# taz.de -- US-Footballstar Colin Kaepernick: Kompliziertes Vermächtnis eines Kniefalls
> Vor 10 Jahren protestierte NFL-Profi Colin Kaepernick mit einem Kniefall
> gegen rassistische Polizeigewalt. Nun erscheint seine Autobiografie.
(IMG) Bild: Colin Kaepernick (Mitte) steht für die Rückkehr des politischen Protests im US-Sport
Als [1][Colin Kaepernick] vor fast genau 10 Jahren, am 1. September 2016,
aus Protest gegen rassistische Polizeigewalt, während des Abspielens der
Nationalhymne vor dem Spiel der National Football League in San Diego
niederkniete, ging eine Schockwelle durch die Sportwelt. Einen solch
offenen politischen Protest eines Berufssportlers hatte es seit der Zeit
von Muhammad Ali und den US-Sprintern, [2][die bei den Olympischen Spielen
1968 in Mexiko Stadt für Aufsehen sorgten], nicht mehr gegeben.
Doch die Geste, die sowohl die Black-Lives-Matter-Bewegung befeuerte als
auch die Politisierung von Athleten rund um die Welt zur Folge hatte, kam
ebenso wenig aus dem Nichts, wie Kaepernicks raketenhafter Karrierestart 4
Jahre zuvor. „Ich hatte daran genauso lange gearbeitet wie an meinen
Fähigkeiten als Quarterback“, erzählt er in seiner Autobiografie, die an
diesem Mittwoch passgenau zum Jubiläum erscheint.
Kaepernick wuchs als Adoptivsohn weißer Eltern in einem konservativen,
vorwiegend weißen Teil von Kalifornien auf. Natürlich war er sich früh der
Tatsache bewusst, dass er Schwarz ist und seine Eltern, so erinnert er
sich, haben immer die Akzeptanz seiner Schwarzen Identität gefördert. Doch
was es wirklich bedeutet, in den USA Schwarz zu sein, so Kaepernick, habe
er erst im College gelernt.
Kaepernick war an der Uni nicht nur ein überaus begabter Footballspieler,
er war auch ein außergewöhnlich kluger Student. Er absolvierte seine Kurse
mit einem glatten Einser-Schnitt, vertiefte sich dabei jedoch zunehmend
auch in „gefährliche“ Literatur. Er las Angela Davis, Malcolm X, James
Baldwin und Frantz Fanon, um, wie er heute sagt, „auf der Systemebene“ Race
zu begreifen.
## Geste mit harten Folgen
So hätte er auch eine akademische Karriere einschlagen können, wenn ihm der
Sport nicht besser gefallen hätte – die Kameradschaft unter
Footballspielern war mit nichts zu vergleichen, was er sonst je erlebt
hatte. Doch sein Wissen um systemischen Rassismus ließ ihm keine Ruhe, als
die Morde an Trayvon Martin, Michael Brown und Philando Castile das Land
zerrissen. Nachdem er unbemerkt mehrere Spiele lang während der Hymne
sitzen geblieben war, kniete er sich am 1. September an den Spielfeldrand.
Eine Geste, die er ironischerweise als respektvoller gedacht hatte, als das
einfache Sitzenbleiben.
Wie man heute weiß, beendete die Geste vorzeitig seine Karriere. „Der
Football wurde mir weggenommen“, schreibt Kaepernick. Dabei wagte niemand,
ihm offen ins Gesicht zu sagen, dass sein politischer Aktivismus ihn
disqualifiziert hatte. In San Francisco hieß es, man wollte die Offensive
umstellen. In Seattle und anderswo gab man ihm zu verstehen, dass er es
nicht persönlich nehmen solle, aber er sei nun mal schlecht fürs Geschäft.
Letzteres wiederum hält Kaepernick bis heute für einen fatalen Irrtum. Sein
Trikot war in den Jahren nach dem Protest das bestverkaufte der gesamten
Liga. Nach seiner „Just Do it“-Kampagne mit Nike schoss der Börsenkurs der
Sportmarke in die Höhe. „Die NFL hatte und hat nur die weißen Fans im
Blick.“
Heute trägt Kaepernick als Berufsbezeichnung „Bürgerrechtler“. Und auch
wenn er immer noch jederzeit lieber wieder auf dem Platz stünde, kann er
damit gut leben.
Sein Vermächtnis nach 10 Jahren bleibt derweil kompliziert. Er ist
unfreiwillig eine Ikone der Black-Lives-Matter-Bewegung geworden, gegen die
unter Trump 2.0 auf allen gesellschaftlichen Ebenen mobilisiert wurde.
Kaepernick hat im Football und anderen Sportarten die politische Geste
normalisiert. So sehr, dass sich Ligen und Verbände inklusive der NFL aus
Imagegründen daran beteiligten, ohne jedoch ihr Verhalten wirklich zu
ändern. Und Colin Kaepernick bleibt einer der wenigen öffentlichen Figuren
in- und außerhalb des Sports, [3][die wirklich etwas riskiert haben.]
In diesem Sinne sieht er als seine wahrhaftigste NachfolgerInnen die Frauen
der WNBA, die am „unerschütterlichsten und konstantesten für ihre
Überzeugungen eintreten“. Bei seinen ehemaligen Kollegen ist hingegen allzu
oft noch immer die Furcht vor Verlusten und vermeintlichen Imageschäden
stärker.
15 Sep 2026
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## AUTOREN
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mit.