicht ist dies eine der Fragen, die Occupy beantwortet: Wie kann man
       innerhalb verkrusteter politischer Strukturen von der Basis her Einfluss
       nehmen und Macht ausüben? Dabei scheinen gerade Führerlosigkeit und
       Pluralität der Bewegung, die direkt auf Occupy zurückgehen, Stärken zu
       sein. Sie ermächtigen wie in Minneapolis dazu, etwas zu tun, ohne dabei
       durch vorgezeichnete institutionelle Wege eingeengt zu sein. Derzeit ist
       dies das Wirkmächtigste, was die USA dem Trump-Regime entgegenzusetzen
       haben.
       
       17 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
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